Zehn Spiele - nur zwei Tore

Hertha-Krise ist auch Krise der Offensivabteilung

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Uwe Bremer

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Wollen die Berliner den Kampf um den Klassenerhalt erfolgreich bestehen, müssen Tore her. Hertha-Trainer Otto Rehhagel hat aber mehr als ein halbes Dutzend Sorgenfälle im Kader.

Tunay Torun fluchte. Wütend und lautstark. Seinen ersten Schuss beim Trainingsspiel hatte Torwart Sascha Burchert abgewehrt. Den zweiten Versuch blockte Verteidiger Andre Mijatovic – zwei Chancen, kein Treffer. Die Trainingswoche für den Bundesliga-Hit gegen den FC Bayern (Sonnabend, 18.30 Uhr, Olympiastadion) begann, wie die vergangene Woche aufgehört hatte: Hertha BSC tut sich schwer mit dem Toreschießen. Das 0:1 in Köln hat eine ohnehin schwarze Serie weiter verlängert. Nach vier Auswärtspartien in diesem Jahr lautet das Torverhältnis 0:10, nach acht Rückrundenspielen 2:15. Der Aufsteiger ist auf Relegationsplatz 16 abgerutscht.

Eines ist klar: Wollen die Berliner den Kampf um den Klassenerhalt erfolgreich bestehen, müssen Tore her. Die Cotrainer Rene Tretschok und Ante Covic hatten ein kleines Spielfeld aufgebaut, damit es viele Szenen vor dem Tor samt Abschlüssen geben sollte. Erfolgserlebnisse sollen helfen, das ramponierte Selbstbewusstsein zu stärken.

An der Seite schaute Cheftrainer Otto Rehhagel zu, der nach der Niederlage in Köln etwas ratlos gewirkt und das Fehlen eines Torjägers bei Hertha moniert hatte. Insgesamt hat er mehr als ein halbes Dutzend Sorgenfälle im Kader.

Rätsel Ramos: Der Nationalspieler aus Kolumbien ist der beste Stürmer im Team. Doch von seinen Qualitäten, die Ramos in den vergangenen beiden Spielzeit zum jeweils besten Hertha-Torjäger gemacht haben, ist derzeit nichts zu sehen. Vier Tore und drei Vorlagen sind für einen Angreifer seiner Qualität viel zu wenig. Sein letzter Bundesliga-Treffer datiert vom 9. Dezember 2011, seit 710 Spiel-Minuten wartet Ramos seither auf ein Erfolgserlebnis. Er wirkt verunsichert und weitab von seiner Normalform. Bezeichnend seine Szene im gestrigen Training: Frei vor dem Tor wurde Ramos von Torwart Kraft rustikal abgegrätscht. Den fälligen Elfmeter verwandelte indessen Raffael.

Jungspund Lasogga: Der Aufsteiger der zurückliegenden 18 Monate leidet in der Bundesliga am gleichen Manko wie Ramos: Die Stoßstürmer bei Hertha werden zu selten angespielt. Und wenn mit untauglichen Bällen in knapp zwei Metern Höhe, die kaum einmal sinnvoll verarbeitet werden können. Lasogga war gut in die Saison gestartet. Mit sieben Toren und drei Vorlagen hat er mehr erreicht, als man von dem Youngster erwarten konnte.

Doch Wille allein reicht nicht – auch Lasogga tut sich schwer. Seit Ende November hat er nur einen Treffer geköpft (beim 1:2 gegen den HSV). Doch unverdrossen wirft der U21-Nationalspieler seinen Ehrgeiz in die Waagschale. In Köln wurde er nur einmal gefährlich angespielt, Pech für Lasogga, dass FC-Torwart Rensing die Chance mit einer spektakulären Parade zunichte machte. Trainer Rehhagel lobte hinterher den Willen von Lasogga, fügte aber trocken an: „Für die Torjägerkanone reicht es noch nicht.“

Raffael leidet: Mit fünf Toren und drei Assists in der ersten Halbserie war der Brasilianer nicht überragend, aber ordentlich unterwegs. Doch seine Rote Karte in Hoffenheim samt drei Spielen Sperre hat nicht nur die Mannschaft, sondern auch Raffael selbst aus dem Tritt gebracht. Der Spielmacher läuft und versucht viel. Aber wie den Kollegen fehlt ihm ein Erfolgserlebnis. Am meisten leidet Raffael an der fehlenden Qualität diverser Kollegen, die das von ihm bevorzugte schnelle Direktspiel unmöglich machen. Die Zeiten, als er mit Cicero und Pantelic oder Voronin das Spielfeld binnen weniger Sekunden überbrückt hat, sind lange vorbei. Mittlerweile wissen die Gegner: Nimmt man bei Hertha Raffael aus dem Spiel, ist es vorbei mit der Kreativität der Berliner.

Tunay Torun: Gladbachs Trainer Lucien Favre war vor der Saison richtig neidisch. Torun sei der beste Einkauf bei Hertha, den jungen Türken hätte er selbst gern im Kader. Sogar Meister Dortmund war interessiert. Nur zeigt Torun kaum einmal, warum er so begehrt war. Zwei Tore hat er erzielt, das letzte im September. Seither fremdelt der Dribbelkünstler. Seinen guten Leistungen in den Trainingslagern bestätigt er kaum einmal in der Bundesliga. In Köln war er zurecht zur Pause ausgetauscht worden.

Patrick Ebert: Der dienstälteste Herthaner wird Sonnabend 25 Jahre alt. Ebert ist einsatz- und laufstark, aber er bestätigt in dieser Saison die Probleme, die ihn schon länger plagen: Aufwand und Ertrag stehen in einem unguten Verhältnis. Null Tore und zwei Vorlagen nach 24 Runden – das ist für einen Offensivspieler zu wenig. Gestern trainierte Ebert, der zuletzt Kniebeschwerde hatte, mit Physiotherapeut Jörg Blüthmann. Ob er gegen die Bayern wieder fit ist, bleibt abzuwarten.

Nikita Rukavytsya: Der Australier erlöste Hertha mit seinem 1:0-Siegtor gegen Bremen. Sein erstes Bundesliga-Tor, doch grundsätzlich steht er für ein Problem, das er mit diversen Kollegen teilt. Der schnelle Angreifer überzeugte zuvor beim 3:2 in Wolfsburg – und leistete sich dann in Serie Auftritte ohne Durchschlagskraft. Ähnlich ist es mit Änis Ben-Hatira. Der zauberte im Herbst beim 3:0 gegen Köln – und zeigte seither kein einziges ordentliches Spiel mehr. Auch Ronny, dessen Schussstärke eine Waffe sein könnte, begnügte sich mit einer überzeugenden Partie (beim 3:1 im DFB-Pokal gegen Kaiserslautern).

In der Addition bedeutet das: Nominell verfügt Hertha auf den Außenbahnen über so viel Personal wie sonst nirgends. Aber es gibt dort nicht einen Spieler von überdurchschnittlicher Bundesliga-Qualität. Deshalb lahmt das Aufbauspiel mit Raffael so oft. Deshalb bekommen die Stürmer so wenig Anspiele. Ganz zu schweigen davon, dass die Flügelspieler auch selbst Torgefahr verbreiten dürfen.

Bleibt die Frage, wie Hertha nun ausgerechnet gegen den scheinbar übermächtigen FC Bayern bestehen will. „Wir müssen hellwach sein“, sagte Trainer Otto Rehhagel. „Mit Herz und Leidenschaft, aber auch mit kühlem Kopf spielen. Und vorne mal einen reinmachen.“

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