Wichtiger Heimsieg

Hertha gibt Berlin wieder gutes Fußball-Gefühl

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Daniel Stolpe und Uwe Bremer

Foto: dpa / dpa/DPA

Otto Rehhagel speist mit dem Außenminister und schenkt seiner Mannschaft Hoffnung im Abstiegskampf. Zwei Wochen nach Amtsantritt scheinen die Methoden des neuen Hertha-Trainers endlich zu fruchten.

Selbst mit größtem Wohlwollen ist Hertha BSC dieser Tage kein ganz einfach zu begreifendes Gebilde. Wann genau war schon ein Trainer des Hauptstadtklubs letztmals zum Abendessen beim deutschen Außenminister eingeladen? Und wann genau hat einer vor seiner Mannschaft aus Goethes „Zauberlehrling“ zitiert, ehe dieses multikulturelle Ensemble mit Spielern aus Südamerika, Osteuropa und Australien anschließend Werder Bremen beschwingt 1:0 (0:0) besiegte?

Beides hat in dieser bei Hertha an Absurditäten gewiss nicht armen Saison am Wochenende stattgefunden. „Ach, da kommt der Meister! Herr, die Not ist groß!“, referierte Otto Rehhagel, der 73 Jahre alte Meister unter Deutschlands Fußballlehrern, weil er „die Jungs ja nicht nur mit Fußballfachlichem überfrachten“ dürfe. Und Sonntagabend waren Otto und seine Frau Beate dann zu Gast bei Guido Westerwelle.

Das mit dem Außenminister hat Rehhagel fast beiläufig fallen lassen, als an ihn die Frage nach einem anderen Politiker gerichtet wurde. Denn auch Jürgen Trittin, Fraktionschef der Grünen im Bundestag, hat sich am Wochenende an Hertha abgearbeitet; besser gesagt am Management des Klubs, das Werder-Fan Trittin als „suizidal veranlagt“ bezeichnete. Und da das Niveau schon auf Höhe der Grasnabe angekommen war, konterte Vereinspräsident Werner Gegenbauer nicht weniger pöbelhaft, der ahnungslose Trittin solle – auf gut Berlinisch – „einfach mal Fresse halten“.

Westerwelle, Trittin, Goethe – nein, Hertha ist dieser Tage kein ganz einfach zu begreifendes Gebilde.

Oder ist es am Ende doch gar nicht so kompliziert? Der junge Fanol Perdedaj brachte es in seiner Analyse in einen einzigen Satz auf den Punkt: „Otto, mit dem ist es lustig, er bringt uns oft zum Lachen.“ Endlich dürfen sie zu Wochenbeginn auch wieder mal lachen, statt immer tiefer im Tal der Tränen zu versinken. Ob der Sieg über Bremen nun verdient war oder nicht, nur fünf Torschüsse hin, null Eckbälle her –„ob das Spiel gut oder schlecht war“, sagt Abwehrspieler Christoph Janker befreit, „interessiert mich überhaupt nicht. Es ist wichtig für alle, dass wir mal wieder gewonnen haben. Wir haben drei Punkte, nur das zählt.“

Ende der schwarzen Serien

Zwar hat Hertha nun noch immer nur 23 Punkte, und die haben noch nie zum Klassenerhalt gereicht. Aber zurück auf Tabellenplatz 15 ist die Stimmung in der Stadt plötzlich wieder eine ganz andere. Das 1:0 hat gleich einigen schwarzen Serien ein Ende bereitet, die „natürlich am Selbstvertrauen der Spieler nagen, wenn du so oft verloren hast, wie wir verloren haben“, sagt Rehhagel. Alle sieben Pflichtspiele des Jahres 2012 hatte Hertha verloren und zuletzt – inklusive DFB-Pokal – 552 Minuten auf ein Tor warten müssen. Nach einem vollen Dutzend siegloser Partien in der Bundesliga wurde Spiel 13 für die Berliner zum Glücksmoment. Ein Heimspiel hatten sie seit dem 1. Oktober nicht mehr gewonnen (3:0 gegen Köln), ohne Gegentor waren sie letztmals am 26. Oktober (3:0 im DFB-Pokal in Essen) geblieben.

Aber längst nicht nur mit Blick auf die sportliche Perspektive war der Sieg so wichtig. Vor allem dem Betriebsklima war er höchst dienlich. „Die Erleichterung im Stadion nach dem Schlusspfiff war spürbar“, sagte Janker, und das war nur die positive Formulierung dessen, was andernfalls zu befürchten stand. „IHR HABT EUER VERSPRECHEN GEBROCHEN!“, stand in schwarzen Lettern auf einem 60 Meter langen, blütenweißen Spruchband, das die Fans als Ausdruck ihrer Gemütslage in der Ostkurve angebracht hatten. Der Subtext lautete: Noch so eine Leistung wie beim 0:5 in Stuttgart oder dem 0:3 in der Vorwoche in Augsburg – und wir garantieren euch für überhaupt nichts mehr. „Nur konsequent“, gesteht Janker, fand er das nach einer spontanen, so nicht geplanten Aussprache von Fans und Mannschaft vor drei Wochen auf dem Vereinsgelände. „Da waren Worte gefallen, die ihrer Meinung nach nicht erfüllt wurden“, sagt Janker und hofft, er und Kollegen hätten gegen Bremen „einen kleinen Schritt gemacht, das wieder hinzubiegen. Denn wir brauchen die Fans, wir brauchen ihre Unterstützung. Ohne sie packen wir es nicht.“

Janker: Alle haben jetzt verstanden

In den Schlussminuten gab es auf offener Szene Applaus für jeden gewonnenen Zweikampf und jeden noch so humorlos weggebolzten Ball. Es war der Lohn für eine Mannschaftsleistung, in der jeder Einzelne nachwies, nun endlich verstanden zu haben, was für Hertha auf dem Spiel steht. Jeder Einzelne, Herr Janker, wirklich jeder? Antwort des Profis: „Ja.“

Auch für den Trainer stand einiges auf dem Spiel. Hatte der passionierte Rehhagel-Kritiker Dieter Burdenski im Vorfeld der Partie noch erklärt, es werde im Fall einer neuerlichen Niederlage „schwer für Otto, seine Spieler in den kommenden Wochen noch zu erreichen und zu motivieren“, so besteht diese Gefahr nun vorerst nicht mehr.

Ein Spiel nach dem indiskutablen 0:3 in Augsburg hat „König Otto“ nun mit Verzögerung seine Daseinsberechtigung als Retter von Hertha BSC erworben. Kühl analysierte Rehhagel die Defizite der Vorwoche – und handelte. Er schwor das Team ein, bis Saisonende alle Empfindlichkeiten beiseite zu legen. Nicht beleidigt zu sein, wenn man mal draußen sitzt. „Jetzt zählt nur Teamgeist, Teamgeist, Teamgeist“, mahnte Rehhagel. Und er nahm vier personelle Umstellungen vor, die inklusive Bankplatz für Kapitän Andre Mijatovic alle fruchteten.

So etwas verschafft Glaubwürdigkeit bei den Spielern, aber Rehhagel sagt nur: „Die brauchen mich nicht anzuhimmeln. Es genügt, wenn sie spüren: Da ist jemand, der von seinem Fach etwas versteht.“ Das scheint soweit der Fall zu sein. Nikita Rukavytsya, der neu in die Startelf beförderte Siegtorschütze, kannte seinen neuen Trainer vorher nur dem Namen nach. Jetzt ist er begeistert von diesem Otto Rehhagel. „Er ist definitiv eine Legende“, schwärmt der Australier mit ukrainischen Vorfahren: „Er hat so viel erlebt und auch so viel gewonnen. Es ist eine Ehre, mit ihm zusammenzuarbeiten.“

„Belebend“, findet auch Janker Rehhagels Wirken, aber: „Beschreiben kann ich das Phänomen nicht.“ In der Tat fällt es zumindest schwer. Oder wann hat ein Trainer des Hauptstadtklubs zuletzt das Auslaufen seiner Mannschaft verpassen müssen – weil er, wie Rehhagel es am 18. März tun wird, an der Wahl des neuen Bundespräsidenten teilnimmt?

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