Die Gegensätze liegen dicht beisammen. Fabian Lustenberger suchte im Fanshop von Hertha BSC nach seinem Geld, er hatte einen blau-weißen Ball erworben. Zum Verschenken, nicht für sich, langsam humpelte der Mittelfeldspieler zur Kasse. Sein linker Fuß steckte in einem „Air Walker“, der jegliche Belastung vom Gelenk nimmt.
Im Abstiegskampf könnte Hertha den Mittelfeldspieler gut brauchen. „Ich wäre auch gern dabei“, sagte Lustenberger. Aber an Sport ist nicht zu denken. Seit Anfang Februar plagt den Schweizer ein schwere Prellung, eine Knochenmark-Ödem. Die Saison ist für ihn gelaufen, er wird den Abstiegskrimi am Sonnabend gegen den 1. FC Kaiserslautern von der Tribüne des Olympiastadions aus verfolgen (15.30 Uhr, hier im Live-Ticker von Morgenpost Online).
Ein paar Schritte weiter saß Felix Bastians an einem Computer. Der Neu-Herthaner, im Winter vom SC Freiburg gekommen, ist eine Schlüsselperson für die Partie des Tabellen-Vorletzten gegen das Schlusslicht aus der Pfalz.
Köln ist nur ein Punkt voraus
„Alles bestens“, strahlte Bastians, der gegen Kaiserslautern in jedem Fall in der Startelf stehen wird. Bastians erfüllt eine der Anforderungen, die Trainer Otto Rehhagel am Donnerstag so beschrieb: „Jeder Spieler muss da spielen können, wo er aufgestellt wird, auch wenn er da sonst nicht spielt.“ Ausgerechnet zum Saison-Endspurt plagen Hertha Sorgen in der Defensive. So fallen weiterhin die Manndecker Franz, Mijatovic, Hubnik, Neumann aus, zudem ist Levan Kobiashvili Rot-gesperrt. Das trifft sich schlecht für die Begegnung des 32. Spieltages, die Otto Rehhagel als „die wichtigste überhaupt“ bezeichnet.
Der Trainer muss mit Hertha gegen seinen Ex-Verein gewinnen, nur so bleibt die Chance gewahrt, den 1. FC Köln zu überholen, der einen Punkt vor den Berlinern auf Relegationsplatz 16 liegt und Heimrecht gegen den VfB Stuttgart hat. Seine Vergangenheit in Kaiserslautern mag Rehhagel derzeit nicht thematisieren. Nicht nur, weil er als FCK-Trainer im April 1997 beim legendären Zweitliga-Spiel vor 75.000 Zuschauern im Olympiastadion gegen Hertha mit 0:2 unterlegen war. Von 1966 bis 1972 war Rehhagel bei den „Roten Teufeln“ Spieler, von 1996 bis 2001 Trainer, inklusive des sensationellen Deutschen Meistertitels von 1998. „Ich habe dort mehr als zehn Jahre meines Lebens zugebracht“, sagte Rehhagel, „das kann ich nicht in wenigen Sätzen zusammenfassen, was das für mich bedeutet. Aber jetzt ist nicht die Zeit, über die Vergangenheit zu reden. Das einzige was zählt, sind die 90 Minuten am Sonnabend.“
Mit Blick auf das dritte Treffen gegen Kaiserslautern in dieser Saison (1:1 in der Hinrunde, 3:1 im Achtelfinale des DFB-Pokal) wusste Rehhagel am Donnerstagnachmittag noch nicht, wie er das Aufstellungspuzzle lösen wird. Felix Bastians ist wegen seiner Vielseitigkeit definitiv dabei: Entweder auf seiner angestammten Position als linker Verteidiger. Oder, falls auch Christoph Janker (Adduktorenprobleme) ausfallen sollte, würde Bastians als Innenverteidiger aushelfen. Gemeinsam mit Peter Niemeyer hatte Hertha das schon am vergangenen Wochenende beim 3:3 gegen Bayer Leverkusen probiert.
Ronny hofft auf seine Chance
Dann muss Rehhagel eine neue Lösung für die linke Abwehrseite finden. Am Donnerstag stieß Nico Schulz (19) nach einem Ausflug zur U19-Nationalmannschaft, die 0:0 gegen Tschechien spielte, wieder zum Hertha-Tross. Schulz wird gegen Kaiserslautern im Kader stehen, aber Trainer Rehhagel sagte, in dieser Saisonphase werde er keine Experimente starten, sondern auf Spieler setzen, die bereits im Einsatz waren. Das hört sich weniger nach Schulz an, der über keinerlei Bundesliga-Erfahrung verfügt. Sondern eher nach Ronny (25), der Bruder von Spielmacher Raffael war immerhin sieben Mal im Bundesliga-Einsatz, wenn auch keinmal über 90 Minuten.
Noch offen ist, ob Pierre-Michel Lasogga eingesetzt werden kann. Der Torjäger hat muskuläre Probleme, er trainierte am Donnerstag zum ersten Mal in dieser Woche mit der Mannschaft.
Neben der personellen Ausrichtung wird es darum gehen, ob Herthas Nervenkostüm dem Druck im Saisonfinale gewachsen ist. Alles ist möglich: Von Klassenerhalt über Relegation bis hin zum Abstieg. Rehhagel sagte: „Wir müssen die Aufgabe mit Leidenschaft und Mut angehen, aber wir dürfen nicht kopflos ins Verderben rennen.“ Torwart Thomas Kraft verwies darauf, dass sich nicht das Drama von Leverkusen wiederholen dürfe, als Hertha die erste Halbzeit praktisch herschenkte und erst nach einem 0:2-Rückstand richtig aufwachte: „Wir müssen agieren und dürfen nicht nur reagieren.“
Heimschwäche der Berliner
Eine wichtige Rolle wird den Fans zukommen. Hertha erwartet mehr als 50.000 Zuschauer, Rehhagel hofft im vorentscheidenden Saisonspiel auf 60.000. „Die Fans haben die Situation angenommen und die Mannschaft unterstützt.“
Allerdings wusste selbst der Trainer-Routinier keinen rechten Rat über die Heimschwäche, die die Hausherren seit längerem heimsucht. Seit 2009 haben die Berliner von 32 Erstliga-Partien im Olympiastadion lediglich vier gewinnen können. „Dass Hertha in den letzten Jahren sowenig Heimspiele gewonnen hat, ist bedenklich. Ich weiß auch nicht, woran das liegt. Wir müssen sehen, dass wir unsere Chancen nutzen, so wie die Mannschaft das in der zweiten Hälfte in Leverkusen getan hat.“





