Fußball

Hertha BSC scheitert gegen Wolfsburg an sich selbst

Beim 1:4 gegen Wolfsburg werden etliche Chancen vergeben. Otto Rehhagel bleiben im Abstiegskampf nur noch Durchhalteparolen.

Foto: DPA

Es war ein schwerer Gang. Levan Kobiashvili ging vorweg, der Rest der Mannschaft folgte. Doch 30 Meter vor der Fankurve drehten die Profis von Hertha BSC ab. Ein gellendes Pfeifkonzert sowie diverse Wurfgeschosse schlugen ihnen aus der Ostkurve entgegen.

Hertha BSC hatte eine bittere Niederlage eingesteckt. Trotz einer engagierten und mutigen Offensiv-Leistung unterlagen die Berliner dem VfL Wolfsburg mit 1:4 (1:2). Da mit dem HSV, Augsburg, Freiburg und Mainz gleich vier Konkurrenten aus dem Tabellenkeller gewannen, schwebt der Hauptstadt-Klub sechs Runden vor Saisonende in akuter Abstiegsgefahr. Hertha liegt als Vorletzter vier Punkte hinter dem rettenden Ufer, so schlecht stand der Klub in dieser Saison noch nie. Wie tief der Schock die Blau-Weißen getroffen hat, war nach dem Spiel offensichtlich: Obwohl laut Verträgen mindestens zwei Spieler sowie der Trainer den Pay-TV-Kanal Sky für sogenannte Blitzinterviews zur Verfügung stehen müssen, waren die Berliner sprachlos in die Kabine marschiert.

Erst 20 Minuten nach Abpfiff stellte sich Otto Rehhagel: „Es ist natürlich eine ganz bittere Niederlage. Wir hatten Riesenchancen. Aber noch ist Hertha nicht verloren, wir werden nicht aufgeben und können den Anschluss noch schaffen. Man hat in dem Spiel gesehen, dass wir so weit nicht weg sind. Wir brauchen zwei drei Tage, um das alles zu verarbeiten. Dann werden wir weiter kämpfen.“

Im Duell der Trainer-Füchse hatte Felix Magath vorhergesagt, was die Zuschauer im Olympiastadion erwarten werde. Mit Blick auf die vielen Gegentore, die beide Teams im bisherigen Saisonverlauf kassiert hatten, orakelte Magath: „Beide Mannschaften werden ihr Heil in der Offensive suchen.“

Und so kam es auch. Hertha hatte sich zunächst gut auf die hohe Verteidigung der Gäste eingestellt, die auf ihre Abseitsfalle setzten. Doch in Serie überliefen die schnellen Nikita Rukavytsya, Änis Ben-Hatira und Adrian Ramos die Abwehrkette des VfL.

Die erste Großchance vergab Raffael, der freistehend den Ball Zentimeter am Wolfsburger Tor vorbeizirkelte (7.). Nach 13 Minuten belohnten sich die Hausherren. Nach einem Ben-Hatira-Pass sprintete Rukavytsya allen davon, seinen Schuss konnte Torwart Diego Benaglio noch abwehren, aber Levan Kobiashvili schob den Abpraller ins leere Tor, 1:0.

Dejagah mit starker Partie

Fast eine halbe Stunde dauerte es, dann verlegten sich auch die Gäste auf die Offensive. Und hier zeigte sich die Kehrseite der Medaille. Im Rückwärtsgang offenbarte Hertha gnadenlose Schwächen. Wolfsburgs Ashkan Dejagah setzte sich nach Belieben durch.

Nach 29 Minuten flankte der Ex-Herthaner scharf in die Mitte, Christoph Janker, der einen Meter vor der Torlinie stand, bekam den Ball ans Schienbein, von dort sprang er gegen den Innenpfosten und ins Netz, 1:1, ein lupenreines Eigentor. Die Hausherren waren geschockt, die Wölfe legten nach. Wieder enteilte Dejagah dem überforderten Felix Bastians, im Strafraum war Patrick Helmes schneller als Janker, an dem Schuss ins lange Eck war für Hertha-Torwart Thomas Kraft nichts zu halten, 1:2 (34.).

Zur Pause reagierte Hertha-Trainer Rehhagel, erlöste Bastians und brachte mit Pierre-Michel Lasogga eine zweiten Stürmer. Die Hausherren kamen nun in der 4-4-2-Taktik. Und erspielten sich weiter Chance auf Chance. Ben-Hatira scheiterte freistehend mit einem strammen Schuss an Benaglio (48.), Hubnik köpfte dem Torwart in die Arme (53.). Lasogga brachte den Ball aus neun Metern nicht (!) im VfL-Tor unter.

Langsam machte sich Nervosität breit. Ramos lief über 20 Meter allein auf das Wolfsburger Tor zu – und schloss hektisch ab, Benaglio klärte per Fußabwehr (66.). Gar nicht mehr fassen konnte es der kolumbianische Nationalstürmer, als er sechs Minuten später den Ball aus vier Metern über den Kasten köpfte, Ramos schlug die Hände vors Gesicht.

Mandzukic und Helmes treffen

Dann passierte, was zu befürchten war. Wolfsburg nutze seine Konter, Mario Mandzukic war vom eingewechselten Sebastian Neumann nicht zu halten, der Ball schlug im langen Eck ein, 1:3 (77.). Helmes legte die Abwehrschwäche der Berliner erneut offen, nach dem 1:4 war die Partie endgültig entschieden (81.). „Zweite Liga, Hertha ist dabei“, höhnten die VfL-Fans.

„Wir haben zwar gezeigt, was wir für Möglichkeiten haben nach vorne, aber es war teilweise schwach, was wir nach hinten gemacht haben“, sagte VfL-Coach Magath.

Da ging am Ende völlig unter, dass eigentlich ein Herthaner doch Grund zum Feiern gehabt hätte. Ein Tor erzielte Levan Kobiashvili – und er avancierte sogar zum Rekord-Ausländer der Bundesliga. Der Georgier, seit September 1998 in Deutschland (damals für den SC Freiburg) überholte im Laufe der Partie den Dänen Ole Björnmose, der mit bisher 27.853 Bundesliga-Minuten am längsten auf dem Platz gestanden hatte.

Kobiashvili, der seit Januar 2010 für Hertha spielt, bringt es nun auf 27.863 Minuten. Aber was helfen Rekorde, wenn dem Hertha-Kapitän wohl zum zweiten Mal binnen zwei Jahren der Abstieg aus der höchsten Spielklasse droht.

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