Bundesliga

Hertha setzt nach Auswärtssieg auf Ramos

Nach dem 3:1 in Mainz wächst bei Hertha wieder die Hoffnung. Doch Rehhagels Hertha funktioniert als Team noch nicht richtig.

Ob es nur an den schicken neuen Schuhen lag? Leuchtend orange sind die Töppen, die der Fußballer von Welt heutzutage trägt, bei Hertha BSC haben unter anderem Änis Ben-Hatira und Adrian Ramos sich für das neue Material zur Berufsausübung entschieden – und Zufall oder nicht, prompt waren sie es, die Berlins Bundesligist mit neuem Schuhwerk und einem 3:1 (1:0) vor 33.152 Zuschauern beim FSV Mainz 05 neue Zuversicht im Abstiegskampf verschafft haben.

„Der Sieg ist unglaublich wichtig“, freut sich Manager Michael Preetz, „das war aber nur eine Etappe auf dem Sprint ins Ziel." Zwar hängen die Berliner unverändert auf Tabellenplatz 17 fest. Aber der Kreis derer, die um den Ligaerhalt bangen müssen, umfasst sieben Spieltage vor Saisonende wieder mindestens sieben Mannschaften – oder anders ausgedrückt: Nahezu die halbe Bundesliga steckt im Abstiegskampf.

Dass Hertha trotz des Sieges weiter zu den zwei Mannschaften gehört, die nach jetzigem Stand direkt der höchsten Spielklasse verwiesen würden, hängt mit der unverändert desaströsen Rückrundenbilanz zusammen. Zwar ist die nun nur noch die zweitschlechteste aller 18 Mannschaften. Als Kennzahlen eines künftigen Absteigers hat Hertha im Jahr 2012 in zehn Ligaspielen aber noch immer 22 Gegentore angehäuft und nur fünf Tore geschossen.

Das Ergebnis von Mainz schönt immerhin die Bilanz unter Rehhagel: Jetzt sind es zwei Siege und drei Niederlagen, dies bei 4:11 Toren. „Entscheidend war, dass wir offensiv an uns geglaubt haben“, analysierte Preetz.

Ben-Hatira bricht den Bann

Vor dem Anpfiff sah das alles noch ganz anders aus. Nur noch wie „ein hilfloser Hofnarr“ wirke dieser vormalige „König“ Otto Rehhagel, hatte „Spiegel Online“ vor dem Spiel ungewohnt hart geurteilt. Auch der Reporter des übertragenden TV-Senders war vor Spielbeginn skeptisch gewesen: Im fünften Spiel hatte Rehhagel die fünfte unterschiedliche Startaufstellung nominiert. Die kam in ihrer Besetzung jenem Personal am nächsten, dem Vor-Vorgänger Markus Babbel über weite Strecken der Hinrunde vertraut hatte.

Aber, so Rehhagels dünnhäutige Antwort, Personalfragen würden überschätzt: „Wir müssen so eingestellt sein, dass wir auf dem Platz auf die Fragen während des Spiels eine Antwort finden.“ Die erste sich stellende Frage lautete: Wie sind die Mainzer Frühstarter zu stoppen? In jedem der vier Rückrunden-Heimspiele binnen der ersten sieben Minuten getroffen, gegen Nürnberg mit dem insgesamt schnellsten Tor dieser Saison sogar nach weniger als 60 Sekunden.

Antwort: Nur mit Glück. Nach drei Minuten verzog Nicolai Müller aus fünf Metern denkbar knapp. Nach Ablauf der Sieben-Minuten-Frist stand es 3:0 für Mainz – nach Eckbällen. Aber, oh Wunder: Die Berliner bissen sich in die Partie hinein. Niemeyer setzte kämpferisch nach, über Lell landete der Ball nach elf Minuten bei Ramos, dessen Schuss parierte Mainz' Keeper Wetklo.

Immerhin, ein Anfang war gemacht. Nach einer halben Stunde hatten die Herthaner sich derart gesteigert, dass sie sich den Applaus von Co-Trainer Rene Tretschok verdient hatten. 60 Prozent der Zweikämpfe hatten sie bis hierhin gewonnen; aber was sie vernachlässigten: Schüsse auf das Tor des in die tief stehende Sonne blickenden Wetklo.

Stattdessen schoss nach 38 Minuten der Mainzer Polanski einen Freistoß durch die Berliner Mauer, aber Janker war wie ein zweiter Torwart auf der Linie postiert und klärte per Fußabwehr. Zur Feier seiner guten Tat ballte er die Faust (siehe Kommentar), und diese Entschlossenheit lebte prompt auch Kollege Rukavytsya. Er ließ sich nicht von seinem Scheitern an Wetklo entmutigen, sondern spitzelte den Ball am Boden liegend in die Mitte – zu Ben-Hatira, der nur noch zum 1:0 einschieben musste.

Das erste Tor des gebürtigen Weddingers im Hertha-Trikot war zugleich das erste Berliner Auswärtstor im Verlauf dieser Rückrunde. Der Jubel darüber entsprach dem nach einem Sieg im DFB-Pokalfinale, Ersatzspieler Ebert (nach Innenbanddehnung und vier Wochen Pause zurück im Kader) herzte den Torschützen besonders innig.

Und Rehhagel? Der Spaßverderber gemahnte zu Ernsthaftigkeit: Hinsetzen, weitermachen! Die Parole besaß auch dem Seitenwechsel unverändert Gültigkeit. Quasi mit Wiederanpfiff initiierten die Berliner über ein paar Stationen einen Angriffsspielzug, wie er ihnen im Jahr 2012 wohl überhaupt noch nicht gelungen war. Sechs Minuten später wiederholte sich das Prozedere. Rukavytsya legte zurück auf Raffael und der quer nach links zu Ramos. Mit einem herzhaften Schuss ins lange Eck erzielte der Kolumbianer das 2:0 (52.), sein erstes Tor seit Dezember.

Erstes Tor seit Dezember

Direkt im Anschluss vergab Rukavytsya die Chance, die Partie frühzeitig zu entscheiden. Denn wie fragil das Berliner Gebilde noch immer ist, wurde schon in Minute 58 sichtbar. Eric-Maxim Choupo-Moting überlief die Innenverteidiger Hubnik und Janker, mit einem humorlosen Schuss ins kurze Eck verkürzte er auf 1:2.

Doch ehe sich ein erneuter Berliner Kollaps anbahnen konnte, schlug Bastians in der 69. Minute einen langen Ball, den der Mainzer Abwehrspieler Kirchhoff falsch einschätzte. Anders Ramos, der überlupfte erst Wetklo und rammte die Kugel voller Entschlossenheit über die Linie. 3:1, es besteht wieder Hoffnung.

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