Abschied

Skandal-Profi Ebert verlässt Hertha nach 14 Jahren

Publikumsliebling Patrick Ebert wird zwar am Abend im Berliner Olympiastadion sein. Aber nur, um von den Fans verabschiedet zu werden.

Foto: AFP

Gegen FK Moskau fing alles an, gegen den SC Paderborn geht es zu Ende. Vor sechs Jahren spielte Patrick Ebert im UI-Cup erstmals in der Profimannschaft für Hertha BSC, der damalige Trainer Falko Götz wechselte das Talent in der 80. Minute ein. Die Partie endete 0:0, und Ebert absolvierte 120 weitere Spiele für die Berliner. Schon in der Jugend hatte er für den Klub gekickt, 14 Jahre war er im Verein. Vorbei.

Ebert hat in dieser Woche einen Zweijahresvertrag beim spanischen Erstliga-Aufsteiger Real Valladolid unterschrieben. Beim Saisonauftakt der Berliner gegen Paderborn wird er am Freitagabend trotzdem auf dem Rasen des Olympiastadions stehen – allerdings nur vor dem Abpfiff. Manager Michael Preetz wird ihn und den vereinslosen Torwart Mikael Aerts mit einem Geschenk verabschieden. Auch Andre Mijatovic sollte dabei sein, doch der ehemalige Kapitän ist beim Spiel seines neuen Klubs FC Ingolstadt gegen Energie Cottbus. Die Fans werden vor allem Mittelfeldprofi Ebert applaudieren. Patrick Ebert, das war immer Hertha BSC pur. Berlin pur. Exzessiv, unberechenbar. Ein Stück Hauptstadt. Und deshalb Publikumsliebling.

Am Ende seiner Hertha-Zeit hat sich Ebert selbst aufs Korn genommen. Bei der Aufstiegsfeier im vergangenen Jahr stand er auf einer Bühne vor den Fans und stimmte das Lied an, das die Anhänger über ihn gedichtet haben. „Patrick Ebert… Du alter Rowdy! Du trittst die Spiegel ab, machst Kratzer in den Lack und schmeißt die Roller uuuum…die Roller um!“ Zur Verabschiedung am Abend hat Ebert sich auf dem Internetportal Facebook dieses Lied gewünscht.

Eine Hymne, mit der sich die Fans etwas über den 25-Jährigen lustig machen. Über ihn und seinen nächtlichen Streifzug durch Berlin, als er mit seinem Freund Kevin Boateng mehrere Fahrzeuge beschädigt haben soll und durch diese „Autospiegel-Affäre“ in ganz Deutschland berühmt wurde. Eine Hymne, mit der sie ihn aber vor allem ehren. Ebert, der sich so sehr mit Hertha und der Stadt identifiziert wie sonst wohl nur der Kevin Großkreutz mit Borussia Dortmund. Der wild ist, der bisweilen Fehler macht. Der alkoholisiert Auto fuhr, den Führerschein verlor, der mit Skandalen mehr auffiel als mit Leistungen. Und nach Vertragsende am 30. Juni keinen neuen Kontrakt erhielt.

Es wirkte oft, als habe Ebert keine Lust mehr

Herthas Verantwortliche sagen, sie hätten Ebert kein Angebot gemacht, weil sie nicht mehr mit ihm planten. Patrick Ebert sagt, es wäre sein Wunsch gewesen zu wechseln: „Es war Zeit für eine Veränderung.“ Er habe diese Entscheidung bereits im Winter getroffen, als sich Hertha BSC vom damaligen Trainer Markus Babbel getrennt hatte.

Ebert ist mehr als ein Rowdy mit guter Schusstechnik. Als er vor einem Jahr von einer Feier nach Hause fuhr, sah er einen betrunkenen Mann, der sich in einem U-Bahn-Schacht stürzen wollte. Mit einer Passantin hielt Ebert ihn ab – und rettete dem Mann das Leben. Mitspieler sagen, dass Ebert sehr herzlich sein kann. Die Trainer sagen, er habe eine große Stärke: Er könne und wolle hart arbeiten.

Sein öffentliches Bild war ein anderes, er hatte mit den Eskapaden selbst dafür gesorgt. Es wirkte oft, als habe Ebert einfach keine Lust mehr, dieses Bild zu korrigieren. Er fühlte sich meist unverstanden und suchte nach Orientierung im Leben. Früher hielt er sich an Kevin Boateng, was für ihn nicht immer gut war. Später konvertierte er zum Islam, wurde aber schnell wieder Christ.

Zuletzt sehnte er sich immer mehr nach einem Ort, „an dem ich in keine Schublade gesteckt werde“. In der spanischen Liga trifft er auf seine ehemaligen Mitspieler: Mit Sami Khedira und Mesut Özil gewann er vor drei Jahren die U21-Europameisterschaft. Sie stehen bei Real Madrid unter Vertrag und sind Nationalspieler, wie sein Jugendfreund Jerome Boateng vom FC Bayern. Dessen Bruder Kevin ist beim AC Mailand ein Star. „Ich weiß, dass ich es mir selbst zuzuschreiben habe, dass ich nicht dort bin, wo sie am Freitag sind. Ich müsste längst weiter sein, stand mir aber selbst im Weg. Ich habe ein bisschen später als sie begriffen, worum es in diesem Geschäft geht“, sagt Ebert.

Ob er es noch rechtzeitig begriffen hat, wird sich in Valladolid zeigen. Es ist eine große Chance für einen, der für viele Fans immer Herthaner bleiben wird.

Das Spiel gegen Paderborn gibt es bei Morgenpost Online im Liveticker.