An einem diffusen Montagmorgen im Januar 2010 formulierte Levan Kobiashvili dereinst seinen sehnlichsten Wunsch an den neuen Arbeitgeber. Er würde bei Hertha BSC „gerne im defensiven Mittelfeld spielen, wenn ich es mir aussuchen könnte“, sagte der da frisch von der Schalker Ersatzbank hinein in die Berliner Abstiegsangst gewechselte Georgier. Doch nix da, verfügte der gestrenge Trainer Friedhelm Funkel, und so verteidigte Kobiashvili – wie übrigens in den allermeisten seiner insgesamt 329 Bundesligaspiele – bei Hertha seit jeher hinten links.
Bis ein wenig mehr als zwei Jahre später nun Otto Rehhagel kam, für den Kobiashvili (34) mit seinem Können und seiner Übersicht hinten links schon immer verschenkt war. Und so erfährt er endlich die verdiente Wertschätzung, darf im zentralen Mittelfeld den Takt angeben – und ist von Rehhagel obendrein zu seinem verlängerten Arm auf dem Fußballplatz bestimmt worden, Kapitänsbinde inklusive.
Das bleibt vorerst auch so, verkündete Rehhagel nach dem 1:0 gegen Bremen . Gleich der erste Sieg unter dem fünften Trainer der Saison hat also prompt eine neue Hierarchie erzeugt. Gewisse Elemente könnten variieren, aber vom Prinzip her soll das mit viel taktischem Geschick errichtete Gerüst vorläufig so stehen bleiben. Kobiashvili bleibt Spielführer – und der bisherige Bindenträger Andre Mijatovic auf der Bank.
Damit tritt ein, wovon der Kroate bereits Anfang Januar in einem erstaunlich offenherzigen Interview mit Morgenpost Online sprach: Dass es ihn stolz mache, Kapitän dieser Mannschaft zu sein, und dass er auch glaube, diese Aufgabe sehr gut auszufüllen; aber: „Letztlich zählt meine Leistung auf dem Platz. Kapitän zu sein, bedeutet nicht, dass ich eine Stammplatzgarantie habe.“ Schlimmer noch, die faktische Umsetzung dieser Ankündigung durch Rehhagel halten die Fans des Berliner Bundesligisten in überwältigender Mehrheit für richtig.
Bemerkenswert an Mijatovic ist, wie freimütig er zu seinen Limits steht. Indem er im fortgeschrittenen Profialter noch einmal in der Bundesliga spielen darf, lebe er seinen Traum, schwärmt der 32-Jährige. Gleichzeitig weiß er ganz nüchtern um die Kritiker, die seine Eignung für diese höchste deutsche Spielklasse Zeit seiner Karriere stets angezweifelt haben. „Ich bin kein Überspieler, das weiß ich, aber ich gebe alles für die Mannschaft“, sagt Mijatovic über sich selbst, und diesen Teamplayer gibt er auch jetzt, da sein Platz außerhalb der ersten Elf ist: „Es geht jetzt um den Verein, nicht um einzelne Schicksale. Natürlich will ich spielen, aber vor allem wollen wir gewinnen. Der Trainer hat entschieden, dass ich gegen Bremen auf der Bank sitze. Wir haben gewonnen, also hat er alles richtig gemacht.“
Zweifel an Mijatovics Bundesligatauglichkeit
Schon unter dem Trainer Markus Babbel sollte Mijatovic Ende 2011 ins Abseits geraten und die letzten vier Spiele vor der Winterpause aus Leistungsgründen nur von der Bank aus erleben. Maik Franz’ Kreuzbandriss machte den Plan zunichte, aber über die Theorie sagte Mijatovic da: „In einer solchen Situation kommt es sehr auf den Trainer an, und wie er das moderiert. Natürlich habe ich weniger Einfluss, wenn ich nicht spiele. Aber wenn der Trainer vor der Gruppe sagt‚ ‚Andre, du bist weiter der wichtigste Spieler für mich’, dann geht das.“
Nichts anderes als das wird Rehhagel machen. Ihm ist nicht daran gelegen, den internen Stellenwert seines Kapitäns zu beschädigen. Dieser Mijatovic ist ein deutlich stärker konturierter Leader, als etwa Vorgänger Arne Friedrich es war. Ein Anführer, der klare und auch unangenehme Aussagen nicht scheut. Nur spielen wird er vorläufig nicht. Zwei Fouls in der torgefährlichen Zone und eine Gelbe Karte wegen Festhaltens des ihm enteilten Pizarro in der dramatischen Schlussphase waren erst recht keine gute Eigenwerbung des Einwechselspielers Mijatovic. Die vorhersehbare Zukunft in der Innenverteidigung bei Hertha gehört Christoph Janker und Roman Hubnik, „sie haben gut funktioniert, es gibt keinen Grund, daran etwas zu ändern“, sagt Rehhagel.
Mit dieser Festlegung ist Hertha an einem Punkt angekommen, der zu Saisonbeginn durchaus vorhersehbar war – und auf den das Management des Klubs in unzureichender Form reagiert hat. Klar war, dass in Maikel „Druuuck, Druuuck“ Aerts und Mijatovic („Ich will raus aus dieser Liga! Wer kommt mit?“) der Einfluss von zwei Antreibern des Zweitligajahres schwinden würde. Bei Aerts, weil er als Torwart Nummer zwei bis drei wenig bis überhaupt nicht spielen würde. Und Mijatovic, weil da nun mal Zweifel waren, ob es bei ihm für die Bundesliga reichen würde. Er selbst, gestand Mijatovic, habe sich auch solche Gedanken gemacht und vor Saisonbeginn im Training genau hingesehen, „ob ich das Tempo mitgehen kann“. Er gewann da die Gewissheit, mithalten zu können.
Inzwischen scheinen die Zweifler recht zu behalten: Es reicht nicht. Nicht auf Dauer und auf höchstem Niveau. Aus internen Kreisen ist zu hören, Mijatovic habe schon vor längerer Zeit hinterlegt, wie zehrend er es körperlich wie mental empfindet, in gleich zwei Bereichen permanent gefühlt mehr als 100 Prozent investieren zu müssen: um dieser Mannschaft der Anführer zu sein, den sie braucht; und um so hart zu trainieren, dass er diesen Status gleichzeitig auf dem Platz mit Leistung unterfüttern kann.
Vorerst muss Mijatovic kapitulieren. Die Binde trägt nun Kobiashvili. Sogar die gesamte Zukunft des bisherigen Abwehrchefs steht in Frage. Manager Preetz muss – in Absprache mit Rehhagel – abwägen, ob der finanziell klamme Klub es sich sportlich wie wirtschaftlich gleichermaßen leisten will, Mijatovic ein weiteres Jahr zu spendieren. Bei 25 Pflichtspieleinsätzen über mindestens 45 Minuten verlängert sich der Vertrag entsprechend einer Klausel automatisch um eine Saison bis 2013. Zehn Spieltage vor Saisonende hält Mijatovic bei 23 Einsätzen.




