Hertha gegen Bayern

Kraft, Lell und Ottl treffen ihre Vergangenheit

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Martin Kleinemas

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Am Sonnabend empfängt Hertha die Bayern im Berliner Olympiastadion. Drei Ex-Münchener freuen sich ganz besonders auf das Spiel – von einer „Extra-Motivation“ der Profis will Trainer Otto Rehhagel aber nichts wissen.

Manchmal decken sich Arbeit und Vergnügen auf ganz hervorragende Weise. So wie am Dienstag, als Herthas Trainer Otto Rehhagel TV-Pflicht verhängt hatte. Seine Profis sollten mal einen Eindruck vom nächsten Gegner bekommen, und so taten auch Christian Lell, Thomas Kraft und Andreas Ottl etwas Sinnvolles, als sie sich das 7:0 ihres ehemaligen Arbeitgebers FC Bayern in der Champions League gegen den FC Basel ansahen.

Am Sonnabend gastieren die Münchner im Olympiastadion (18.30 Uhr, Sky live - und hier bei Morgenpost Online im Liveticker ), und für Kraft, Lell und Ottl wird es eben zugleich ein Treffen mit der Vergangenheit.

Nein, meint der Trainer, eine Extra-Motivation sei das sicher nicht für seine Profis. „Hier muss jeder motiviert sein“, sagt er. Trotzdem bleibt es eine Tatsache, dass von keinem Verein zuletzt so viele Spieler nach Berlin kamen wie aus München.

Das „Bayern-Gen“, dieser sagenumwobene Erfolgsfaktor, sollte nach Berlin getragen werden – aber hat das auch funktioniert? Das Trio im Test.

Christian Lell

Wenn es einen Vorreiter in Sachen „Ein Münchner bei Hertha“ gibt, dann ist es Christian Lell. 2010 wechselte der heute 27-Jährige nach Berlin – als erster Bayern-Profi seit vielen Jahren. Kein Geheimnis machten alle Beteiligten daraus, dass diese neue Verbindung durch den damaligen Trainer Markus Babbel zustande kam.

Viel zu verlieren hatte Lell nicht: Unter Louis van Gaal war er in München aussortiert worden und hatte in der gesamten Saison 2009/10 nur ein Spiel absolviert – in der dritten Liga. Nach Berlin kam er nicht in Topform, in der Zweitligasaison agierte er eher wie ein Mitläufer, wenngleich einer mit Stammplatz. „Christian hat die Zeit in der Zweiten Liga gebraucht, um wieder Praxis zu bekommen“, resümiert Manager Michael Preetz, „jetzt ist er nach einer guten Hinrunde leider etwas zurückgeworfen.“

Tatsächlich hat sich Lell in 2011 gut entwickelt. Über weite Strecken der Saison war er der Garant für eine stabile Abwehr. Seine Erfahrung brachte ihm zwischenzeitlich den Status als Vizekapitän ein, er wird am Sonnabend wegen der Sperre von Levan Kobiashvili wohl auch die Binde tragen. Erreicht hat er das vor allem durch seine ruhige und sachliche Art abseits des Platzes, die ihm viele nach einigen Eskapaden nicht zugetraut hätten.

Die Fans allerdings sind immer wieder skeptisch. Vielleicht auch, weil es zuletzt Irritationen gab um Informationen über die Schwere seiner Muskelverletzung, die irgendwie den Weg in die Öffentlichkeit fanden. In einer Umfrage auf immerhertha.de, dem Blog der Berliner Morgenpost, sagen zumindest nur 24 Prozent der Befragten: „Gegen München heißt Herthas Chef auf dem Platz Christian Lell“. Ein wenig muss Lell aufpassen, durch seine Verletzung nicht um die Früchte der guten Hinrunde gebracht zu werden. Fazit: Wieder Luft nach oben.

Thomas Kraft

Das gilt für Herthas Torwart ganz sicher nicht. Thomas Kraft agiert mit seinen Paraden seit Wochen teils auf Weltklasse-Niveau. „Es ist mein Job, für die Mannschaft da zu sein“, sagt er bescheiden. Doch auch der 23-Jährige weiß, dass er aus dem München-Trio der einzige ist, der die Erwartungen bislang sogar übertroffen hat. Er hat das „Bayern-Gen“ eindeutig nach Berlin getragen.

Kraft ist laut, er macht seinem Unmut Luft, wenn es sein muss, er geht auch in der Außendarstellung stets voran. So ist es fast Koketterie, wenn Preetz feststellt: „Thomas ist unumstritten unsere Nummer 1.“ Denn in Wahrheit ist er inzwischen viel mehr als das. Vor allem scheut Kraft auch nicht das öffentliche Wort. Nach den zahlreichen Niederlage in der Rückrunde war er es, der wachrüttelte. Zuletzt mit der Aussage, er sehe „nicht über 90 Minuten bei jedem diese 100 Prozent Leidenschaft.“ Kraft selbst kann man das wahrlich nicht zum Vorwurf machen. Fazit: Erwartungen übertroffen.

Andreas Ottl

Anders als bei Lell und Kraft sucht Andreas Ottl noch so ein bisschen nach seinem Platz. Nicht nach dem in der Mannschaft, da hat er sich mit seinem respektvollen Auftreten schnell Freunde gemacht. Nein, vielmehr ist noch etwas unklar, wofür der 27-Jährige sportlich steht. Er ist weder ein purer Kämpfer wie Peter Niemeyer, noch ein Spielantreiber wie Fabian Lustenberger.

Ottl versucht einen Mittelweg zu gehen. Er hat seine Qualitäten in einem unaufgeregten Spiel, das er mit vielen einfachen Pässen gestaltet. Das hilft der Mannschaft oft mehr als eine spektakuläre Aktion – nur ein Teil der Fans sieht das noch anders. Sie kritisieren, Ottl agiere zu phlegmatisch. Vor allem in der Rückrunde gerät er, ähnlich wie Lell, ins Hintertreffen.

„Die drei Spiele Sperre nach seiner Roten Karte gegen Stuttgart haben ihn zurückgeworfen“, sagt Preetz. Jetzt muss Ottl, der bis zu diesem Spiel so etwas wie eine Einsatzgarantie hatte, um die Rückkehr in die Startelf bangen. Er sollte in jedem Fall noch zulegen – und beweisen, dass Hertha auch mit ihm gewohnte Münchner Qualität eingekauft hat. Fazit: Braucht noch Zeit.

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