20 Minuten lang hatte sich Jos Luhukay das Treiben seiner Schützlinge im Stehen angeschaut, als er plötzlich auf dem Rücken lag. Die Ersatzspieler absolvierten am Sonnabend ein Zirkeltraining auf einem Nebenplatz; die Profis, die am Abend zuvor gegen Paderborn gespielt hatten, liefen locker aus.
Irgendwann hatte der Trainer genug gesehen – und kümmerte sich um die eigene Körperertüchtigung. Auf dem Rücken liegend legte Luhukay eine Serie Sit-ups hin, und noch eine. Merke: Auch die Bauchmuskulatur des Übungsleiters will regelmäßig trainiert sein.
Das Leben geht also weiter. Doch die Stimmung bei Hertha BSC entsprach dem Resultat vom Freitag: Das 2:2 (0:1) zum Saisonstart in die Zweite Liga gegen den SC Paderborn war nichts Halbes und nichts Ganzes.
Zweimal war der Bundesliga-Absteiger, dessen erklärtes Ziel der Wiederaufstieg ist, einem Rückstand gegen den Außenseiter hinterher gelaufen. Insofern lobten die Beteiligten die Leidenschaft, die die Berliner vor 23.400 Zuschauern im Olympiastadion gezeigt hatten. „Wir haben zwei Mal Moral bewiesen“, sagte Peter Niemeyer, der neue Kapitän, mit Blick auf die Gegentore von Deniz Yilmaz (43.) und Alban Meha (Foulelfmeter/86.).
Vor allem die Reaktion auf den zweiten Treffer des SCP hatte es Trainer Luhukay angetan: „Der Strafstoß hat uns nicht das Genick gebrochen. Die Mannschaft war sich sicher, noch mal zurückzukommen.“
Überraschende Umstellung des Systems
Sami Allagui, der neue Angreifer bei Hertha, wandelte sein mäßiges Debüt in Blau-Weiß in ein ordentliches um, als er den Abpraller nach einem gewaltigen Ronny-Freistoß zum vielumjubelten 2:2 einschoss (88.). „Das war wichtig für Sami, weil er noch auf der Suche nach dem Rhythmus ist. Aber in der Szene stand er dort, wo ein Stürmer stehen muss“, sagte Luhukay.
Zuvor hatte Ronny mit einem Flachschuss aus 19 Metern zum 1:1 die Hausherren ins Spiel zurückgebracht (63. Minute). Wer nun das Thema Leidenschaft, Moral in der Rubrik ‚Fußball-Folklore' verbucht, worüber es sich nicht lohne zu reden, weil man diese Eigenschaften als Berufsgrundlage ohnehin bei jedem Profi voraussetzen müsse, der irrt.
Hertha hat in der vergangenen Abstiegssaison zu viele Heimspiele abgeliefert, wo diese bedingungslose Einstellung schmerzlich vermisst worden war. Deshalb war die forsche Anfangsphase zum Zweitliga-Start mit dem Pressing ebenso wichtig wie der Kampfgeist in der Schlussphase. Auch als Zeichen an die eigenen Anhänger, dass der neue Hertha-Jahrgang einige Dinge besser machen will.
Gleichwohl wussten alle, dass der eine Heimpunkt zu wenig war. Luhukay war etwas überraschend von dem fünf Wochen lang trainierten System mit zwei Stürmern (4-4-2) abgewichen und hatte auf ein 4-2-3-1 umgestellt. „Wenn wir mit zwei Angreifern spielen, haben wir einen Mann weniger im Mittelfeld“, sagte der Trainer, „ich hatte das Gefühl, dass die Mannschaft noch nicht so weit ist.“
Folge: Peer Kluge spielte anders als in der Vorbereitung nicht im defensiven Mittelfeld, sondern weit vorgeschoben in der gegnerischen Hälfte. „Meine Aufgabe war es, den zweiten Verteidiger anzulaufen“, sagte Kluge.
Ben-Hatira kehrt zurück
Doch das Pressing, mit dem Hertha die Gäste zunächst unter Druck setzte, lässt sich nicht über ein gesamtes Spiel durchhalten. „Das kann der FC Barcelona nicht, das können wir auch nicht“, sagte Luhukay. Vor allem jedoch verwerteten die Berliner die Chancen nicht.
So entwickelte sich ein Spiel, wie es den Hauptstadt-Klub in dieser Saison gegen viele Gegner erwarten wird: Paderborn verlegte sich weitgehend auf die Defensive. Zeigte sich aber bei den wenigen Ausflügen vor das Hertha-Tor brutal effizient. Aus vier Chancen machten die Gäste zwei Tore.
„Wir dürfen bei all' unserer Überlegenheit nicht vergessen, auch in Führung zu gehen“, mahnte Luhukay die fehlende Durchschlagskraft seiner Schützlinge an. Offensives, dominantes Spiel hatte Trainer Luhukay angekündigt. Dabei bleibt es: „In der Bundesliga sieht man, dass die meisten Teams sich in die eigenen Hälfte zurückzuziehen und warten. Wir gehen den schwierigeren Weg, greifen früh an.“
Offensichtlich war auch, dass längst nicht alles, was trainiert worden war, bereits ineinandergreift. Kluge etwa bestritt sein erstes Pflichtspiel seit Oktober 2011. Er machte nach einer Stunde entkräftet Platz für Ronny.
Mit Marcel Ndjeng, Allagui, Daniel Beichler, Marvin Knoll, Nico Schulz und Sandro Wagner standen weitere Profis auf dem Platz, die im Vorjahr alle nicht für Hertha gespielt hatten. „Wir brauchen noch Zeit, bis wir da sind“, sagte Luhukay, „aber wir wissen auch, dass seit Freitag die Meisterschaft begonnen hat.“
Immerhin wird sich die Personalauswahl für den Trainer vergrößern. Am nächsten Sonntag geht es in der zweiten Runde zum FSV Frankfurt. Dann ist der gegen Paderborn gesperrte Änis Ben-Hatira wieder spielberechtigt. Und mit Nikita Rukavytsya und Ben Sahar drängen weitere Alternativen in den Kader.



