Auswärts in Augsburg

Die ganze Liga erwartet Herthas Heldentaten

Es ist das Spiel der Wahrheit: Gegen den FC Augsburg wird sich zeigen, ob Otto Rehhagel bei Hertha wirklich Wunder bewirken kann. Beim Gegner nehmen sie den Trubel um Herthas neuen Coach eher amüsiert zur Kenntnis.

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Als Otto Rehhagel noch Trainer des SV Werder Bremen war, gab es das geflügelte Wort vom „Wunder an der Weser“, was ganz einfach der Tatsache geschuldet war, dass es die Mannschaft des mittlerweile 73-Jährigen am Ufer des gleichnamigen Flusses immer wieder verstand, Unmögliches zu vollbringen. Spiele zu drehen, große Erfolge zu feiern – kurz und gut, ein Wunder nach dem nächsten zu schaffen.

Jetzt, rund zwei Jahrzehnte später, muss Otto Rehhagel als neuer Trainer von Hertha BSC wieder ein – sagen wir es vorsichtig – wichtiges Spiel gewinnen, am heutigen Sonnabend geht es gegen den FC Augsburg (15.30 Uhr, Sky live und hier im Live-Ticker von Morgenpost Online ). Ein Sieg dort wäre nun zwar kein Wunder, aber fast schon überlebenswichtig nach elf sieglosen Spielen in Folge. In jedem Fall erwartet die ganze Liga erneut eine Heldentat von „König Otto“. Selbst Michel Platini sagt: „Ich kenne Otto Rehhagel und seine Art zu reden und zu denken. Er hat in Griechenland einen wirklich guten Job gemacht mit fantastischen Resultaten. Wenn die Berliner Verantwortlichen glauben, er kann Hertha retten, dann ist es legitim, ihn trotz seines Alters zu holen. Ich bin sicher, dass er dem Verein helfen kann.“ Platini sollte es wissen, ist er doch immerhin Uefa-Präsident.

Doch es geht auch eine Nummer kleiner. In Augsburg haben sie das Treiben des Neuen natürlich ebenso aufmerksam verfolg. Und, um nicht vollends in Vergessenheit zu geraten, gleich mal kommentiert. So geschehen im ZDF-Morgenmazin durch FCA-Manager Andreas Rettig. Man sei „sehr amüsiert gewesen, was wir da aus Berlin erfahren haben“, lästerte Rettig, „Rehhagel mit Mütze oder ohne Mütze, mit Mantel oder ohne Mantel“. Nun, ein Heilsbringer steht eben im Fokus, und doch, so Rettig weiter, „wir können auf ihn keine Rücksicht nehmen. Wir werden ihn nett begrüßen, danach ist es vorbei mit der Gastfreundschaft.“ Worte, die angesichts Rehhagels großer Erfolge schnell zum Bumerang werden könnten. Denn in der Vorbereitung auf einzelne, wichtige Partien ist Rehhagel fit wie keine Zweiter. Und das beileibe nicht nur an der Weser.

Revanche im Osten

Bestes Beispiel: Das denkwürdige 5:0 mit Bremen im November 1988 im Europapokal der Landesmeister gegen Dynamo Ost-Berlin. 0:3 hatte Werder im heimischen Weserstadion verloren und war damit praktisch ohne Chance auf ein Weiterkommen. Doch die Berliner hatten die Rechnung ohne Otto Rehhagels Motivationskünste gemacht. Schon Minuten, bevor der Schiedsrichter die Spieler aus der Kabine holen wollte, liefen die Bremer auf den Rasen. Manfred Burgsmüller, so geht die Geschichte, haute mit der Hand gegen die Tür der Dynamo-Kabine und brüllte: „Kommt raus, wir machen euch platt“ – gesagt getan. Das Spiel in Ost-Berlin gilt unter Werder-Anhängern noch immer als Legende. Ähnlich wie ein Spiel im Jahr zuvor, als es in Moskau eine herbe 1:4-Klatsche gehagelt hatte. Nur 20.000 Zuschauer wollten das Rückspiel im Weserstadion noch sehen, keiner glaubte an ein Wunder. Es kam anders: In einem dramatischen Endspurt setzten sich die Bremer nach Verlängerung mit 6:2 durch – es die „Mutter“ der Wunder an der Weser.

Genau für solche Momente hat Hertha Rehhagel geholt. Für das Überraschende, wo doch alles so festgefahren scheint. „Ich habe kein Allheilmittel“, sagt der Neue zwar. Und doch: An anderer Station sah es genau danach aus. Da muss gar nicht erst der EM-Titel 2004 mit Außenseiter Griechenland herhalten, wenngleich das 1:0 im Finale gegen Portugal natürlich Rehhagels Meisterstück war. Es geht aber auch zwei Nummern kleiner, wie der Fall Arminia Bielefeld beweist. Bei den Ostwestfalen amtierte Rehhagel von 1978 bis 1979. Und verhalf ihnen nebenbei zum höchsten Bundesliga-Auswärtssieg der Klubgeschichte: 4:0 hieß es im März 79 ausgerechnet beim FC Bayern München. „Das waren Fußballgrüße aus Bielefeld“, tönte er später, was verständlich war, hatte die Arminia eine Woche zuvor noch eine herbe 2:5-Klatsche in Braunschweig kassiert. Was für eine Leistung des Trainers, eine Mannschaft binnen weniger Tage wieder so aufzubauen. Eine Aufgabe, die er in dieser Woche auch bei Hertha erlebte. „Wir haben drei Vereine hinter uns. Diese Position müssen wir erhalten.“

Hertha den Aufstieg genommen

Nicht nur drei, gleich alle anderen Teams ließ er 1981 beim Aufstieg mit Werder Bremen hinter sich. Im April kam es zu einer Begegnung, an die sich die Hertha-Fans noch mit Grauen erinnern werden: Obwohl die Berliner fast 100 Tore erzielt hatten, standen sie nur auf dem zweiten Tabellenrang. Nur Platz eins berechtigte in der damals geteilten zweiten Liga zum Aufstieg. Spitzenreiter vor dem Duell am 34. Spieltag war Werder Bremen, es ging um alles. Rehhagels Mannschaft behielt die Nerven und gewann vor 70000 enttäuschten Zuschauern 2:1 im Olympiastadion, der Aufstieg war den Norddeutschen nicht mehr zu nehmen. Die Berliner mussten ein weiteres Jahr warten – und stiegen gleich wieder ab.

Den will der neue Coach natürlich unbedingt vermeiden. Drei Punkte möchte er mitnehmen aus Augsburg, in der Weltbürger Rehhagel als Fußballer noch nie so wirklich aufgetreten ist. „Wir müssen das Spiel auf Sieg angehen“, sagt er.

Ob er sich im Januar 1983 genauso siegessicher gab? Wiederum mit Werder Bremen ging es im Spitzenspiel gegen den ewigen Rivalen Hamburger SV. Doch von Freude auf das Derby keine Spur, hatten die Hamburger 36 Mal in Folge nicht verloren – ein bis heute unerreichter Rekord. Der gegen Rehhagels Bremer jedoch sein Ende fand, das Team gewann 3:2. Im Durchbrechen von Serien ist er also geübt, der Neue, eine Fähigkeit, die er gerne auch bei Hertha unter Beweis stellen darf. Auch wenn es eher um sieglose Partien geht, genau elf an der Zahl.

Es gäbe noch viele dieser Geschichten. Zum Beispiel, wie Rehhagel anno 1993 auf der Zielgeraden noch den FC Bayern abfing. 5:0 gegen Hamburg, 3:0 gegen Stuttgart – statt der Münchner wurde er mit Bremen Deutscher Meister. Doch keine Saison und kein Spiel erzählt wohl so viel über das Geschick von Otto Rehhagel wie die erste Partie der legendären Saison 1997/98 mit dem gerade aufgestiegenen 1. FC Kaiserslautern. Gleich im ersten Spiel traf Rehhagel erneut auf Bayern München, und für alle überraschend brachte er einen gewissen Michael Schjönberg, gelernter Manndecker. Am Ende des Tages gewann Lautern 1:0 – Torschütze, natürlich, Schjönberg. Mit seinem Treffer ebnete er den Weg zum bisher einzigen Meistertitel eines Aufsteigers. „Es gibt einen Fußballgott – und der sieht alles. Die Rechnung kommt immer, manchmal gleich, manchmal ein wenig später“, jubelte Rehhagel. Das ist 14 Jahre her. Anno 2012 hofft nun also Berlin, Teil von Ottos Wunderwelt zu werden.

Mitarbeit: Udo Muras

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