Bundesliga

Hertha hofft auf Bayerns Auswärtsschwäche

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Daniel Stolpe

Foto: dpa / dpa/DPA

Die Münchner glänzten in der Bundesliga zuletzt nur in Heimspielen. Doch das 7:1 gegen Hoffenheim hat gezeigt, wie gut das Team von Jupp Heynckes in Form ist. Hertha hat gegen Münchens Schützengarde nur eine Chance – ein frühes Tor.

Mitleid? Fehlende Wertschätzung, gar Überheblichkeit? Der FC Bayern München jedenfalls hat Donnerstag das für den Nachmittag ursprünglich angesetzte Training ausfallen lassen. Mit laxer Herangehensweise an die sonnabendliche Aufgabe Hertha BSC (18.30 Uhr und bei Morgenpost Online im Liveticker ) hatte die spontane Freizeit für die strahlenden Sieger vom Dienstag in der Champions League gegen Basel aber nichts zu tun. Erholung muss nun mal sein; auch vor einem Treffen mit dem Tabellen-16. der Bundesliga, dem schlechtesten Team der Rückrunde obendrein.

Die Form stimmt ohnehin. Das 1:0 des im Hinspiel noch siegreichen Schweizer Meisters konterten die Münchner im Heimspiel mit 7:0 über Gebühr deutlich; inklusive des 7:1 gegen Hoffenheim vom Sonnabend zuvor haben die Bayern damit 14 Pflichtspieltore binnen vier Tagen geschossen – so etwas war seit Borussia Mönchengladbach im Oktober 1971 keiner deutschen Mannschaft mehr gelungen. 7:1 hieß es seinerzeit im legendären und später annullierten Büchsenwurf-Spiel gegen Inter Mailand, vier Tage später waren die als Tabellenführer an den Bökelberg angereisten Schalker mit 7:0 fällig.

So ist nun mal der Fußball, doziert Hertha-Trainer Otto Rehhagel: Wer hätte schon gedacht, dass dieselben Bayern, die noch vor zwei Wochen nach einem 0:2 in Leverkusen endgültig inmitten einer größten Krise verortet wurden, plötzlich und unvermittelt so aufdrehen würden.

Die Krise einfach weggeschossen

Und nun? Bekommen die 74.244 Zuschauer im ausverkauften Olympiastadion wieder die Auswärts-Bayern zu sehen, die in der Bundesliga in diesem Jahr in fremden Arenen noch kein Ligaspiel gewonnen haben (zwei Unentschieden, zwei Niederlagen)? Oder ein drittes Mal in Folge jene, die aggressiv, voller Elan und im Sinne des Wortes als Mannschaft agieren – wie zu Hause gegen Hoffenheim und Basel? Was da anders war als in vielen trostlosen Spielen zuvor – in Hamburg, in Freiburg, in Basel – formulierte Bayern-Präsident Uli Hoeneß so: „Jetzt sind sie endlich gelaufen.“ Und wenn sie die seit Beginn des Jahres 2012 enteilten Dortmunder doch noch einholen wollen, müssten in der Bundesliga alle Spiele gewonnen werden, erteilt Stürmer Mario Gomez an sich und die Kollegen einen unmissverständlichen Auftrag.

So viel zur etwaigen Berliner Hoffnung auf Mitleid, oder dass die Münchner ihnen mit fehlender Wertschätzung oder gar überheblich gegenübertreten könnten.

Wie die Bayern zu schlagen sind, darüber hat Rehhagel sich öffentlich mit der gebührenden Zurückhaltung nur ungefähr ausgelassen. Ohne Angst müssten sie dagegenhalten, „aber mit Mut und Begeisterung“. Seinen Spielern hatte er es zur Pflicht gemacht, die Demonstration vom Dienstagabend live im Fernsehen mitzuerleben. Sofern ein jeder diesem Auftrag nachgekommen ist, sollten keine Zweifel mehr daran bestehen, welch „übermächtiger Gegner“ (Rehhagel) da auf sie zukommt, und über welch „außergewöhnliches Spielerpotenzial“ er verfügt.

Frühe Entscheidung im Hinspiel

Dieses Wissen teilen Herthas Profis mit Millionen von TV-Konsumenten. Mit der logischen Folge, „dass wir das Spiel in der Öffentlichkeit doch schon verloren haben“, sagt der Taktikfuchs Rehhagel. Aber genau mit diesem Außenseiterdasein wird er seine Außenseiter zu einer außergewöhnlichen Willensleistung anstacheln.

Im Prinzip wird die Absprache derart sein: Nicht ein Spieler dürfe zum Ausfall geraten; dass alle elf rennen und kämpfen ist die Mindestanforderung. Den einen Fehler seines Vor-Vorgängers Markus Babbel wird Rehhagel schon gar nicht machen: das Bayern-Spiel als „Bonusspiel“ deklarieren. Kommt nicht in Frage: „Wir müssen Punkte sammeln.“ Und wenn sie schlussendlich doch verlieren sollten, „muss man als Held vom Platz gehen und nicht sich total abschlachten lassen“, so wie Rehhagel das bei anderen Mannschaften hat beobachten müssen. „Ich will nicht, dass meine Leute in Ehrfurcht erstarren. Das habe ich gar nicht gerne.“

Gar gerne hätte umgekehrt Bayern-Tormaschine Gomez dies: ein frühes Tor. „Bislang haben wir alle Spiele, in denen wir in Führung gegangen sind, auch gewonnen.“ Schießen die Bayern ein frühes Tor, halten sie das Tempo hoch. Dann überrennen sie gern schon mal ihre Gegner, „dann sind sie ein Anwärter auf den Champions-League-Sieg“, sagte Basels Angreifer Marco Streller nach dem Debakel seiner Mannschaft.

Zumindest auf Bundesliga-Niveau scheinen die Münchner dann unaufhaltsam. Hertha kann aus dem Hinspiel ein Liedchen davon singen. Einsnull nach fünf, zweinull nach sieben, dreinull nach 13 Minuten – die Partie im Oktober hatte kaum begonnen, da war sie auch schon entschieden. Ähnlich lief es gegen Hamburg (5:0, Führung nach 13 Minuten), gegen Freiburg (7:0, Führung nach acht Minuten), Leverkusen (3:0, Führung nach fünf Minuten) und zuletzt eben gegen Hoffenheim, als wiederum nach nur fünf Minuten das erste Tor des Spiels stand.

Zwar waren das samt und sonders Heimspiele. Aber verteidigt Hertha im eigenen Stadion nur ansatzweise so naiv und unkonzentriert wie insbesondere in der Anfangsphase am vergangenen Wochenende in Köln, droht gegen Münchens neuerdings wieder so zielstrebige Offensive auch unter veränderten räumlichen Bedingungen ein Debakel.

Der Weg, die anderen Bayern zu provozieren, führt über eine eigene Führung. Von Gegentoren, besonders solchen in Gestalt eines 0:1, lassen die Münchner sich nur allzu gern aus der Bahn werfen. Einen solchen Rückstand haben sie in dieser Saison erst einmal – beim 2:1 in Stuttgart – noch in einen Sieg drehen können.

Immerhin zu einem einseins nach nulleins reichte es in Hamburg. Freiburg schließlich, wie Hertha ein echter Anwärter auf den Verweis aus der Bundesliga am Saisonende, erkämpfte sich ein 0:0. Für die Berliner, die 2012 in 840 Pflichtspielminuten ganze zwei Tore erzielt haben – bei 17 Gegentoren –, wäre das schon ein hervorragendes Ergebnis. Schlusswort Rehhagel: „Es ist kein Geheimnis, dass wir mit dem Toreschießen ein bisschen Probleme haben. Aber man muss sich sein Glück auch erkämpfen und erarbeiten.“

Heynckes kommt direkt zum Spiel

Anschwitzen: Um sich auf den unüblichen Spielbeginn 18.30 Uhr einzustimmen, hatte Trainer Otto Rehhagel schon unter der Woche die Trainingszeiten zum Teil entsprechend angepasst. Am Spieltag selbst versammelt er die Spieler am Vormittag zu einem lockeren Bewegungsprogramm.

Anreise: Bayern-Trainer Jupp Heynckes wird erst Sonnabend und damit einen Tag später als üblich in Berlin eintreffen. Wegen einer Virusgrippe konnte der 66-Jährige seit Mittwoch kein Training des Rekordmeisters leiten. Ein Ausfall von Heynckes auch beim Spiel sei aber „kein Thema“, hieß es.

Absage: Die Bayern reisen ohne Schweinsteiger (Reizung im Fuß) und Olic (Rückenbeschwerden) an. Hertha fehlt Kapitän Mijatovic (Achillessehnenreizung).

Ankunft: Frohe Kunde für Jungprofi Alfredo Morales: Seine Frau Nadja brachte Freitag um 7.51 Uhr Söhnchen Emilio (53 cm, 3090 Gramm) zur Welt.

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