Hertha BSC

Führungsspieler-Mangel vor Bayern-Duell

| Lesedauer: 4 Minuten
Daniel Stolpe

Foto: picture alliance / Annegret Hils / picture alliance / Annegret Hils/Annegret Hilse

Gegen Bayern hat Hertha BSC die Chance auf Wiedergutmachung. Doch ausgerechnet gegen den Rekordmeister steht die Mannschaft ohne erkennbaren Chef auf dem Platz da - Andre Mijatovic wurde zuletzt zum Reservisten degradiert.

Der Plan ist soweit schon mal ausformuliert. Fast ergibt die Marschroute für das Heimspiel gegen den FC Bayern München sich ja ohnehin von selbst. Wenn Hertha BSC am Sonnabend ab 18.30 Uhr den Rekordmeister zum Topspiel des 26. Spieltags in der Fußball-Bundesliga zu Gast hat, „dann“, sagt Mittelfeldspieler Andreas Ottl, „müssen wir alles vergessen, was im Hinspiel war, und alles anders machen.“

Angesichts eines 0:4 aus Berliner Sicht keine ganz schlechte Idee. Oder, fragen Defätisten, wäre der Tabellen-16. nach zuletzt zwei aufeinanderfolgenden Sieben-Tore-Spielen der Münchner in der Liga gegen Hoffenheim (7:1) und international gegen Basel (7:0; siehe Text oben) mit einer Kopie des Hinspiels sogar noch gut bedient?

So oder so: Ausgerechnet gegen den Rekordmeister steht Hertha ohne erkennbaren Chef auf dem Platz da. Den etatmäßigen Kapitän Andre Mijatovic hat Cheftrainer Otto Rehhagel wegen anhaltender Formschwäche zum Reservisten degradiert. Der erklärte Stellvertreter des Kroaten, Levan Kobiashvili, ist nach seiner Gelb-Roten Karte am vergangenen Wochenende in Köln (0:1) für die folgende Partie gesperrt.

Noch während des Winter-Trainingslagers im türkischen Belek rühmte sich das Personal des Berliner Bundesligisten seiner eher flachen Teamhierarchie. Tenor: Wir kommen auch ohne Platzhirsch der Marke Stefan Effenberg oder Oliver Kahn aus. Als Beleg für die Richtigkeit dieser These dienten da die 20 Punkte und Tabellenplatz elf, die Hertha sich in der ersten Saisonhälfte verdient hatte.

Vorbild Perdedaj

Seitdem stehen acht Niederlagen und 2:17 Tore in neun Pflichtspielen des Jahres 2012. Was nicht ursächlich mit der Hierarchie zu tun hat. Doch nun, in Zeiten der Krise und Sperren – in Andreas Ottl verbüßte ein dritter Führungsspieler drei Wochen Rotsperre – fehlt es der schlechtesten Mannschaft der Rückrunde an klar als solche identifizierbaren Leadern.

Maikel Aerts wäre so einer, doch der erfahrene Niederländer läuft als Torwart Nummer zwei bis drei nur noch nebenher und nicht länger vorneweg wie noch beim Aufstieg aus der Zweiten Liga. Mijatovic hat mit sich selbst genug zu tun – ansonsten besteht Hertha zumeist aus braven, aber eben eher stillen Charakteren.

Es sagt schon viel aus über den Gemütszustand der Truppe, wenn ihr zuletzt mitreißendster Spieler zugleich einer der jüngsten war. In Köln, dem zweiten Spiel seiner noch ganz am Anfang stehenden Bundesliga-Karriere, war der 20 Jahre alte Fanol Perdedaj der Hertha-Spieler mit den meisten Ballkontakten (81), er legte die weiteste Laufstrecke zurück (11,42 Kilometer) und er spielte die meisten Pässe (55). Über diese nackten Zahlen hinaus setzte er unerschrocken auch physische Zeichen.

Aber all das von einem Jungspund wie Perdedaj auch gegen Münchens Superstars erwarten? Eher stehen andere in der Pflicht – wie der eingangs erwähnte Ottl. Doch auch der Ex-Bayer ist in seinem Standing zumindest insoweit beschädigt, als er von Trainer Rehhagel in Köln zum ersten Mal in dieser Saison auf die Bank gesetzt wurde. An Stelle des zuvor unumstrittenen Stammspielers (21 Startelfeinsätze) erhielt Perdedaj den Vorzug.

Gegen Ottls ehemalige Kameraden schafft Kobiashvilis Sperre Platz, prompt formuliert er seinen Anspruch: „Ich bin der Meinung, dass ich dem Team mit meiner Art zu spielen helfen kann. Das wird, denke ich, in den nächsten Spielen auch der Fall sein.“ Aber dann genügt es nicht mehr, nur ein braver Ballverteiler zu sein.

Nach etwas mehr als einer halben Saison in Berliner Diensten wird intern von Ottl nun der nächste Schritt verlangt – dass er zu einem Spieler reift, von dem gerade in schweren Phasen eines Spiels das Signal ausgeht: Ich gehe voran!

Ihr Lehrmeister Rehhagel hat den Spielern mitgeteilt, dass sie gegen den FC Bayern „nur mit Kampf und Leidenschaft“ eine Chance haben werden: „Aber natürlich müssen wir auch spielerisch etwas anbieten.“

Diese Komponente fällt zuvorderst in die Zuständigkeit von Raffael, der seine bislang beste Saisonleistung ausgerechnet gegen einen scheinbar übermächtigen Gegner gezeigt hat: Borussia Dortmund.

Stimmen, Noten, Diskussion – mehr über Hertha finden Sie unter www.immerhertha.de