Relegation

Hertha steuert auf emotionalen Höhepunkt der Saison zu

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Martin Kleinemas

Foto: dpa

Hertha setzt vor dem Saisonfinale neue Kräfte frei, hofft auf ein volles Olympiastadion. Einer hat noch Zeit für Scherze - Otto Rehhagel.

Die ersten Fans kamen um sechs Uhr morgens. Vier Stunden vor dem eigentlichen Öffnungstermin der Geschäftsstelle von Hertha BSC bildete sich die erste kleine Schlange vor der Tür, um 8.40 Uhr schließlich hatten die Verantwortlichen ein Einsehen und begannen mit dem Vorverkauf für das Spiel der Berliner in der Relegation gegen Fortuna Düsseldorf am Donnerstag (20.30 Uhr, HIER im Live-Ticker von Morgenpost Online).

Der große Ansturm aber erfolgte am späten Vormittag, teilweise langte die Schlange bis auf den Parkplatz hinaus. Bis zum Abend hatte der Verein schon 60.000 Tickets inklusive der gültigen Dauerkarten abgesetzt, sodass Manager Michael Preetz nicht überredet werden musste, ein mutiges Ziel zu formulieren: „Wir hoffen ganz klar auf ein ausverkauftes Stadion.“

Die Zusatztribüne am Marathontor allerdings wird wohl nicht aufgebaut, auch wenn Preetz betonte, dass „noch drei volle Vorverkaufstage anstehen.“ Und Cheftrainer Otto Rehhagel freute sich fast schon überschwänglich: „Wahnsinn! Die Unterstützung für unsere Mannschaft war ja bisher schon fantastisch. Mit einem vollen Olympiastadion im Rücken steigen unsere Chancen auf den Klassenerhalt.“

Kontrollierte Offensive

Der Rahmen wird also stimmen, wenn Hertha ab 20.30 Uhr versucht, den ersten Matchball gegen das hungrige Team vom Rhein zu verwandeln. Und war schon am Montag eine deutliche Entspannung bei den Beteiligten zu spüren, so schlug dieses Gefühl fast schon ein bisschen in Euphorie um.

So gelöst und sympathisch wie auf der obligatorischen Pressekonferenz jedenfalls hatte sich Otto Rehhagel schon lange nicht gegeben. Und doch: Er und Preetz ließen keine Möglichkeit ungenutzt, um alle Beteiligten auf die Bedeutung der zwei Partien einzuschwören.

„Es geht um die Bundesliga, mehr muss man wohl nicht dazu sagen“, sagte der Manager, und Rehhagel gab schon einmal die taktische Marschroute für den ersten Abend aus: „Wir dürfen hier keinen Treffer kassieren, das ist wichtig.“

Kontrollierte Offensive lautet also die Vorgabe. Vermutlich wird es Rehhagel mit der gleichen Elf probieren, die am Sonnabend gegen Hoffenheim 3:1 gewonnen hatte.

„Es heißt ja immer: Never change a winning team“, zitierte der 73-Jährige, fügte aber mit einem Schmunzeln an: „Aber das hat bei mir auch nicht immer Bestand.“

Emotionaler Höhepunkt

Ganz klar: Hertha schwimmt auf einer neuen Welle der Begeisterung und ist irgendwie auch in die Normalität zurückgekehrt – ausgerechnet vor dem großen Finale. Das ist psychologisch recht einfach zu erklären, standen die Berliner über Wochen recht passiv im Tabellenkeller.

Egal, welche Anstrengungen unternommen wurden, irgendwie gelang die Befreiung nicht. Das Saisonziel war noch fern, niemand konnte sagen, was ein Punkt wert ist, ob er nun gewonnen oder verloren war.

Jetzt, mit einem Schlag, konzentriert sich das gesamte Wohl und Wehe dieser Saison auf zwei Partien. Da werden noch einmal ungeahnte Kräfte frei, sowohl bei den Spielern, als auch im Umfeld.

„Es war ganz wichtig, dass wir selbst gewonnen haben und nicht einfach so in die Relegation reingeschliddert sind“, analysiert Peter Niemeyer treffend. In dem Fall hätte wohl vor allem das Umfeld so reagiert, wie es die Wochen zuvor verbracht hatte: lethargisch und bereits eine Spur desinteressiert.

"Sie waren immer bereit"

Jetzt aber kumuliert die gesamte Saison in einem einzigen emotionalen Höhepunkt. Auch Trainer Otto Rehhagel hat das bemerkt. Ein bisschen wirkt es so, als hätte er selbst erst nach dem Sieg gegen Hoffenheim seinen Glauben an ein Happy End zurückgefunden.

„Das Spiel hat gezeigt: Die Jungs wollen nicht absteigen. Sie waren immer bereit. Aber es war schon eine schwierige Situation.“

Damit meint der Coach vor allem die lange Liste an Verletzen und Gesperrten, die sich nun im richtigen Moment lichtet. Alle Spieler, die zuletzt gefehlt hatten, hätten auch am Dienstags-Training teilgenommen, berichtete der Trainer.

Und dabei machte er eine fast schon sensationelle Entdeckung: Im Training klappen die Dinge einfach besser. „Am besten spielen wir, wenn der Gegner nicht da ist“, sagte Rehhagel, der nächste Spruch von ihm, der wohl in die Berliner Sport-Annalen eingehen wird, „dann schießen wir auch Tore wie am Fließband.“

In der vergangenen Woche, so viel ist sicher, besaß der Trainer nicht die Lockerheit, solche Possen zum Besten zu geben. Doch genau das tut Hertha gut in diesen Tagen. Alles muss sich ganz normal anfühlen. Auch wenn natürlich genau das Gegenteil der Fall ist.