Relegation

Hertha gegen Fortuna - ein Duell für echte Kerle

Hertha BSC kämpft gegen Fortuna Düsseldorf – der große Vergleich vor dem ersten Relegationsspiel im ausverkauften Berliner Olympiastadion.

Foto: DPA

Die Saison geht in die Nachspielzeit – und Fußball-Deutschland schaut zu, wenn der Drittletzte der Bundesliga und der Dritte der Zweiten Liga um den letzten freien Eliteplatz für die Saison 2012/13 streiten. Hertha BSC und Fortuna Düsseldorf tragen diese Relegation aus, beide Partien (Donnerstag und Dienstag, jeweils 20.30 Uhr, live in der ARD) werden live im Fernsehen übertragen. Für Hertha geht es nicht um alles, aber doch um sehr viel: Ein zweiter Abstieg nach 2010 hätte erhebliche wirtschaftliche Konsequenzen für den Verein. Aber ausgerechnet dort, wo sich die Mannschaft seit geraumer Zeit besonders schwer tut, muss Hertha heute den Grundstein für den Klassenverbleib legen: im Olympiastadion. Der Zweitligist genießt im Rückspiel Heimrecht – ein Vorteil. „Uns ist es lieber so als umgekehrt“, sagt Fortuna Düsseldorfs Manager Wolf Werner.

Für die Macher beim Hauptstadtklub bedeutet der Gegner jeweils eine Reise in die eigene Vergangenheit: Manager Michael Preetz, gebürtiger Düsseldorfer, begann bei der Fortuna einst seine Profikarriere. Coach Otto Rehhagel feierte mit dem Pokalsieg 1980 seinen ersten Titelgewinn als Trainer. 32 Jahre später begegnet er an der Seitenlinie einem Schüler von früher. In den 80er-Jahren, als Trainer in Bremen, zählte Düsseldorfs Coach Norbert Meier zu seinen Lieblingsspielern.

Die Spieler, die es für Hertha und Fortuna richten sollen, hat Morgenpost Online einem Mann-gegen-Mann-Vergleich unterzogen. Das Ergebnis macht Mut: Knapper Vorteil für Hertha BSC.

Torhüter - Vorteil Hertha

Wortführer im Hühnerhaufen

Ohne Zweifel war es zuallererst Thomas Kraft, der Herthas Hoffnungen auf den Klassenerhalt am Leben gehalten hat. Auch als die Abwehr vor ihm oft ein Hühnerhaufen war, war der 23-Jährige mit durchweg guten bis sehr guten Leistungen der große Rückhalt des Aufsteigers. Aber nicht nur auf dem Platz ging Kraft voran, auch außerhalb erwarb der Torhüter sich auf Anhieb den Status eines Wortführers. Wenn Kraft etwas zu sagen hat, hören die Kollegen genau hin. Eine Ansage gemacht hat Kraft (Vertrag bis 2015) auch schon für den Fall eines Abstieges: „Ich fühle mich sehr wohl in Berlin, ich bleibe bei Hertha – egal, was passiert!“ Noch lieber will Kraft mit zwei weiteren guten bis sehr guten Leistungen dafür sorgen, dass Hertha erstklassig bleibt.

Aufstiegsheld im Abseits

Seit 2007 hütet Michael Ratajczak das Tor der Fortunen, doch in jüngerer Vergangenheit ist aus dem Aufstiegshelden des Jahres 2009 ein ungeliebter Sohn geworden. Mit Robert Almer wurde ein österreichischer Nationalspieler verpflichtet, aber der ist derzeit verletzt (Faserriss) und steht auch für die Relegationsspiele wohl nicht zur Verfügung. Deshalb kehrte mit Ratajczak der zu Jahresbeginn degradierte, langjährige Stammkeeper zwischen die Pfosten zurück. Zwar rettete auch er mit seinen Paraden Fortuna gerade noch so in die Relegationsspiele, doch zum Vorwurf gemacht werden Ratajczak Schwächen in der Strafraumbeherrschung, generell hat sich der 30-Jährige zu oft kapitale Patzer geleistet. Aus diesem Grund wartet der Schlussmann bis jetzt vergebens auf ein neues Vertragsangebot.

Abwehr - Vorteil Fortuna

Talent und Notnagel

Im Detail hängt die Besetzung der Defensive von Christian Lell ab, der gegen Hoffenheim wegen einer Fußprellung ausfiel. „Wenn er sagt, dass es geht, wird er spielen“, hat Trainer Otto Rehhagel dem Rechtsverteidiger eine Art Einsatzgarantie ausgesprochen. Zuletzt wurde Lell von Christoph Janker vertreten, der selbst seit Wochen mit Schmerzen in der Leiste spielt. Janker kann auch im Zentrum verteidigen – dann an Stelle von Peter Niemeyer, der Mittelfeldspieler, der mit seiner Ruhe und Kopfballstärke auch hinten als Notnagel wertvoll ist. Gesetzt ist im Zentrum der tschechische Nationalspieler Roman Hubnik. Links hat sich mit Fabian Holland zuletzt ein überraschender Bewerber durchgesetzt. Er – und nicht etwa Wintereinkauf Felix Bastians – bekam das Vertrauen von Rehhagel. Für den 21-Jährigen ist es der vorläufige Höhepunkt einer schon von bemerkenswert tiefen Tälern durchzogenen Karriere. Der Kapitän der U23-Mannschaft musste 2010 am Herzen operiert werden, 2011 ließ ihn ein Kompartmentsyndrom im Oberschenkel ein zweites Mal um die Karriere bangen. Jetzt ist er bei den Profis vorläufig gesetzt, seine Leistung gegen Hoffenheim gab nicht zu einem Wechsel Anlass.

Ein Ex-Berliner als Dauerbrenner

Der beste Abwehrspieler stammt ausgerechnet aus dem Nachwuchs von Hertha BSC, wo dieser Assani Lukimya sich einst aber nicht für die Profis empfehlen konnte. „Ich hatte eine schöne Zeit in Berlin, aber das ist nun auch schon eine ganze Weile, genau gesagt ein halbes Jahrzehnt, her“, sagt Lukimya. „Mein Gefühl ist recht eindeutig: Ich möchte gewinnen und aufsteigen.“ Nach einer Tingeltour durch Deutschlands Osten (Rostock, Jena) avancierte der kongolesische Nationalspieler mit der Statur eines Kleiderschranks in Düsseldorf zum Publikumsliebling und Dauerbrenner. Inklusive Pokal verpasste Lukimya in dieser Saison nicht eine Pflichtspielsekunde, aber an Beliebtheit büßte er infolge seines beabsichtigten (und durch den Abstieg des FC nun nichtigen) Wechsel nach Köln ein. Sein Partner im Zentrum, der knorrige Westfale Jens Langeneke, ist Abwehrchef und Elfmeterschütze vom Dienst: Er verwandelte neun von zehn Strafstößen. Auf der Außenbahn verteidigt der rustikale Tobias Levels; rechts, wenn Johannes van den Bergh fit ist, sonst wie derzeit links. Dann spielt rechts Christian Weber, der in Düsseldorf eine besonders wichtige Rolle hat: Er ist Kassenwart des Teams.

Defensives Mittelfeld - Vorteil Hertha

Rekordmann und Edeltechniker

Ob Andreas Ottl, Peter Niemeyer, Fabian Lustenberger oder Fanol Perdedaj – sie alle können prima Bälle erobern, sind aber mehr oder weniger limitiert im Spiel nach vorn. Gegen Hoffenheim stand Kämpfer Perdedaj noch vor der Halbzeit kurz vor dem Platzverweis. Das brachte der brasilianische Edeltechniker Ronny ins Spiel – und seine Ballsicherheit tat Hertha gut. Sowieso unverzichtbar: Levan Kobiashvili, seit dem Wochenende mit 336 Einsätzen Rekord-Ausländer der Bundesliga.

Schauspieler und Nichtskönner

Von sich selbst sagt Oliver Fink angenehm bescheiden: „Ich kann alles, aber nix richtig.“ Diese Allroundqualitäten schätzt Trainer Norbert Meier. Ob zentral defensiv oder links offensiv – selten zählt Fink mal nicht zur Startelf. Ein klassischer Abräumer mit entsprechenden Schwächen in der Spieleröffnung ist Adam Bodzek. Der Deutsch-Pole treibt manche Beobachter mit oft fragwürdigen „Schauspieleinlagen“ zur Weißglut, wie Langeneke und Rösler wälzt auch er sich gern auf dem Rasen.

Offensives Mittelfeld - Vorteil Hertha

Sorgenkinder im Aufwind

Sie wollten hinaus in die große Fußballwelt. Sie wollten Großes erreichen mit Hertha. Und sie drohten selbst an diesem Minimalziel zu scheitern. Waren nicht mehr gut genug für die Startelf der Berliner. Jetzt sind der Potsdamer Patrick Ebert und Änis Ben-Hatira, der Käfigkicker aus dem Wedding, wieder gefragt. Weil sie die richtige Einstellung an den Tag legen, weil sie kämpfen und ihren Fokus ausnahmsweise mal nicht zuerst auf spielerische Finessen legen. Mit zwei Toren beim 3:1 gegen Hoffenheim öffnete Ben-Hatira Hertha das Tor zur Relegation, war dazu auch laufstärkster Berliner. Den Schlusspunkt in diesem Spiel um das sportliche Überleben setzte Raffael mit einem Sprint über den ganzen Platz. Auch er gelobt, vollständig verinnerlicht zu haben, was in dieser Phase verlangt ist: Einsatz, Hingabe, Leistung. Denn wo dieser Raffael zweifellos Herthas bester Kicker ist, stand der Brasilianer sich in der Vergangenheit mit einem gewissen Phlegma gern auch selbst mal im Wege. Jetzt ist aber Zeit für ihn, Führungsqualität zu zeigen.

"Lumpi" will nach ganz oben

Ob es Zufall war? Just als Frankfurts Trainer Armin Veh in Sorge um die Aufstiegsambitionen seiner Eintracht die „Fallsucht“ von Sascha Rösler anprangerte, fiel dieser bis dahin so überragende Offensivmann in ein Leistungsloch. „Schwalbenkönig“ hin oder her – Rösler ist auch mit 34 noch Antreiber und Ballverteiler der Fortuna, doch am Saisonende soll Schluss sein. Noch ganz am Anfang seiner Karriere steht dagegen Maximilian Beister, Leihspieler des HSV, zu dem er nach der Saison auch zurückkehrt. Spielte bis weit in die Rückrunde hinein eine sensationell gute Saison, als superschneller, dribbelstarker Linksfuß auf dem rechten Flügel war er eine Art „Robben der Zweiten Liga“. Mit seinen Stärken provozierte er in Duellen Mann gegen Mann etliche (berechtigte) Strafstöße, er ist aber auch ein guter Distanzschütze. Und noch etwas treibt einen Düsseldorfer an: Vorzeige-Fortune und Kapitän Andreas „Lumpi“ Lambertz möchte der erste Spieler werden, der hierzulande mit einem Verein von der Vierten Liga bis in die Bundesliga marschiert.

Stürmer - Vorteil Fortuna

Sag’ mir, wo die Tore sind

Vielleicht ist Adrian Ramos in dieser Saison auch sich selbst ein großes Rätsel. Man weiß es deshalb nicht so genau, weil Ramos meist einen weiten Bogen macht um alle Fragesteller. Er würde sonst gefragt werden, warum er nur sechs Tore geschossen hat, davon die einzigen in der Rückrunde beim 3:1 in Mainz, als er spielfreudig war und durchsetzungsstark obendrein. Den Rest der Saison muss ein anderer Ramos im Hertha-Trikot gesteckt haben. Oder es waren die zahllosen kleinen Blessuren, die den Stürmer nachhaltig geschwächt haben: Doch Entzündungen, Furunkel, schlechte Blutwerte – das alles zählt jetzt nicht mehr. Nach Pierre-Michel Lasoggas Kreuzbandriss ist Adrian Ramos der letzte verbliebene Stürmer von Bundesliga-Format.

Es begann im Olympiastadion…

Es gibt bei der Fortuna eher wortkarge Fußballarbeiter wie Langeneke oder Levels. Und es gibt Ken Ilsö, Sonnyboy und Mädchenschwarm aus Dänemark. Sein Debüt im deutschen Fußball hatte der Stürmer im Januar 2011 im Olympiastadion gegeben, als Einwechselspieler beim 2:4 der Fortuna bei Hertha BSC. Bei seiner Startelfpremiere fünf Tage später erzielte Ilsö beim 6:0 gegen FSV Frankfurt drei Tore. Deren elf sind es nach nun 42 Einsätzen für Düsseldorf, sein wichtigstes Tor war das 1:1 am vorletzten Spieltag bei Greuther Fürth, ohne das die Fortuna nun nicht Relegation spielen würde. Ken Ilsö ist ein guter Freistoßschütze, technisch insgesamt sehr gut und auch flink, nicht so sehr liebt er das physische Spiel.

Live dabei Stimmen, Spiel, Einzelkritik – im Blog können Sie verfolgen, was heute im Olympiastadion passiert: www.immerhertha.de