Fußball-Bundesliga

Hertha verkrampft im Abstiegskampf

| Lesedauer: 7 Minuten
Martin Kleinemas, Uwe Bremer

Nach dem schwachen Start mit Trainer Otto Rehhagel ist von der Leichtigkeit oder gar Leidenschaft bei Hertha BSC nicht mehr viel übrig - und das mit fatalen Folgen.

Die Hanns-Braun-Straße bot ein erschreckendes Bild. Wo am Tag nach Spielen von Hertha BSC im Normalfall unzählige Autos die Zufahrt zum Schenckendorffplatz zuparken, herrschte nach der bitteren 0:1-Niederlage beim 1. FC Köln gähnende Leere. Weniger als zehn Fans hatten sich zum Auslaufen der Mannschaft eingefunden. Fort waren auch die Kamerateams, die noch vor drei Wochen bei der Präsentation des neuen Trainers Otto Rehhagel in Scharen an der Schranke gewartet hatten.

Nichts von dieser Aufbruchstimmung ist geblieben bei Hertha, vielmehr hat sich eine bleierne Schwere, eine Art Lethargie über den Klub gelegt. Fans und Medien protestieren nicht einmal mehr – sie bleiben einfach fern. Ratlosigkeit allenthalben, und immer deutlicher wird: Berlin und sein Vorzeigeklub empfinden den Abstiegskampf vor allem als Last, als unvermeidbare Randerscheinung der Rückkehr in die Bundesliga.

Auch Neu-Trainer Otto Rehhagel schloss sich inzwischen dem Mantra aller Vorgänger an, wonach es Hertha ob der überzogenen Erwartungshaltung in der Stadt schwerer habe. „Wenn Freiburg es nicht schafft, geht man da zur Tagesordnung über“, so der 73-Jährige. In Berlin, so der Subtext, herrscht dagegen Krampf. Die Leichtigkeit fehlt. Das zeigte sich nirgends so deutlich wie in Köln. Vor der Partie am Sonnabend ähnelten sich die Situationen der beiden Klubs auf frappierende Weise. Der Umgang damit aber hätte unterschiedlicher nicht sein können.

Ein unruhiges Umfeld gibt es auch am Rhein, die Vereine trennten gerade zwei Punkte. Wer verliert, so viel stand fest, würde in große Schwierigkeiten kommen. Von Lethargie auf den Rängen oder Platz aber keine Spur, im Gegenteil: Als Lukas Podolski, immerhin angeblich auf dem Sprung zum FC Arsenal, mit Rot vom Platz flog, standen die Zuschauer auf und bejubelten ihn.

Schon vor der Partie glich das Umfeld einer großen Feier, Karnevalsmusik allenthalben. Ergingen sich Herthas Fans im letzten Heimspiel gegen Werder Bremen in Protestaktionen, sangen die Kölner Fans inbrünstig ihre Hymne, als wäre es das letzte Mal. Sie kennen den Abstiegskampf, die Laune lassen sie sich deshalb nicht gleich vermiesen.

Sturmlauf zu den Fans

Das Ergebnis ist bekannt, und nach dem wichtigen Etappensieg gegen Hertha stürmte Trainer Stale Solbakken wie entfesselt vor die Tribüne und ließ sich von den Fans feiern, als habe der FC gerade die Champions League gewonnen.

Hertha dagegen lähmt sich selbst. Diese seltsam passive Stimmung in Klub und Stadt ist dabei nicht nur das Ergebnis der sportlichen Situation. Sie ist zugleich auch deren Ursache. Sie drückt den Spielern auf das Gemüt, die Profis verkrampfen und blockieren. „Es will jeder, da bin ich mir sicher“, sagt Torwart Thomas Kraft, um sogleich zu einem vernichtenden Urteil auszuholen: „Aber tatsächlich ist es so, dass ich nicht über 90 Minuten die absolute Leidenschaft sehe.“ Diese Kritik von ihm ist inzwischen zur Normalität geworden, Kraft hat ähnliches schon häufiger gesagt. Nur nicht so deutlich.

Das Bittere ist: Kraft hat Recht. Wo Teams wie der FC Augsburg oder der SC Freiburg seit Wochen über den Kampf immer besser in den Endspurt finden, entwickelt sich beim Hauptstadt-Klub nichts. Diejenigen, die Optimismus versprühen könnten, sind auf Tauchstation. Manager Michael Preetz ist seit Wochen nicht mehr öffentlich in Erscheinung getreten, von Präsident Werner Gegenbauer ganz zu schweigen. Es ist den Klub-Verantwortlichen jedoch nicht untersagt, etwas Mut auszustrahlen, ein wenig Schwung oder etwas Lebensfreude.

Gegen Köln zeigte sich Hertha zunächst ratlos. Zweikämpfe wurden nicht angenommen, nach vorne ideenlos agiert. Andere, nominell schlechter besetzte Teams funktionieren im Kollektiv. Hertha hofft auf einen Geistesblitz, eine entscheidende Einzelaktion. Das Problem haben die Spieler erkannt. Nur wissen sie es nicht zu beheben. Levan Kobiashvili sagt: „Wir sind nicht in der Verfassung, Partien spielerisch zu gewinnen.“ Deshalb halten nun die Rivalen im Überlebenskampf als Vorbild her. „Wir haben Bayern gegen Freiburg gesehen. Die sind motiviert aufgetreten. Dieses Selbstbewusstsein müssen wir wieder haben, vor allem in der Offensive“, sagte Kobiashvili.

Torjäger dringend gesucht

Tatsächlich ist die Verunsicherung vor allem dann zu spüren, wenn Herthas Profis vor dem gegnerischen Tor auftauchen. Auch in Köln vergaben die Berliner diverse gute Chancen. Allen voran Änis Ben-Hatira in der 90. Minute, „wenn er querspielt, steht es 1:1“, wie Rehhagel feststellte und forderte: „Wir müssen cool bleiben, auch wenn die Situation brenzlig ist.“

Die Sache ist nur: Längst geht es nicht mehr nur um temporäre Ladehemmung. Der Coach stößt eine grundsätzliche Qualitätsdebatte an. Schon kürzlich fabulierte er darüber, wie wichtig es sei, einen Stürmer wie Jan Koller in seinen Reihen zu haben. Den hat Hertha eben nicht. Einen Kanten mit Durchschlagskraft, mehr als zwei Meter groß und von hünenhafter Ausstrahlung. Vermisst er einen echten Torjäger? Rehhagel zögerte. Ach, meinte er dann über Youngster Lasogga, „Pierre ist jung, er ist ehrgeizig. Aber für eine Torjägerkanone reicht es noch nicht.“

Tatsächlich ist der 20-Jährige zuletzt glücklos geblieben. In den ersten 14 Ligaspielen hatte er satte sechs Tore erzielt, in den letzten zehn Spielen nur eins. Aber was soll er tun, wenn er wie in Köln nur halbhohe Bälle zugespielt bekommt, die er mit dem Rücken zum Tor annehmen muss? Lasogga jedenfalls versiebte zuletzt keine Großchancen. Das taten andere, nur zwei Treffer in der Rückrunde sprechen eine alarmierende Sprache. Auswärts ist Hertha sogar torlos.

Auch in dieser Frage ist bei Rehhagel so etwas wie Ernüchterung eingetreten. Wie will er das Problem beheben? „Torjäger bist du mit acht Jahren und noch mit 80. Diese Qualitäten hat aber nicht jeder mitbekommen“, sagt Rehhagel. Heißt: Mehr ist nicht machbar. So deutlich hat den Stürmer bisher noch kein Trainer kritisiert. Dabei zeigt Lasoggas Bilanz, dass er es kann. Genau wie die von Adrian Ramos. Der Kolumbianer spielt seit Wochen so, als brauche er dieses eine Aha-Erlebnis. Aber wo soll es herkommen, wenn alle die Köpfe in den Sand stecken?

Wie das funktioniert mit dem Mut und der Leidenschaft, hat gestern eine A-Jugendmannschaft im Halbfinale des DFB-Pokals vorgemacht. Gegen den 1. FC Nürnberg lag der Nachwuchs zweimal zurück, spielte über 100 Minuten in Unterzahl – und gewann nach Elfmeterschießen noch 6:3 (2:2, 1:1, 0:1). Es war die U19 von Hertha BSC.

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