Klassenerhalt oder Zweite Liga

Im Abstiegsfall droht Hertha der Ausverkauf

Bereits jetzt plant Hertha BSC für zwei Szenarien: Klassenerhalt oder Zweite Liga. Im Falle eines Abstiegs müsste der Klub seinen Spieler-Etat halbieren, die Mannschaft würde auseinanderbrechen. Leistungsträger wie Raffael, Lell, Ramos oder Kraft wären nicht mehr zu bezahlen.

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Der Aktenordner geht am Dienstag per Kurier als Expressgut auf Reisen. Die Fracht wird von der Hertha-Geschäftsstelle am Olympiastadion in die Guiollettstraße nach Frankfurt geliefert. Dort sitzt in einem gläsernen, gut gesicherten Bürogebäude die Deutsche Fußball-Liga (DFL). Zwischen den Aktendeckeln befinden sich auf 250 Seiten die Lizenz-Unterlagen von Hertha für die Saison 2012/13. Die Berliner müssen die Genehmigung für zwei Szenarien beantragen: für die Bundesliga und für die Zweite Liga.

So sehen die Unterlagen aus: Für das kommende Bundesliga-Jahr plant Hertha in der Größenordnung von 57 Millionen Euro. Die Personalkosten werden sich auf 24 Millionen belaufen. Der Klub geht von zwei Runden im DFB-Pokal aus, einem Schnitt von 43.000 Zuschauern und plant, logischerweise, ohne Einnahmen aus dem internationalen Geschäft.

Dieses Budget entspricht in etwa dem, wie die derzeit laufende Saison kalkuliert ist. Das hat damit zu tun, dass es bei den Rahmenbedingungen keine großen Veränderungen gibt: Der TV-Vertrag ist gleich geblieben, ebenso laufen die Verträge mit den wichtigsten Partnern wie Brustsponsor Bahn, Ausrüster Nike oder Rechtevermarkter Sportfive weiter.

Was nicht in den Zahlen steht: Hertha muss auch für den Fall, dass die Bundesliga gehalten wird, seinen Sparkurs forcieren. Bekanntlich akzeptiert die DFL keine Summen über mögliche Transfererlöse in den Lizenzunterlagen. Entsprechend taucht auf dem Papier nicht auf, dass sowohl die Posten ‚Transferausgaben' als auch ‚Transfereinnahmen' 0 Euro betragen. Das bedeutet nichts anderes, als dass Hertha entweder im Sommer niemanden neu verpflichten kann.

Welcher Trainer will zu Hertha?

Oder zunächst Profis verkaufen muss, um Mittel für Neue zu erwirtschaften. Das heißt, dass sich der Klub von mindestens einem teuren Profi trennen muss. Einen nennenswerten Marktwert von mehreren Millionen Euro haben derzeit Raffael und Adrian Ramos. Und, mit Abstrichen, Thomas Kraft, Pierre-Michel Lasogga und Roman Hubnik. Hertha muss also an seine Substanz gehen, um mit den so erlösten Mitteln, interessante Spieler mit Perspektive zu gewinnen.

Davor steht jedoch eine Personalentscheidung, die ebenfalls nicht in den Lizenzunterlagen vermerkt ist: Welcher Trainer tritt im Juli die Nachfolge von Otto Rehhagel an?

Nach den Turbulenzen und vielen Trainer-Wechseln in dieser Saison wird Hertha in der Branche mit Kopfschütteln und als bedauernswert wahrgenommen. Vor zwei Jahren war das schon einmal so. Damals hat Manager Michael Preetz mit der Verpflichtung von Markus Babbel eine Aufbruchstimmung erzeugt.

Deshalb ist die Verpflichtung eines Trainers eine Schlüsselpersonalie für die Zukunft. Der Neue soll Perspektive versprechen und einen Magnetismus für seine Spieler verströmen. Von diesen Kandidaten gibt es nicht viele. Ralf Rangnick wäre so einer. Ihm ist zuzutrauen, interessante Profis zu überzeugen, so wie es Babbel einst bei Christian Lell, Kraft und Andreas Ottl (kamen alle vom FC Bayern) getan hat. Aber wird es die Geschäftsführung schaffen, Trainer dieser Qualität von Hertha zu überzeugen?

Ein Abstieg würde die Situation dramatisch ändern. Hertha hat bei der DFL für den Zweitliga-Fall 2012/13 einen Haushalt von rund 32 Millionen Euro hinterlegt. Ein Schnitt von 28.000 Zuschauern wird erwartet. Für den Spieler-Etat sind noch 13 Millionen Euro vorgesehen. Das heißt, Hertha müsste diese beiden Posten verglichen mit der Bundesliga, fast halbieren. Die Mannschaft würde komplett auseinanderbrechen. So gut wie alle Profis, die in 2010/11 in Liga zwei dabei waren, werden gehen: Raffael, Ramos, Fabian Lustenberger. Die Großverdiener des aktuellen Kaders müsste Hertha gehen lassen. Ottl, Maik Franz, Lell, Patrick Ebert oder Kraft wären nicht mehr zu bezahlen.

Die Details sind im Abstiegsfall noch auszuarbeiten. Die Konsequenzen werden auch die Nachwuchsarbeit und das Personal auf der Geschäftsstelle betreffen. Dennoch erwartet Finanzchef Ingo Schiller, dass Hertha den schlechtesten Fall vermeiden wird: dass es keine Genehmigung von der DFL gibt. Schiller: „Ich bin zuversichtlich, dass wir in jedem Szenario die Lizenz erhalten werden.“

Da aber nicht zu erwarten ist, dass erneut ein großzügiger Spender acht Millionen Euro in die Saison-Finanzierung der Zweiten Liga steckt (wie vor zwei Jahren), wird Schmalhans Küchenmeister bei Hertha sein. Dahinter steht ein grundsätzliches Herausforderung, die der Hauptstadt-Klub seit Jahren nicht wirklich gelöst hat: Wofür steht Hertha? Für welche Philosophie?

Mit Blick auf den Schuldenberg von 35 Millionen wird der finanzielle Handlungsspielraum in jedem Fall klein sein. Es gibt aber genügend andere Klubs wie Dortmund, Bremen, Hannover oder Freiburg, die belegen: Es braucht eine Idee und eine smarte Führung. Dann kann ein Verein sich trotz beschränkter Mittel eine Identität, eine eigene Handschrift zulegen, die die Fans mittragen.

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