0:6-Niederlage

Hertha ergibt sich widerstandslos den Bayern

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Nach dem 0:6-Debakel gegen die Bayern wird es immer enger für Hertha BSC. Die Blau-Weißen stürzen auf einen Abstiegsplatz. Trainer Rehhagel scheint überfordert.

Otto Rehhagel hat es gern, wenn ihm Respekt und Bewunderung entgegengebracht werden. Wenn der 73-Jährige an diesem Sonntag aber an der Wahl des neuen Bundespräsidenten teilnimmt, werden ihm aus aktuellem Anlass wenig Respekt und Bewunderung zuteil werden; eher werden die Wahlmänner und -frauen kritische Fragen wie diese an ihn richten: Was, um Himmelswillen, war Sonnabend ab kurz nach 18.30 Uhr im Olympiastadion los? Mit 0:6 (0:3) unterlag Rehhagel, der nur ehrenhalber Staatsoberhäupter krönt und hauptberuflich Trainer von Hertha BSC ist, da mit seiner Mannschaft dem FC Bayern. Widerstandslos ergab sich vor 74.244 Zuschauern ein dem Abstieg entgegentaumelndes Ensemble – und fügte den Vereinsannalen neben einem 0:6 gegen den Hamburger SV vor 32 Jahren eine weitere höchste Heimniederlage der Geschichte zu. Nach einem 0:5 in Stuttgart war Trainer Skibbe entlassen worden – und nun, Herr Manager Michael Preetz?

Rehhagel, das wird immer offenkundiger, scheint von dem Auftrag, Hertha zu retten, heillos überfordert. Doch wer oder was soll diese Mannschaft überhaupt noch vor dem Verweis aus der höchsten Spielklasse bewahren? Es war ein Zweiklassenunterschied, der deutlich wurde zwischen dem deutschen Fußball-Rekordmeister und dem seit diesem Wochenende nur noch auf einem Abstiegsplatz der Tabelle notierten Hauptstadtklub. Das fortgesetzt schlechteste Team der Rückrunde (ein Sieg, sieben Niederlagen) verfügt nun auch über das schlechteste Torverhältnis der 18 Bundesligisten.

„Wir waren in den ersten Minuten zu naiv, dann steht es schnell 0:3“, suchte Christian Lell nach einer Erklärung: „Es gibt Mannschaften, die es geschafft haben, den Bayern das Leben schwer zu machen. Das wollten wir auch.“ Nur taten sie es nicht. In den ersten 20 Minuten von Durchgang eins war gleich zweimal und kurz nacheinander der Unterschied deutlich geworden zwischen einer Mannschaft, die Spaß am Spiel hat; und einer, die Angst hat. Der Fußballer mit Angst, Nikita Rukavytsya, ließ sich im Laufduell mit Bayern-Abwehrspieler David Alaba bei der leichtesten Andeutung einer Berührung fallen. Sogar die Aussicht auf einen Abschluss schien ihm weniger wert als der (zu Recht verwehrte) Wunsch nach einem Strafstoß, den dann bitte ein anderer treten möge. Die Fußballer mit Spaß am Spiel und Mut und Entschlossenheit obendrein, Franck Ribery und Thomas Müller, kombinierten sich im direkten Gegenzug zum Münchner 1:0.

Verwirrende Personalrochaden

Unterschied Nummer zwei: Hier Arjen Robben, der nach Balleroberung durch Müller an der Mittellinie den Alleingang zum 2:0 startete (12.). Dort der als vorderster Angreifer und auch Kapitän aufgebotene Raffael, der zwei Minuten später in einer ähnlichen Szene und aus ähnlicher Position zu hoch zielte. Nach 19 Minuten sensten Lell und Christoph Janker in einem seltenen Akt Berliner Einigkeit Müller im Strafraum um – Elfmeter, den erneut Robben humorlos zum 3:0 verwertete. Die Ostkurve, wo die krisenfestesten der Hertha-Fans stehen, tat lautstark ihr Urteil kund: „Ihr macht euch lächerlich!“

Es war also ganz und gar egal, dass das Berliner Trainerteam um den Chef Rehhagel immerhin schon nach dem ersten Gegentor den entscheidenden taktischen Irrtum vom Spielbeginn korrigiert hatte. Fanol Perdedaj war als rechter Verteidiger Riberys Gegenspieler – ein halbes Dutzend mal war schon in den ersten Minuten der Franzose dem willigen, aber nun mal zu langsamen Deutsch-Albaner enteilt. An Perdedajs gewohntem Platz im zentralen Mittelfeld spielte stattdessen – der etatmäßige Rechtsverteidiger Lell, der das verantwortliche Spiel auf dieser Position nur ein paar Mal trainiert hatte.

Nach dem 0:1 kehrte ein jeder an die gewohnte Stelle zurück, die Probleme blieben dieselben. Auch nach dem Seitenwechsel, als Hertha personell gleich zweimal und auch die Grundordnung wechselte. Aus 4-1-4-1 wurde 4-4-2, Lell war nun rechts im Mittelfeld oder wahlweise auch mal noch weiter vorn zu finden – aber von System konnte so oder so keine Rede sein. Rehhagel, so schien es, hatte die Seinen mit seinen Personalrochaden mehr verwirrt als den Gegner. Ein Ramos-Kopfball, den Toni Kroos nach 38 Minuten auf der Linie stoppte, blieb im gesamten Spielverlauf die einzige nennenswerte Berliner Annäherung ans Tor.

Torwart Thomas Kraft blieb das weitere Grauen ganz erspart. Er blieb zur Pause mit einer Oberschenkelzerrung in der Kabine – und nur ein übler Scherz blieb es, dass der bedauernswerte Keeper ganz einfach keine Lust mehr hatte auf den Hühnerhaufen vor ihm.

Neu außerdem: Morales für Perdedaj. Der Deutsch-Amerikaner fügte sich sogleich aber im Stile seines Vorgängers ein – mit einem dilettantischen Zweikampf gegen Ribery, dummerweise im Strafraum, und so entschied Schiedsrichter Welz durchaus korrekt zum zweiten Mal auf Elfmeter. Nun mochte auch Gomez mal – und traf, 0:4 nach 49 Minuten. Keine 60 Sekunden später jubelten die Roten schon wieder. Nach einem abenteuerlichen Ballverlust von Janker landete der Ball nach Robbens Schussversuch – den Kraft-Ersatz Burchert abwehrte – bei Kroos, 0:5.

Der Münchner Angriffswucht machte noch nicht einmal der miserable Rasen im Olympiastadion etwas aus. Für Tor Nummer 20 in dieser fürwahr historischen Woche des FC Bayern sorgte nach 66 Minuten Sportkamerad Robben – zur Abwechslung vom Elfmeterpunkt. Auch nicht ganz neu, war es Morales gewesen, der Ribery im Strafraum gegen das Schienbein getreten hatte. Die Bayern-Kurve feierte die RiberyRobbenGomez, verspottete Otto Rehhagel innig und packte ihre Sehnsucht nach dem Tripel enthusiasmiert in den Sprechgesang „Who the fuck is Barcelona, hey, hey!“

Und die Gegenseite? Die bitter enttäuschten Berliner Fans pfiffen aus zehntausenden Kehlen, als nach 70 Minuten Ramos vom Feld gerufen wurde. Ein seltenes Dokument der Abstrafung traf den Angreifer. Als die Spieler sich nach dem Schlusspfiff mit gebührendem Abstand von der Ostkurve verabschiedeten, flogen Becher.

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( dpa/sei )