Im total falschen Film wähnte sich Andre Mijatovic dieser Tage. Könne doch alles nicht sein, klagte der Kapitän von Hertha BSC, den mehr und mehr die Angst beschleicht, einige Kollegen wären noch auf vergnügliche Komödie gepolt, wo die Handlung sich tatsächlich längst zum Drama gewandelt hat. „Wir verstehen nicht“, sagte Mijatovic deshalb am Wochenende noch mal deutlich, „dass wir im Abstiegskampf sind.“ Und mit noch ein paar solcher kollektiven Kapitulationen wie Sonnabend beim 0:3 in Augsburg oder zwei Wochen davor beim 0:5 in Stuttgart „werden wir nicht in der Liga bleiben.“
Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht. Stellen sich zwei Fragen, erstens: Kann diese Mannschaft etwa keinen Abstiegskampf? Und zweitens: Haben einige der Herrschaften denn gar nichts gelernt? Nein, nicht Peter Niemeyer, der hat nach eigenem Bekunden „leider – oder besser gesagt Gott sei Dank – noch nie Abstiegskampf erlebt“. Doch ungeachtet dieses Erfahrungsmangels kämpft der Mittelfeldspieler mit Verve.
Andere dagegen haben erfahren, wie sich ein Abstieg anfühlt – und kämpfen trotzdem nicht; im wahrsten Sinne des Wortes sogar: Acht Zweikämpfe bestritt Raffael in 78 Minuten Dienstzeit in Augsburg, sogar nur drei dieser Duelle entschied er für sich. Adrian Ramos trug immerhin 42 Zweikämpfe aus – aber deren zwölf gewonnene ergeben mit 28 Prozent Erfolgsquote eine ungenügende Bilanz. Raffael und Ramos – schon am Totalschaden des Jahres 2010 hatten sie mehr oder minder großen Anteil. Gleiches gilt für Patrick Ebert, Fabian Lustenberger und Christoph Janker gehören dazu. Diese fünf Spieler des aktuellen Kaders kennen den Horrorstreifen also schon, der sich durch ihre Regieleistung gerade wiederholt.
So war es vor zwei Jahren: Mit sieben Toren war Raffael im Abstiegsjahr zweitbester Schütze des Teams. Mickrig war der Wert des Spielmachers von nur vier Vorlagen. Speziell zu Beginn der Saison waren seine Darbietungen zum Teil am Rande der Regresspflicht. Immerhin stand Raffael dann auch zu seiner Mitschuld am Abstieg und unterschrieb einen Vertrag zu reduzierten Bezügen im Zweitligajahr. Adrian Ramos erzielte zehn Tore, aber meist hing die Qualität seiner Auftritte vom Wetter ab. War das gut wie an einem vorfrühlingshaften Sonnabend im Februar in Freiburg, dann war auch der Kolumbianer gut. Patrick Ebert war mit großen Vorsätzen in die Saison gestartet und in der Hinrunde auch Stammspieler. Nach der Winterpause spielte er – auch wegen anhaltender Knieprobleme – keine Rolle mehr. Eine rechte Hilfe war Ebert mit nur einem Tor und null Vorlagen in 16 Einsätzen aber auch vorher nicht. Christoph Janker war ein Ergänzungsspieler, der nur viermal über volle 90 Minuten zum Einsatz kam.
Ein Gewinner unter lauter Verlierern war dagegen Fabian Lustenberger. Nach zwei Mittelfußbrüchen nacheinander meldete er sich von Spieltag zehn an dienstfähig – und stand fortan bis Saisonende nur zweimal nicht in der Startformation. Hymnisch lobte Trainer Friedhelm Funkel die Ballsicherheit und taktische Reife des Schweizers. Ein Problem war die Limitiertheit nach vorn: Wo auch defensive Mittelfeldspieler am Offensivspiel teilnehmen dürfen, steuerte Lustenberger zum ungenügenden Gesamtergebnis exakt null Tore und eine Vorlage bei.
So ist es in dieser Saison: Mit fünf Toren ist Raffael zweitbester Schütze des Teams. Allzu oft ist der Spielmacher nur Mitläufer und nicht Taktgeber wie beim großartigen 2:1 in Dortmund. Und dass er durchaus zu kämpfen vermag – wenn er denn mag –, wies Raffael als leidenschaftlicher Rackerer beim neun gegen elf in Bremen (1:2) nach. Adrian Ramos hält seit Anfang Dezember bei vier Saisontoren und spielt noch immer dem Wetter entsprechend. Und da erst von Sommer keine Rede sein konnte und dem nun ein anfangs reichlich indifferenter und später bitterkalter Winter folgte, hat der merkwürdig teilnahmslose Kolumbianer auch noch keine seiner Klasse entsprechende Leistung gezeigt. Ein Rätsel sind allerdings auch die Entzündungen, die seinen Körper nahezu permanent und mal am Gesäß, dann am Finger und zuletzt an der Zehe plagen.
Patrick Ebert ist mit großen Vorsätzen in die Saison gestartet und war in der Hinrunde auch Stammspieler. Frei von Knieproblemen, spielt er auch nach der Winterpause – aber angesichts von null Toren und zwei Vorlagen spielt er als Offensivkraft nicht auch wirklich eine Rolle. Eberts Dilemma ist, dass in seinem Spiel keinerlei Entwicklung festzustellen ist. Er tut viel, aber macht wenig richtig – das ist heute so der Fall wie es das vor zwei Jahren war und wohl auch in fünf Jahren noch sein wird. Christoph Janker ist ein Ergänzungsspieler, der schon sechsmal über volle 90 Minuten zum Einsatz kam, weil Sperren und Verletzungen im Abwehrverbund mal innen und aktuell auf der rechten Seite Vakanzen haben entstehen lassen.
An dieser Stelle enden die Gemeinsamkeiten. Janker ist nicht mehr nur der liebe, nette „Django“, der sich hinten anstellt und keinen Schmutz macht. Deutlich hat er formuliert, dass in Herthas Wackelabwehr ein Stammplatz sein Ziel ist. Die forschen Worte untermauert er mit verlässlichen Darbietungen – trotz Jochbeinbruch im Spiel gegen Hamburg, seit dem er mit schützender Gesichtsmaske aufs Feld marschiert. Ganz anders geht diesmal auch die Geschichte des Fabian Lustenberger. Der Gewinner des Abstiegsjahres ist der Verlierer der Gegenwart. Erst war er der dritte Mann hinter der Doppelsechs Niemeyer/Ottl. Als er dann und wann spielen durfte, machte er es nicht besser und nicht schlechter als die Kollegen. Vor allem aber verabschiedete er sich mit starker Fußprellung rasch mal wieder in den Krankenstand.
Freilich, nicht die fünf allein sind schuld an Herthas neuerlichem Niedergang. Das haben sie schon alle gemeinsam hingekriegt. Letztmals Mitte Oktober ist die Mannschaft in einem Pflichtspiel ohne Gegentor geblieben, aktuell sorgen vier Spiele nacheinander ohne eigenen Torerfolg für einen unlieben Klubrekord.
Nach dem 0:3 in Augsburg ist es „drei vor Zwölf“, hat die Nummer fünf unter Berlins Cheftrainern in dieser Saison, Otto Rehhagel, mahnend festgehalten. Denn mag auch noch etwas ganz anders sein als vor zwei Jahren – die Wirkung ist doch ein und dieselbe: Damals war der Abstiegskampf nach nur sechs Punkten in der ersten Saisonhälfte quasi schon in der Winterpause verloren. Diesmal erarbeitete sich Hertha in der Hinrunde 20 Punkte – um jetzt jedoch mit gegenwärtig null Punkten nach sechs Rückrundenspielen geradewegs das nächste historische Debakel anzupeilen.





