Saisonstart

Bei Hertha BSC ist der Aufstieg der Star

Hertha BSC startet am Abend gegen Paderborn in eine Zweitliga-Saison voller Ungewissheit, aber auch voller Chancen.

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Jos Luhukay versucht sofort, seine Antwort wieder einzufangen. „Also, das soll jetzt nicht arrogant klingen.“ Die Frage war, wie genau der neue Trainer von Hertha BSC verfolgt, was die Konkurrenz im Aufstiegsrennen macht. Welche Neuen etwa der 1. FC Kaiserslautern, Köln, der FC St. Pauli oder 1860 München verpflichten. Luhukays Antwort: „Das beschäftigt mich überhaupt nicht.“ Schwupp, da war es wieder, das Bild von Hertha: Überheblich, irgendwie der Realität entrückt.

Waren das nicht Gründe gewesen, weshalb der Hauptstadt-Klub im Mai zum zweiten Mal binnen drei Jahren aus der Bundesliga abgestiegen war? Luhukay lächelte. „Wir nehmen jeden Gegner ernst.“ So wie am heutigen Freitag den SC Paderborn, der zum Start in die Zweitliga-Saison im Olympiastadion aufläuft (20.30 Uhr, hier im Liveticker von Morgenpost Online). Trotz einiger Abgänge immer noch eine sehr eingespielte Mannschaft, lobte Luhukay das Überraschungsteam der vergangenen Saison.

Gleichwohl steht der Trainer zu seiner Haltung: „Wir schauen nicht auf die anderen, sondern auf uns selbst. Wir müssen uns verbessern. Aber wenn wir als Kollektiv auftreten, haben wir gute Chancen.“

Der Übungsleiter aus den Niederlanden gesteht, dass sein Umfeld ihn mehrfach gewarnt hatte vor Hertha. Vor jenem Verein, der mit Babbel, Widmayer, Skibbe, Tretschok und Covic sowie Rehhagel fünf Übungsleiter verschliss und dennoch – oder eben deshalb – abstieg. Die Außendarstellung war ein großes Problem. Dann gab es die verstörenden TV-Bilder von Hertha beim chaotischen Relegations-Rückspiel samt Bengalos und Platzsturm bei Fortuna Düsseldorf (2:2).

Luhukay setzt auf den Nachwuchs

„Ich finde die Aufgabe in Berlin spannend“, entgegnet Luhukay den Skeptikern. Beobachter staunen, wie Hertha in der Sommerpause den Umschwung vom Abstiegsfrust hin zum positiven Blick in die Zukunft bekommen hat.

Der erste und wichtigste Baustein ist die Person des Trainers. Der ließ sich nach seiner Vorstellung nicht beirren von der Kritik, der Herr Luhukay sei ja nett, aber doch eher langweilig als glamourös, nicht wahr? Der Trainer trug keine Parolen vor sich her von wegen totalem Neuanfang. Doch auf leisen Sohlen vollzieht Luhukay einen tiefgreifenden Umbruch. Der zuletzt so durchschlagsschwache Sturm wurde runderneut. Mit Sami Allagui, Elias Kachunga, Sandro Wagner und Ben Sahar kamen gleich vier Angreifer. Mit Peer Kluge (30) wurde ein Routinier für das Spielzentrum verpflichtet.

Außerdem laufen am Abend in Herthas Startelf gegen Paderborn mit Sascha Burchert, John Brooks, Nico Schulz und Marvin Knoll mutmaßlich vier Eigengewächse auf. Luhukay hat mit Manager Michael Preetz den Kader umgestaltet. Hertha muss drastisch sparen, der Personaletat halbiert sich, verglichen mit der Bundesliga, auf 13 Millionen Euro.

Intern herrscht großes Aufatmen, nachdem der Verkauf von Raffael für acht Millionen Euro zu Dynamo Kiew. „Damit haben wir unsere Hausaufgaben gemacht, die Saison ist finanziert“, sagte Manager Preetz. „Es ist aber kein Geheimnis, dass wir zusätzliche Einnahme gebrauchen können.“

16.000 Dauerkarten verkauft

Staunen darf man über die Zuversicht im Umfeld. Die Fans, obwohl sie im Vorjahr mit nur vier Heimsiegen oft enttäuscht worden waren, sind neugierig auf den neuen Jahrgang. Im Vorverkauf setzte der Klub 16.000 Dauerkarten ab und übertraf damit den vereinseigenen Zweitliga-Rekord (14.500). „Hertha BSC hat eine breitete Fanbasis als noch vor wenigen Jahren“, sagte Finanzchef Ingo Schiller. Während im Mai die Stimmung unter den Fans und Teilen der Medien nach dem Abstieg so war, dass es gar nicht genug personelle Wechsel in der Chefetage hätte geben sollen, honorieren die Geldgeber, das genau das nicht eingetreten ist. Christian Jäger, Teamleiter von Rechtevermarkter Sportfive bei Hertha sagte: „Die Mitgliederversammlung war eine Schlüssel, etliche Vertreter von Sponsoren waren vor Ort. Es ist wichtig, dass Kontinuität vorhanden ist und, dass das Präsidium mit Werner Gegenbauer an der Spitze ein klares Votum der Mitglieder erhalten hat.“

Jäger räumt ein, dass es schwieriger sei als beim Abstieg vor zwei Jahren, die Unternehmen zu überzeugen. Dennoch gelang es, als Hauptsponsor die Bahn zu halten, die Zahl der Exklusivpartner steht derzeit bei sieben, im Vorjahr war es einer mehr. „Die Sponsoren bewerten die Person des Trainers, die Zusammenstellung des Kaders und die ersten Auftritte der Mannschaft positiv.“

Dennoch wissen alle Beteiligen, dass Hertha sich auf einem schmalen Grat bewegt. Der Klub hat ein Imageproblem, und das nicht erst seit sieben Monaten. „Uns ist durchaus bewusst, dass wir die Sympathien, die wir teilweise verloren haben, uns zurückerarbeiten müssen“, sagt Manager Preetz. Geschäftsführer Schiller weiß, dass der zarte Aufschwung gut für die Glaubwürdigkeit ist. „Aber die ist auf Bewährung.“

Hertha sucht sein Image

Hertha hat in den vergangenen drei Spielzeiten jeweils ums Überleben gekämpft. Der sportliche Erfolg ist auch die Grundlage für kommende Saison. Doch darüber hinaus fehlt eine Geschichte. Aufsichtsratschef Bernd Schiphorst fragt provozierend: „Wofür steht Hertha BSC eigentlich?“ Seit Jahren gelingt es dem Verein nicht, etwas Unverwechselbares zu produzieren, etwas, mit dem sich Hertha im Vergleich zu anderen Marken positionieren kann.

Vielleicht ist es ganz gut, dass die Mannschaft ohne große Namen in die Saison geht. Hertha liegt als unbeschriebenes Blatt da. Der Star ist der Aufstieg. Die Profis und ihre Trainer haben 34 Runden Gelegenheit, etwas Eigenes zu produzieren. Beginnend gegen Paderborn.