Ob es nun ein genialer Schachzug der Motivation ist, ein Reagieren auf ein fortwährend unruhigeres Umfeld, oder schlicht ein Akt der Verzweiflung – so genau wird das wohl nie jemand erfahren. Herthas Trainer Otto Rehhagel hatte seine Entscheidung jedenfalls getroffen, bevor überhaupt irgendetwas passiert war.

Genau genommen am Donnerstag soll er nach Informationen von Morgenpost Online bereits verfügt haben, dass der kommende Montag nicht etwa frei, sondern ein zusätzlicher Trainingstag sein soll. Und nicht nur das: Rehhagel wird die Profis des Berliner Fußball-Bundesligisten im Anschluss zu einer Videoanalyse bitten, danach geht es direkt weiter zu einem Mannschaftsabend. Der je nach Ausgang der Partie beim FSV Mainz 05 (15.30 Uhr, Sky und im Live-Ticker von Morgenpost Onlin ) entweder zur Siegesfeier mutiert – oder aber, was eher zu befürchten ist, zur nächsten internen Aussprache.

Nun ist es immer gemein, solche Dinge überzuinterpretieren. Und doch: Mit dieser ungewöhnlich frühen Festlegung auf ein in Krisenzeiten erprobtes Mittel erweckt Rehhagel ein wenig den Eindruck, als glaube er selbst nicht an einen Erfolg in Mainz. „Wir müssen sehen, dass wir in Mainz so spielen, dass wir auch auswärts mal gewinnen oder einen Punkt holen können. Das ist wichtig“, sagte der 73-Jährige. Recht hat er, droht seinem Team bei einer erneuten Pleite der Absturz auf den letzten Tabellenrang.

Die Basis bröckelt

Für einen Sieg aber müsste Hertha endlich einmal wieder ein Tor in der Fremde schießen, ein Kunststück, das den Berlinern zuletzt am 17. Spieltag beim 1:1 in Hoffenheim gelang. Das war Ende Dezember, was bedeutet: In 2012 ist Hertha in Auswärtspartien noch torlos. In Berlin, so sieht es aus, ist die Torschusspanik ausgebrochen.

Ein fataler Trend, denn – so banal das klingt – wer nicht trifft, wird nicht gewinnen. Genau die Auswärtssiege aber waren es, die Hertha durch eine insgesamt erfolgreiche Hinrunde trugen. Es ist zwar ungewöhnlich, wenn ein Aufsteiger in der Fremde mehr Punkte holt als daheim. Letztlich interessiert das aber nicht, und so ist Herthas sportlicher Niedergang eng mit der Torflaute in Auswärtspartien verknüpft. „Wir haben in den vergangenen Monaten zu wenige Tore geschossen – das ist die alleinige Wahrheit“, sagt Rehhagel. Zwei in 2012, eins in vier Spielen unter ihm, gegen Bremen – „das ist zu wenig“.

Extra-Schichten Torschusstraining

Darum hat der Coach auch in dieser Woche einen ganzen Vormittag nur den Torabschluss üben lassen. Wieder und wieder wurde auf den Kasten geknallt, aus allen Positionen, mit dem ruhenden Ball und nach Flanken. Die Einzigen aber, die ihr Selbstvertrauen dadurch aufwerten durften, waren die Torhüter. Und vielleicht ein paar Trainingskiebitze, welche die Bälle wieder einsammeln durften. Denn was die Profis vor dem Kasten anzubieten hatten, macht nicht wirklich Hoffnung auf Besserung.

74 Versuche gaben die Spieler in dieser Einheit ab, und sollte es seltsam anmuten, dass die Beobachter mittlerweile mitzählen – das Team gab ihnen Recht. Gerade einmal 20 Bälle fanden ihren Weg ins Tor, elf Mal griffen die Torhüter ein, einmal stand der Pfosten im Weg. Heißt im Umkehrschluss: 42 Bälle verfehlten ihr Ziel vollends, insgesamt lag die Erfolgsquote bei unter 30 Prozent. Ohne Gegenspieler, ohne Druck. Ein alarmierender Wert, der nur durch die Tatsache getoppt wurde, dass die meisten Treffer in Fanol Perdedaj ausgerechnet ein Defensivmann erzielte.

Ramos und Lasogga mit Ladehemmung

Die Torkrise ist aber nicht nur Ausdruck des Versagens der Stürmer, namentlich Adrian Ramos und Pierre-Michel Lasogga. Für Ramos gilt zwar durchaus, dass er sich seit Wochen in einem tiefen Formloch befindet. Er verstolpert Bälle, traut sich den Abschluss gar nicht mehr zu, und als er im Torschusstraining jüngst sogar einmal traf, drehte er jubelnd ab. Sein letztes Pflichtspieltor datiert von Anfang Dezember. Manager Michael Preetz sagt: „Er braucht diesen einen Ball, den er irgendwie über die Linie bekommt.“

Auch Lasogga hat lange nicht getroffen, aber will man das einem 20-Jährigen, der nur halbhoch und mit dem Rücken zum Tor angespielt wird, wirklich verübeln?

Nein, Herthas Defizite liegen hinter der vordersten Reihe, vor allem auf den Außen. Hier herrscht ein Mangel an Kreativität und Entschlossenheit, der das Aufbauspiel verzögert. Letztlich gilt das gleiche auch für die Defensivreihen, wo Angriffe normalerweise eingeleitet werden sollten. „Wir müssen sehen, dass wir den Gegner so unter Druck setzen, dass uns auch mal ein Tor gelingt“, sagt Rehhagel, und stellt wenig überraschend fest: „Ohne Tor kann man nicht gewinnen.“

Zidan darf spielen

Wie anders sieht dagegen die Situation in Mainz aus . Satte 14 Tore hat der FSV in den letzten acht Partien geschossen. Die Belohnung: Drei Siege und drei Unentschieden stehen für das Team von Trainer Thomas Tuchel zu Buche. Folgerichtig grüßt Mainz von einem entspannten elften Platz weit entfernt jeglicher Abstiegssorgen. Für Hertha ungelegen kommt zudem der Freispruch für Spielmacher Mohamed Zidan, der nach einem angeblichen Foul bei der Niederlage zuvor in Augsburg in die Schlagzeilen, aber mangels Beweisen nicht zur Verurteilung durch das DFB-Sportgericht kam. Auch, weil sein Augsburger Gegenspieler Matthias Ostrzolek nach der Partie erst von einem Tritt berichtete, sich vor Gericht dann plötzlich aber an nichts mehr erinnern konnte. Ein Schelm, wer angesichts der Tabellensituation Böses dabei denkt.

So oder so wollen die Mainzer „sofort loslegen“, wie es Tuchel ausdrückt, „Hertha soll sich nach uns richten.“ Und nicht einmal um eine Bewertung der Situation von Hertha BSC war der stets selbstbewusst auftretende Tuchel verlegen: „Vielleicht fehlt bei den ganzen Trainerwechseln der Bezugspunkt“, orakelte er. Letztlich aber hat es Hertha ganz alleine in der Hand. Im Hinspiel reichte es immerhin zu einem 0:0. „Aber wir haben in letzter Zeit viele Spiele verloren, daraus ergibt sich: Wir müssen in Mainz gewinnen, das bedeutet einen gewissen Druck“, sagt Thomas Kraft, „Dafür müssen wir unsere Kräfte bündeln. Ich glaube an die Mannschaft, und die Mannschaft muss auch an sich glauben – dann schaffen wir das.“