Ein Tag in Ruhe, abseits jeglicher Beachtung. Ein Tag, um den Kopf durchzulüften – so hatten es sich die Verantwortlichen von Hertha BSC gedacht. Deshalb fand die Trainingseinheit nach dem deprimierenden 1:4 gegen den VfL Wolfsburg unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Doch wer, wie der Tabellen-Vorletzte der Bundesliga, den Schaden hat, braucht sich um den Spott nicht zu sorgen. Eine Laufeinheit im Gelände stand auf dem Plan. Manager Michael Preetz zeigte Schulterschluss mit seinen gescholtenen Profis und joggte ebenso mit wie die Cotrainer Rene Tretschok und Ante Covic, Konditionstrainer Henrik Kuchno und Torwarttrainer Christian Fiedler.
Beim Verlassen des Olympiaparks gegen 10.18 Uhr jedoch kam der Laufgruppe in der Friesen-Allee eine Gruppe jugendlicher Fußballer in roten Trainingsjacken entgegen. Die identifizierten die Spieler sofort. Und pöbelten, allerdings mit einem gewissen Sicherheitsabstand: „Hertha TBC“ und „Absteiger, Absteiger“. Ob die Angesprochenen es gehört hatten oder nicht – schweigend liefen die Fußballer ihres Weges in Richtung Grunewald.
Gute Leistung, schwache Chancenverwertung
Hertha BSC steckt tief im Abstiegssumpf – und kämpft nach der 14. Saisonniederlage gegen die Hoffnungslosigkeit. Es ist ja nicht so, dass die Mannschaft nicht positive Argumente liefern würde. Gegen Wolfsburg kämpften die Berliner vor gut 46.000 Zuschauern, erspielten sich reichlich Chancen und steckten auch nach dem Rückstand nicht auf.
Doch der Hertha-Jahrgang 2012 macht die Anhänger ratlos. Die Hoffnung auf den Klassenerhalt, die das 3:1 in Mainz geweckt hatte, steckt im Sandwich der Heimspiele gegen den FC Bayern (0:6) und Wolfsburg (1:4). Zuversicht und Verzweiflung waren auch in der Partie gegen den VfL die permanenten Begleiter.
Trainer-Kritik an den Stürmern
So mutig wie die Berliner gegen die Niedersachsen angriffen, so bitter war die Ausbeute. Trainer Otto Rehhagel sagte zur vergebenen Großchance von Adrian Ramos, als der Kolumbianer allein aufs Wolfsburger Tor zugelaufen war: „Da hat er viel zu früh geschossen.“ Die Gelegenheit von Lasogga, der freistehend den Ball aus neun Metern am Tor vorbei schob, kommentierte der Trainer kopfschüttelnd: „Den muss er machen. Die Jungs sind nervös, bei dem Tabellenplatz, da zittern die Knie. Aber sie müssen in dieser Situation auch zeigen, dass sie ihr gewachsen sind.“
Stattdessen deckten die Gäste gnadenlos Herthas Schwächen in der Defensive auf. Innenverteidiger Christoph Janker fabrizierte ein Eigentor zum 1:1 und kam beim 1:2 von Patrick Helmes zu spät. Linksverteidiger Felix Bastians hatte einen rabenschwarzen Tag erwischt, Sebastian Neumann sah beim 1:3 von Mario Mandzukic schlecht aus. Der Hauptstadt-Klub hat allein in der Rückrunde 26 Gegentore kassiert, Minuswert in der Liga.
So prallten im Olympiastadion unterschiedlichste Gefühlswelten aufeinander. „Oh wie ist das schön, euch nie mehr zu sehen“, höhnten die VfL-Fans in den letzten Spielminuten Richtung Hertha-Kurve. Zeitgleich hatten tausende Anhänger in blau-weißen Trikots aufgegeben und verließen das Stadion vorzeitig. „Die Situation ist sehr bedrohlich“, sagte Trainer Rehhagel. „Wir stehen, wo wir stehen. Wir müssen an uns glauben. Weiter trainieren und weiter fighten.“
Zweitschlechtestes Team der Rückrunde
Doch woher Hoffnung nehmen? Die Saison biegt auf ihre Zielgerade, sechs Runden stehen aus. Hertha hat mittlerweile vier Punkte Rückstand auf Rang 15, zwei Punkte auf Relegationsplatz 16, auf dem derzeit Köln steht. Mit zwei Siegen und neun Niederlagen ist der Hauptstadt-Klub zweitschlechtestes Team der Rückrunde.
Das Führungspersonal bei Hertha vermittelt seit längerem den Eindruck auf Tauchstation zu sein und provoziert Fragen nach der Führungsstärke in der Krise. Sonntagnachmittag beendete Michael Preetz sein Schweigen. Auf der Hertha-Homepage legte der Geschäftsführer Sport und Kommunikation in einer Mischung aus persönlicher Stellungnahme und Interview seine Sicht der Dinge dar. Dass Hertha BSC sein Leben sei, „seit nunmehr 16 Jahren in voller Intensität“. Dass die Bundesliga „unsere Spielklasse ist und weiterhin mein festes, unser festes Ziel für die kommende Saison, ganz egal, wie schwer die Lage auch momentan ist.“
Preetz lobt Rehhagel
Preetz sagte, „Hertha BSC, unser Verein, ist noch lange nicht abgestiegen!“ Der Manager urteilte: „Die Partien gegen Mainz und Wolfsburg haben gezeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Die Trainer haben die Mannschaft auf die jeweiligen Gegner top vorbereitet und top eingestellt.“
Während Trainer Rehhagel mit Kritik an Ramos und Lasogga nicht sparte, nahm Preetz die Stürmer ausdrücklich in Schutz. „Gegen Mainz haben wir verdient gewonnen, gegen Wolfsburg sind wir allein daran gescheitert, dass wir unsere zahlreichen Torchancen nicht verwertet haben. Wir werden uns nicht beirren lassen, weiter konsequent und fokussiert an diesen Dingen zu arbeiten. Ich bin mir sicher, dass die Jungs, die zahlreiche Chancen ausgelassen haben, noch wichtige Tore für uns in dieser Saison erzielen werden.“
Man kann die Einlassungen von Preetz als Versuch lesen, für das Saisonfinale Ruhe im Verein herzustellen. Zumal die Konkurrenz derzeit erhebliche Turbulenzen durchlebt. Schlusslicht Kaiserslautern wechselte gerade von Trainer Marco Kurz zu Krassimir Balakow. Der 1. FC Köln kündigte am Sonntag drastische Veränderungen in der Mannschaft an.
Preetz lobte demonstrativ sein Trainer-Trio. „Otto Rehhagel, Rene Tretschok und Ante Covic haben die mentale und kämpferische Trendwende geschafft. Wir kämpfen auf Augenhöhe.“ Kernige Worte. Deren Wirkung dadurch geschmälert ist, dass Rehhagel bereits der fünfte Trainer dieser Saison ist. Und Hertha unter seiner Leitung von einem Nichtabstiegsrang auf einen Abstiegsplatz gerutscht ist.





