1:2 gegen Lautern

Hertha taumelt dem Abstieg entgegen

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Martin Kleinemas und Uwe Bremer

Vor gespenstischer Kulisse verpasst Kaiserslautern den Berlinern den möglichen Knock-Out. Bei den Hertha-Fans regiert sprachloses Entsetzen.

Diese Stille. Sie hatte sich schon durch die gesamte zweite Hälfte gezogen, und doch war es gespenstisch, wie die Fans von Hertha BSC bei Abpfiff reagierten: Nämlich gar nicht. Ein paar Becher flogen über den Graben zur Laufbahn, ansonsten leerte sich die Ostkurve erstaunlich schnell.

Die Fans wollten es wohl einfach nicht wahrhaben, dass auch der nächste Matchball daneben gegangen war. Und straften ihr Team einfach mit Liebesentzug – angesichts der zuvor gezeigten Leistung war das nur verständlich. Nach einer enttäuschenden Vorstellung verlor Hertha BSC gegen den trotzdem abgestiegenen 1. FC Kaiserslautern mit 1:2 (0:2) und verpasste die große Chance auf einen Befreiungsschlag im Kampf um den Klassenverbleib in der Fußball-Bundesliga.

Zu allem Überfluss sah Peter Niemeyer nach Meckern und einem taktischen Foul eine Viertelstunde vor Schluss die Gelb-Rote Karte und wird im nächsten Spiel beim FC Schalke 04 fehlen. Ausgerechnet der Erzfeind aus dem Ruhrgebiet kann Herthas Abstieg am kommenden Sonnabend besiegeln.

Griff in die Trickkiste

Dabei hatten sie sich das alles so schön ausgedacht. Otto Rehhagel hatte einmal mehr ganz tief in die Trickkiste gegriffen. Er hatte darum gebeten, die Kabine wechseln zu dürfen. Hertha logierte so also in den Räumlichkeiten, die normalerweise den Gastmannschaften vorbehalten sind. Und nicht nur das: Die Profis liefen in den weißen Pokaltrikots auf, in denen sie die letzte Partie gegen den 1. FC Kaiserslautern kurz vor Weihnachten souverän mit 3:1 gewonnen hatten.

In der gesamten Rückrunde war das Team nicht mehr in weiß angetreten. Als Herthas Ersatzspieler dann auch noch auf der Auswärtsbank Platz nahmen, war die Intention klar: Mit allen Mitteln und einer gehörigen Portion Aberglaube wollte der Coach gegen den Heimfluch vorgehen und den Spielern mental eine Partie in der Fremde suggerieren. Einzig – es half alles nichts.

Denn die Pfälzer erwischten gleich mal den besseren Start. Nach einem Freistoß von Alexander Bugera tauchte plötzlich Mathias Abel vollkommen frei vor Torwart Thomas Kraft auf, sprang aber zu spät ab und verfehlte den Ball per Kopf nur um Zentimeter. Schon hier zeigte sich, woran das Spiel kranken sollte: an der schlechten Abstimmung in der Abwehr.

Zunächst aber reagierte Hertha so, wie sich Rehhagel das unter einer „kontrollierten Offensive“ vorgestellt hatte. Sein Team rannte nicht blind an, sondern wartete geduldig auf Chancen. Wie in der15. Minute, als Niemeyers Kopfball von Torwart Sippel pariert wurde. Hertha erarbeitete sich jetzt eine Reihe guter Möglichkeiten, vor allem die rechte Seite mit Christian Lell und Tunay Torun tat sich dabei hervor.

Doch im gegnerischen Strafraum ließen die Herthaner all zu oft die letzte Entschlossenheit vermissen und kombinierten, wo ein simpler Torschuss sinnvoller gewesen wäre (19./20./22.). Nach 25 Minuten hatten die Berliner 63 Prozent Ballbesitz auf dem Konto – bis hierhin lief alles nach Plan, sieht man von der Torausbeute ab.

Wie aus dem Nichts und für die Berliner schockierend aber fiel dann die Führung für Kaiserslautern: Der junge Fabian Holland ließ Sahan in einem ansonsten ordentlichen Bundesliga-Debüt flanken, und in der Mitte ließ sich Routinier Lell von Oliver Kirch düpieren – 0:1 (27.).

Die Berliner wirkten konsterniert, die Angriffe gerieten jetzt unpräziser und hektischer. In der 38. Minute kam es, wie es kommen musste: Nach einem Ballverlust von Adrian Ramos machte Konstantinos Fortounis Druck, legte den Ball quer auf Andrew Wooten – 0:2. Jetzt drohten alle Dämme zu brechen, in der Nachspielzeit der ersten Hälfte hatte Hertha gar Glück, dass erneut Wooten aus fünf Metern zu hoch zielte.

Wechsel ohne Wirkung

Immer deutlicher wurde, dass Hertha den Ausfall aller etatmäßiger Innenverteidiger nicht kompensieren konnte. Dass Zweikämpfe zu zaghaft geführt wurden. Und dass außer Raffael und dem bemitleidenswerten Kraft niemand auf dem Platz stand, der sich gegen die Niederlage stemmen wollte.

Rehhagel reagierte zur Pause, stellte in ein kompakteres 4-2-3-1 um und brachte Fanol Perdedaj für Tunay Torun und Patrick Ebert für den enttäuschenden Adrian Ramos – ohne große Wirkung damit zu erzielen. Die Abwehr bekam den agilen Wooten einfach nicht in den Griff, vor dem Kraft in letzter Sekunde rettete (52.). Im Stadion wurde es immer stiller, die Fans schwiegen. Auch, weil Konkurrent Köln beharrlich einen Punkt gegen Stuttgart festhielt.

Nicht einmal Schmähgesänge kamen ihnen noch über die Lippen. Die Anhänger wollten einfach nicht mehr. Auch nicht nach dem Anschlusstreffer durch Peter Niemeyer (60.). Sie ergaben sich ihrem Schicksal. Und taten es so ihrer Mannschaft gleich, die am Ende sogar noch höher hätte verlieren können.

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