Hertha-Coach

Warum Otto Rehhagel bei Bayern scheiterte

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Udo Muras

Foto: dpa / dpa/DPA

Vor Herthas Spiel gegen Bayern München werden Erinnerungen wach: an die Zeit, als Otto Rehhagel genau dort als Trainer verpflichtet war. Bei den Spielern kam er damals nicht an – Franz Beckenbauer ließ Rehhagel schließlich auflaufen.

An einem Tag im September 1994 kam Otto Rehhagel in die Midlife-Crisis. Diesen Eindruck hatte jedenfalls sein damaliger Präsident bei Werder Bremen, Dr. Franz Böhmert. Beim wöchentlichen Donnerstags-Plausch im Stamm-Cafe sagte der damals 57-Jährige: „Jeden Morgen steige ich in mein Auto, fahre zu Platz elf am Weser-Stadion, am Himmel sehe ich Wolken, beim Training immer dieselben Rentner. Dann frage ich mich: Mensch Otto, ist es das gewesen?“ 14 Jahre Bremen waren mehr als genug, fünf Monate später unterschrieb Rehhagel bei Bayern München einen Drei-Jahres-Vertrag.

Es begann die unglücklichste Episode im Trainer-Leben des Otto Rehhagel, der am Sonnabend wieder auf ein Kapitel seiner Vergangenheit trifft. Mit Hertha BSC. In Berlin fing übrigens alles an mit Otto und den Bayern, beim traditionellen Hallenturnier im Januar 1995 wurden hinter den Kulissen die Fäden geknüpft. Kaiser Franz Beckenbauer persönlich, damals Präsident, holte König Otto an die Isar. Dass Otto Rehhagel jemals Bremen verlassen würde, war schon eine Überraschung, dass er nach München gehen würde, war eine echte Sensation.

Es mangelte nicht an Stimmen, die ihm prophezeiten, er würde nicht zum Rekordmeister passen. Zu viel Trubel, zu viele Medien, zu viele heimliche Trainer. Beckenbauer und Karl-Heinz Rummenigge im Vorstand, Uli Hoeneß als Manager immer auf der Bank – das waren rund 250 Länderspiele Fußballkompetenz, die sich einzumischen pflegte. Aber Rehhagel gab sich optimistisch:

„Bisher gehörten drei zur Elefantenrunde, jetzt kommt ein großer Elefant hinzu.“ Sein Start stand unter schlechten Vorzeichen. Die Bayern-Mannschaft war in den scheidenden Trainer Giovanni Trapattoni nahezu verliebt, zum Abschied flossen Tränen. Christian Ziege sagte später: „Rehhagels Problem ist, dass ein Großteil der Mannschaft mit Trapattoni super ausgekommen ist. Trap war sehr beliebt und konnte mit den Leuten umgehen.“

Ungeachtet dessen, dass er mit sieben Siegen einen Bundesliga-Startrekord aufstellte, äußerten Reservisten (Mehmet Scholl, Jean-Pierre Papin) Abwanderungsgedanken, und Kapitän Thomas Helmer drohte schon im Oktober mit Rücktritt, weil Rehhagel ihm angeblich die Rückendeckung versagte. „Es kann doch nicht sein, dass ich jedes Mal kontra kriege, wenn ich was sage.“

Das Verhältnis zu den Spielern verschlechterte sich jäh, es fehlte Rehhagel im Kreis von 15 Nationalspielern an Autorität – womit niemand gerechnet hatte. „Er sieht in jedem Menschen das Gute und ist daran gescheitert, dass er nie durchgegriffen hat“, richtete Europameister Ziege milde und doch vernichtend. Klagen über sein zu monotones Training drangen in die Presse, Scholl durfte ungestraft ausfallend werden, auch sein Vorwurf („Wir spielen schon acht Wochen und haben immer noch keine Taktik“) blieb folgenlos.

Als die Spieler vor einer scharfen Einheit nach einem Spiel murrten, sagte er: „Meine Herren, wenn Sie Ihren Stundenlohn in den Computer eingeben, dann platzt der.“ Dafür erntete er ein Lachen. Im November 1995 sagte Rehhagel ernüchtert: „Hier habe ich festgestellt: Einige Spieler haben keinen Teamgeist. Die sind viel zu egoistisch, narzisstisch.“

Sein größtes Problem aber war die Autorität über ihm: Franz Beckenbauer ließ es sich auch als Präsident nicht nehmen, bei Bayern-Spielen Co-Kommentator zu sein. Nach einem mühsamen 1:0 bei St. Pauli schrie er Worte wie „Schülermannschaft“ und „Katastrophenspiel“ ins Premiere-Mikrofon und dass „sie froh sein sollen, dass ich nicht mehr ihr Trainer bin“. Nach einer verspielten 3:0-Führung gegen Stuttgart applaudierte er höhnisch, und vor einem Heimspiel zischte er im Vip-Raum: „Der Wahnsinnige wollte den Scholl auf die Tribüne setzen. Das hab' ich verhindert.“

Als Bayern am 27. April gegen Hansa Rostock zu Hause Spiel (0:1) und Ziel (die Meisterschaft) verlor, wurde Rehhagel entlassen – und erlöst. Bis Saisonende übernahm Beckenbauer das Team und gewann den Uefa-Pokal. Später hat er sich bei Rehhagel dafür entschuldigt, ihn um diesen Triumph gebracht zu haben. Aber es musste sein, denn „er ist von Bremen nach Hollywood gekommen“.

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