Das Preußische Landwirtshaus wirbt unweit des Olympiastadions mit einem schier unwiderstehlichen Angebot. Für Trauerfeiern, so verkündet es eine Tafel an der Außenfront der Lokalität ausdrücklich, gelten Öffnungszeiten auf Anfrage. Insofern ist gut beraten, wer rasch reserviert für Dienstagabend – wenn Hertha BSC das Relegations-Rückspiel gegen Fortuna Düsseldorf bestreitet, in dessen Anschluss das Dahinscheiden von Berlins führendem, in diesem Sommer 120 Jahre alten Fußballunternehmen zu beweinen steht. Oder?

Die Gefühls- und auch die Ausgangslage ist dieselbe wie vor dem 3:1 gegen Hoffenheim, durch das Hertha sich am letzten Spieltag überhaupt erst in die Ausscheidungsspiele zwischen dem Bundesliga-Drittletzten und dem Zweitliga-Dritten rettete: Alles schien schon verloren. Nur ein Wunder, so war die allgemeine Wahrnehmung, könne jetzt noch helfen. Das Wunder, es fand statt, und so ist auch jetzt, nach dem 1:2 (1:0) gegen Düsseldorf im Hin- und Heimspiel den Überlebenskünstlern aus Westend weiter alles zuzutrauen. Im vergangenen Zweitligajahr hat Hertha, dieser „konkurrenzlose Virtuose im Verpassen historischer Chancen“ („FAZ“), die Schlüsselspiele auf dem Weg zurück in die Erstklassigkeit gewonnen: auswärts und in aller Regel 2:0, so geschehen in Fürth und auch in Bochum.

Erinnerung ans Zweitligajahr

Ein 2:0 würde nun die Rettung bedeuten. „Und wir haben damals auch in Düsseldorf gewonnen“, verweist Manager Michael Preetz trotzig auf das 2:1 am zweiten Spieltag – mit einem solchen Resultat im Rückspiel ginge es nun in zweimal 15 Minuten Verlängerung, womöglich noch gefolgt von einem entscheidenden Elfmeterschießen. Im Wissen darum, wie dünn dieser letzte Strohhalm ist, an den der von ihm verantwortete Klub sich nun noch klammert, sagt Preetz: „Aus jetziger Sicht ist das nicht die schlechteste Perspektive.“

Sie könnte noch besser sein, doch Adrian Ramos wurde zur Figur des Scheiterns. Seine Geschichte der 90 Minuten vom Donnerstag erzählt die des Spiels an sich: anfangs war Ramos auffällig präsent und phasenweise sogar erstaunlich gut, aber dann mit einem Bruch in seinem Vortrag, mündend im selbst herbeigeführten K.o. in Form seines Eigentores zum 1:2. „Keine Vorwürfe“, mochte Preetz aussprechen. Wer wüsste schließlich besser als er, wie fließend die Grenze sein kann zwischen gut gemeint und schlecht gemacht. Denn es ist dies auch die Geschichte der gesamten Saison, in der Hertha anfangs auffällig präsent war und phasenweise sogar erstaunlich gut, aber dann mit einem Bruch im Vortrag, mündend im selbst herbeigeführten (sic!) K.o. für das gesamte Gebilde. Oder?

Sechs Millionen Fernsehzuschauer rätseln bundesweit über diese Frage ebenso wie die 60.000 im Stadion, Berliner wie Düsseldorfer gleichermaßen: War's das? Nach Spielschluss waren die Blicke vieler Hertha-Fans einfach nur leer; nicht hoffnungslos, doch auch nicht mehr wirklich zuversichtlich. Zu oft in dieser Saison haben sie ans Gute in ihrem Lieblingsverein geglaubt, zu oft wurden sie von der bitteren Realität eingeholt. Zu oft haben sie ihren Lieblingsverein verwünscht – und haben sich doch immer wieder mit ihm versöhnt. Wie es für ihn ist, hat „mirko030“ stellvertretend für Tausende Leidensgenossen im Morgenpost-Blog „Immerhertha“ formuliert: „Die Frau kann Man(n) verlassen. Bei Hertha fällt mir das schwerer bzw. es ist beinahe unmöglich.“ Auch jetzt noch, da es womöglich nur noch 90 Minuten sind bis zur abermaligen Rückkehr in die Zweite Liga.

Hertha mit BER verglichen

Und so donnerten Männer in Blau und Weiß eben doch wieder bis weit in die Nacht ihre „Ha-Ho-He!“-Rufe in die warme Luft. Einer fragt an den Stadionterrassen launig nach dem Unterschied von BER und HERtha BSC: „Die einen starten nicht, die anderen stürzen ab.“ Gelächter. Und die Hoffnung, dass ihre Blau-Weißen doch noch durchstarten. Kämpferisch sprach Preetz davon, dass nun „erst Halbzeit“ sei in der Relegation: „Wir gehen mit einem Rückstand in die Partie in Düsseldorf. Wir wissen, dass wir gewinnen müssen, und so gehen wir das Spiel auch an. Denn wir wissen auch, dass wir auswärts zum Teil besser gespielt haben als in Heimspielen.“

Natürlich gilt das auch für Ramos. Sechs Tore hat der kolumbianische Nationalspieler in dieser Saison erzielt – nur sechs. Aber vier davon in Auswärtsspielen. „In Düsseldorf“, sagt Preetz nun flehentlich“, gibt es auch für Adrian 90 Minuten lang die Gelegenheit, das wieder in die richtige Richtung zu biegen.“ Wie der Manager taumeln auch viele Anhänger zwischen Mut und Verzweiflung. Für die einen ist der Pechvogel vom Hinspiel der designierte Retter. „Ramos wird am Dienstag zwei Tore machen und Hertha in der Bundesliga halten. Davon bin ich überzeugt“, schrieb im Blog wieder „mirko030“. Andere wollen Ramos im Rückspiel dagegen nicht mehr auf dem Platz sehen; wie etwa „Interimstrainer“: „Adrian Ramos, der Versager – warum der 90 Minuten spielen durfte, ist mir ein Rätsel. Danke für nichts!“ Die Wahrheit? Liegt auf dem Platz. Und nur dort.