Verein in der Krise

Für den Klassenerhalt muss sich Hertha neu erfinden

Egal, wie die Relegation gegen Düsseldorf ausgeht, stehen die Berliner vor der großen Frage: Wie geht es weiter mit dem verschuldeten Klub?

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Die Hypothek ist schwer, dennoch ist der Erfolg möglich. Am Dienstag ab 20.30 Uhr versucht Hertha BSC im Relegations-Rückspiel in Düsseldorf das Hinspiel-Resultat von 1:2 umzudrehen. Es geht ums Ganze: Der Gewinner der Ausscheidung spielt in der Saison 2012/13 Bundesliga, der Verlierer in der Zweiten Liga. Doch unabhängig von Klassenerhalt oder Abstieg, ein ‚Weiter so' kann sich Hertha nicht leisten. Dafür sind die Lehren aus diesem Spieljahr zu eindeutig. Eine Mannschaft, die binnen einer Saison von fünf Trainern betreut wird, da ist Grundsätzliches verkehrt gelaufen. Auch die Zusammenstellung des Teams war nicht gelungen. Ehe es in die Details geht, etwas zum Grundsätzlichen.

Das Problem mit der Vereinsführung

Nicht nur bei Hertha, auch beim 1. FC Köln und dem HSV sind die sportlichen Krisen Ausdruck von Führungsproblemen. In Berlin wird am 29. Mai ein neues Präsidium gewählt. 16 Kandidaten bewerben sich um die bis zu neun Präsidiumsplätze. Unabhängig davon, wie die Wahlen ausgehen: Es gibt nur wenige Aspiranten, die die Qualität mitbringen, die erforderlich ist, um ein 70-Millionen-Euro-Unternehmen in der Unterhaltungsindustrie Profifußball zu beaufsichtigen.

Auch wenn der Vergleich hinkt: Beim FC Bayern sitzen im Verwaltungsrat unter anderem Edmund Stoiber, der ehemalige bayerische Ministerpräsident, Sportfunktionär Hans Wilhelm Gäb, Wirtschaftsprofessor Herbert Henzler oder Focus-Herausgeber Helmut Markwort. Schon klar, in Berlin gibt es nicht solch große Wirtschaftskraft wie in München. Dennoch ist die Art, wie das ehrenamtliche Präsidium in Berlin gewählt wird und arbeitet, ein wesentlicher Hinderungsgrund für interessierte Hochkaräter, sich bei Hertha zu engagieren. Im Zwei-Wochen-Rhythmus wird jeweils über mehrere Stunden getagt. Dazu wird der Besuch der 17 Heimspiele sowie einiger Auswärtspartien erwartet. Offizielle Anlässe wie Mitgliederversammlungen oder ähnliches gar nicht mitgerechnet. Davor steht vor den Wahlen ein Auswahlprozess, der derzeit läuft. In Westberliner Art der 1980er Jahre wird versucht, Stimmen zu organisieren, was viel mit Kumpel-Bekanntschaften, aber wenig mit Professionalität zu tun hat.

Folge: Bei Hertha stehen mit Präsident Werner Gegenbauer oder Norbert Sauer, dem Geschäftsführer der Ufa-Filmgesellschaft aus Potsdam oder Anwalt Thorsten Manske einige wenige Leute mit entsprechender Qualität bereit. Unter den weiteren Kandidaten ist mit Frank Briegmann, dem Chef von Universal Music Deutschland jemand dabei, der etwas von Unternehmensführung versteht. Dem stehen jedoch erneut zu viele Aspiranten gegenüber, von denen niemand weiß, ob sie ihrer Aufgabe gewachsen sind. Die Idee der Hertha-Satzung war, für maximale Demokratie im Verein zu sorgen. De facto jedoch bewirkt sie, dass Veränderungen nur sehr schwer durchzusetzen sind. Zum Vergleich: In München wählen die Bayern-Mitglieder den Präsidenten (derzeit Uli Hoeneß) sowie zwei Stellvertreter. Der oben genannte Verwaltungsrat wird vom Präsidium bestimmt.

Wie sieht die Philosophie aus?

Das künftige Präsidium hat indessen entscheidende Weichenstellungen zu begleiten: Für welche Idee wird Hertha künftig stehen? Nach wie vor kämpft der Klub darum, sich in der Hauptstadt besser zu verwurzeln. Das Konzept der Kiez-Besuche „Hertha hautnah“ ist im Abstiegskampf irgendwann auf Eis gelegt worden. So schön eine Mitgliederzahl von mittlerweile 30.000 ist – da wartet noch reichlich Arbeit. Eine andere Frage muss von der Geschäftsführung ausgehen. Für welches System, für welche Handschrift steht der Klub? Wie will Hertha Fußball spielen?

Eines der Probleme von Manager Michael Preetz besteht darin, dass er seine selbst gegebenen Vorgaben nicht erreicht. Er hat sich etwa Kontinuität auf der Trainer-Position gewünscht. Tatsächlich jedoch sucht Preetz mit dem Nachfolger von Otto Rehhagel den bereits sechsten Cheftrainer in seiner dreijährigen Amtszeit. Eine Hektik, die Bundestrainer Joachim Löw nicht grundlos kritisiert hat.

Die Finanzen als Herausforderung

Preetz verweist auf die schwache Finanzlage, die Hertha nicht nur wegen der Schulden von 37,5 Millionen Euro auf Jahre hinaus kaum Spielraum lasse. Das ist korrekt. Aber hierauf gilt es Antworten zu finden. Borussia Dortmund etwa musste 2008 einen drastischen Sparkurs fahren. Die Vereinsführung um BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke setzte auf eine Mischung aus Neuerung und Kontinuität. Sportdirektor Michael Zorc durfte bleiben, mit Jürgen Klopp wurde ein neuer Trainer geholt. Das Duo baute eine neue Mannschaft um die erfahrenen Roman Weidenfeller und Sebastian Kehl. Die steht für Begeisterung, Leidenschaft und Power. Die Erfolge sind bekannt.

Nun steht Hertha nicht vor der Aufgabe, eine Meistermannschaft bauen zu müssen. Im besten Fall geht es darum, eine Perspektive zu eröffnen, die Hertha auf Jahre hinaus sicher in der Bundesliga hält.

Wie heißt der Manager 2012/13?

Wer wird der Manager sein, mit dem Hertha ins neue Jahr geht? Die Stimmung tendiert derzeit in Richtung: Schuldige müssen gefunden werden. Das bedeutet nichts anderes, als dass Preetz der Sündenbock ist. Aber überraschend hat sich Präsident Werner Gegenbauer gegenüber der Morgenpost schon festgelegt: „Michael Preetz ist der richtige Mann, auch für die kommende Saison.“ Doch wird Gegenbauer dafür eine Mehrheit im kommenden Präsidium bekommen? Was passiert, falls nicht? Es ist kaum vorstellbar, dass Gegenbauer Präsident bleibt, falls seine Wunschpersonalie nicht durchgehen sollte.

Wo bleibt der Nachwuchs?

Herthas Dauerbaustelle: So exzellent die Nachwuchsarbeit ist, so unzureichend werden die Ressourcen genutzt. In dieser Saison hat keines der eigenen Talente regelmäßig gespielt. Das bestätigten die wenigen Bundesliga-Minuten von Fanol Perdedaj (459 von insgesamt 3060 Saison-Minuten), Alfredo Morales (275), Fabian Holland (180), Sebastian Neumann (103) und Marco Djuricin (35). Dabei ist die Sehnsucht nach Identifikationsfiguren aus der eigenen Stadt bei den Hertha-Anhängern mit den Händen zu greifen.

Ganz abgesehen davon, dass andere Vereine es vormachen, dass das Ausbilden von Publikumslieblingen sich lohnen kann: Stellvertretend seien hier nur der FC Schalke genannt (22 Millionen Euro Ablöse vom FC Bayern für Manuel Neuer) oder der VfB Stuttgart (30 Mio. ebenfalls aus München für Mario Gomez).

Wer sind die Leistungsträger?

Egal, ob erst- oder zweitklassig: Ein Manko dieser Saison war die Abwesenheit von Führungsspielern. Ob Andre Mijatovic, Andreas Ottl, Maikel Aerts oder Patrick Ebert – ihre Zeit ist vorbei. Aktuell muss Hertha unmittelbar nach Saisonende festlegen: Wer sind die drei, vier Korsettstangen, um die eine neue Mannschaft aufgebaut wird? Mit Torwart und Publikumsliebling Thomas Kraft hat sich ein Leistungsträger bereits zu Hertha bekannt. Levan Kobiashvili steht unter Vertrag, auch Mike Franz will bleiben. Hertha wird sich von teuren Spielern wie Raffael und/oder Ramos trennen, um Geldmittel für neue Lösungen freizumachen.

Fazit: Es stellen sich viele Fragen um Hertha. Gebraucht werden Leute, die trotz der bescheidenen Finanzmittel smarte Antworten finden.

Mehr zu Herthas Kampf gegen den Abstieg finden Sie auf unserem Blog Immerhertha.de