Zu tun wäre hier wie da wahrlich genug. Aber hier wie da hatten die Cheftrainer im Laufe des Sonntag entschieden: Montag findet entgegen allen vorherigen Festlegungen kein Training statt. Die kurzfristige Freizeit für erfolglose Fußballprofis ist nicht die einzige Parallele zwischen Hertha BSC und dem 1.FC Köln. Gegeneinander kämpfen der 16. und 17. der Bundesligatabelle um den Klassenerhalt. Im Chaos sind sie vereint. Unabhängig voneinander befinden sich nun schon seit Monaten zwei Traditionsklubs im deutschen Fußball im Selbstzerstörungsmodus.

Einzig der eklatanten Schwäche des Tabellenletzten 1.FC Kaiserslautern ist zu verdanken, dass ein Absteiger aus der Fußball-Bundesliga sechs Spieltage vor Saisonende schon gefunden scheint; anders formuliert: dass nur noch ein Begleiter des FCK in die Zweite Liga zu ermitteln ist. Diesen machen nach jetzigem Stand in erster Linie Hertha und Köln unter sich aus. Der Bessere von beiden darf in zwei Relegationsspielen gegen den Zweitliga-Dritten um den Klassenerhalt kämpfen.

Peinliche Possen am 1. April

Am Sonntag, dem 1. April, fügten beide Schwergewichte einer Saison voll Pleiten und Pannen eine weitere kaum zu glaubende Posse hinzu – in beiden Fällen handelte es sich ausdrücklich nicht um Aprilscherze. In Köln durfte letzten Endes Trainer Stale Solbakken doch im Amt verbleiben, nachdem zwischenzeitlich einige Medien seinen Rauswurf und die Rückkehr von Vorgänger Frank Schaefer bereits als fix vermeldet hatten. In Berlin erweckte derweil der Geschäftsführer für Sport und Kommunikation, Michael Preetz, den Anschein, als plaudere er am Tag nach dem 1:4 gegen den VfL Wolfsburg ein wenig mit sich selbst über seine Sorgen und Gedanken im Abstiegskampf.

Um die Fußballunternehmen Hertha BSC und 1.FC Köln in Gänze verstehen zu können, lohnt ein tieferer Blick auf die Gebilde an Spree und Rhein. Beim FC stellt sich auf Präsidiumsebene seit dem Rücktritt von Wolfgang Overath im November 2011 die Frage, wer den Klub künftig führen soll. Bei Hertha ist Werner Gegenbauer als Präsident zumindest derart unumstritten, dass Opposition nicht in Sicht ist.

Preetz bei Abstieg unter Druck

Gleichwohl gibt es noch keine Verkündung darüber, an genau welchem Tag im Mai seine geplante Wiederwahl stattfinden soll. Mit Blick auf die Tabelle mache es „ganz klar Sinn, die Mitgliederversammlung an einem Termin nach den Relegationsspielen abzuhalten“, sagt Preetz. Dessen berufliche Zukunft hängt unmittelbar vom sportlichen Ergebnis dieser Saison ab. Steigt Hertha ab, wird Preetz trotz Vertrag bis 2014 kaum im Amt verbleiben können. Zwar ist die Treue von Präsident Gegenbauer zu Preetz nach Informationen von Morgenpost Online unverändert unverbrüchlich.

Doch wächst so nur die Kritik an beiden starken Männern des Vereins. Intern wie extern gleichermaßen mehren sich die Klagen, dass Preetz und Gegenbauer nicht nur sämtliche Entscheidungen im Alleingang träfen, sondern dass sich darunter immer seltener auch Hertha zuträgliche Festlegungen befinden. Preetz’ merkwürdig anmutender Monolog vom 1. April auf der Hertha-Homepage, bei dem es sich nach Aussage des Vereins ausdrücklich nicht um einen Aprilscherz handelte, steigerte nur noch das Staunen über einen in der Krise scheinbar hilflosen und überforderten Manager.

Fußball gerät in den Hintergrund

Doch was ist das gegenüber dem Vakuum, das in Köln auf der sportlichen Gestaltungsebene herrscht. Mangels Alternativen trifft beim FC nun schon Geschäftsführer Claus Horstmann die Entscheidungen – obwohl er doch weitgehend frei ist von fußballerischer Kompetenz. Im Hintergrund wirkt Idol Toni Schumacher, der gleichzeitig mit dem Posten des Vizepräsidenten liebäugelt, als Ratgeber.

Sportdirektor Volker Finke war entlassen worden, ehe er dem Trainer Solbakken seinerseits die Papiere aushändigen konnte. Immerhin, hierin unterscheiden sich beide Klubs: Bei Hertha muss immer der Trainer gehen, ehe es mal Preetz an den Kragen geht. So beschäftigt Hertha in Otto Rehhagel in dieser chaotischen Saison nun schon den fünften Übungsleiter, Otto Rehhagel, und ignoriert, dass sämtliche Probleme mit dem von Preetz herbeigeführten Abgang der laufenden Nummer eins, Markus Babbel, ihren Anfang genommen haben. In Köln ist mit Solbakken derweil ein Trainer in seinem ersten Bundesliga-Jahr niemals Herr der vielen ihn umgebenden Probleme geworden. Trotzdem hat der fachfremde Horstmann ihn nun damit beauftragt, „drastische Veränderungen in der Mannschaft“ herbeizuführen.

Ansammlung von Selbstdarstellern und Dilettanten in Köln

Zurück bleiben zwei Mannschaften, die inmitten des sie umgebenden Irrsinns einigermaßen unbeschwert Fußball spielen sollen – und verständlicherweise so ihre liebe Mühe haben mit diesem Anspruch. „Den FC mit einem Karnevalsklub gleich zu setzen, beleidigt das Brauchtum“, kommentiert der „kicker“ und fährt schonungslos fort: „Es ist und war eine Ansammlung von Selbstdarstellern und Dilettanten, die da Kader zusammenstellt, Trainer verpflichtet, Präsident ist, sein will oder Präsidenten sucht.“ Sieht Kölns Ex-Trainer Christoph Daum ganz ähnlich, Morgenpost Online sagte er: „Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem du dir sagst: Jetzt reicht es mir. Das ist bei Spielern so, bei Trainern und bei Fans.“

Letztgenannte machten in Köln zuletzt vermehrt durch Randale auf sich aufmerksam, Anhänger des Gegners wurden terrorisiert und die eigenen Profis am Spielerparkplatz wenigstens kritisch zur Rede gestellt. Andererseits steckt hinter solch fragwürdigem Gebaren zumindest noch so etwas wie Leidenschaft für den Verein. Bei Hertha intonierten am Sonnabend tausende Wolfsburg-Fans den Stadionklassiker, wie schön es doch wäre, den künftigen Zweitligisten Hertha nie mehr zu sehen. Zeitgleich drängten draußen zehntausende Berliner zu den Parkplätzen und der S-Bahn. Die meisten schweigend. Desillusioniert.

Ein paar Stunden später, am Sonntag, interviewte Michael Preetz dann sich selbst.