Otto Rehhagel konnte es anscheinend gar nicht schnell genug gehen. Auf der Rolltreppe hinunter zum Stadion jedenfalls drängelte der Hertha-Trainer, er hüpfte ein paar Stufen hinunter, bis ihm Kapitän Levan Kobiashvili den Weg versperrte. Da musste er nun warten, bis die Mannschaft ihre Fahrt beendet hatte. Dann ließ der Altmeister seinen Spielern den Vortritt. Sie waren es, die im Mittelpunkt stehen sollten. Und zugleich wollte Rehhagel seinen vermutlich letzten Einzug ins Olympiastadion in vollen Zügen genießen.
Es war ein Abend, an dem sich für den 73-Jährigen der Kreis schloss: Im August 1963 hatte Rehhagel als Abwehrspieler für Hertha sein Bundesliga-Debüt gefeiert, zum Einstand gab es ein 1:1 gegen Nürnberg. Am 10. Mai 2012 nahm er nun vor 68.041 Zuschauern Abschied vom Olympiastadion, noch nicht von der Bundesliga, da steht für ihn noch das Rückspiel gegen Düsseldorf an. Aber Berlin wird den 73-Jährigen ganz sicher nicht mehr in einem Heimspiel als Trainer erleben.
Es war ein denkwürdiger Abschied, den der Cheftrainer da zelebrierte. Schließlich war er erst im März und eigentlich nur für zwölf Spiele verpflichtet worden. Welcher Trainer vermag da schon zu sagen, ob er sich eine wirkliche gemeinsame Basis mit den Fans erarbeitet hat? So oder so: Die Stimmung, die Rehhagel entgegenschlug, dürfte auch ihn über so manche Durststrecke der vergangenen Wochen hinwegtrösten.
"Wir fahren mit frischem Mut nach Düsseldorf"
Klub und Coach waren zuletzt endlich die Art von Symbiose eingegangen, die sich die Vereinsoberen gewünscht hatten. Rehhagel hatte nach seiner Inthronisation erst ein wenig gefremdelt mit all dem. Ihm kam kein Lob für Berlin über die Lippen, er wolle sich auf Fußball konzentrieren. „Mein Hotel und den Trainingsplatz“ werde er sehen, mehr nicht. Zwei Monate später klang das in der Vorbereitung auf das Düsseldorf-Spiel schon ganz anders. Der Altmeister zeigte sich ehrlich begeistert über den plötzlichen Zuschauerzuspruch. „Wahnsinn“, beschied er da, „dieses Publikum hat die Bundesliga verdient.“
An der Linie hielt er es gegen Fortuna so wie immer: Nur wenig coachte Rehhagel im Stehen, er schaut sich das Ganze lieber von der Bank aus an. Nur wenn es ihm zu bunt wurde, stand er auf und pfiff diesen unvergleichlichen Ton auf seinen Fingern. Was bleibt von Rehhagel, der einst Europameister und mehrfach Deutscher Meister wurde, auch den Europapokal der Pokalsieger gewann, von seinem Engagement in der Hauptstadt? Ist er gar wehmütig? Ach was, doch nicht König Otto!
„Ich habe eine sehr gute Beziehung zu Berlin, war auch früher drei, vier Mal im Jahr hier. Das bleibt auch so. Aber Wehmut? Ich denke nicht an den Abschied. Ich denke nur an das Spiel gegen Düsseldorf“, hat er da gesagt. 90 Spielminuten später könnte er seine Ernüchterung jedoch kaum verbergen: „Alles verlief planmäßig. Aber als die Düsseldorfer den Druck erhöht haben, haben wir einmal auf der linken Seite schlecht ausgesehen. Jetzt sind natürlich alle sehr, sehr enttäuscht. Aber wir haben noch eine kleine Chance, und die müssen wir nutzen. Wir fahren mit frischem Mut nach Düsseldorf.“ Was der Abstieg für ihn bedeuten würde? Rehhagel: „Am Dienstagabend nach dem Spiel fängt für mich der Urlaub an.“ Es kann offenbar gar nicht schnell genug gehen.




