Bis die gesamte Republik auf ihn schaut, gehen noch drei Wochen in Land. Otto Rehhagel (73) gehört zu den 1240 Wahlmännern und -frauen, die am 18. März im Bundestag Joachim Gauck zum Bundespräsidenten wählen werden. Rehhagel wurde von der CDU Berlin mit dieser Aufgabe bedacht. Bis dahin steht Rehhagel im Fokus von Fußball-Deutschland. Am Sonnabend gibt der neue Cheftrainer von Hertha BSC nach zwölf Jahren Pause sein Comeback in der Bundesliga. Nein, er sei nicht mehr „der wandelnde Vulkan von früher“, sagte Rehhagel vor der Auswärtspartie beim FC Augsburg (15:30 Uhr, Sky live und hier im Live-Ticker von Morgenpost Online ), aber „etwas Nervosität und Aufregung“ sei schon dabei. „Und klar, mit meiner Erfahrung will ich Souveränität ausstrahlen.“

Es war eine Ein-Mann-Show, die Rehhagel bei seiner ersten Spieltags-Pressekonferenz für Hertha BSC gab. An seiner Seite saßen Manager Michael Preetz und Mediendirektor Peter Bohmbach. Preetz durfte exakt eine Antwort geben. Die lautete, auf die Frage ob Hertha etwas von dem Interesse des FC Liverpool an Spielmacher Raffael wisse: „Nein“ – da fiel Rehhagel dem Manager ins Wort. „Das brauchst du gar nicht zu beantworten. Wir reden hier nur zum Spiel in Augsburg.“

Raffael ist der "Spiritus rector"

Eine Ansage, die Rehhagel gleich bei der nächsten Frage konterkarierte. Mit welcher Taktik tritt Hertha in Augsburg an? Rehhagel: „Über Taktik wird nicht gesprochen.“ Und mit welcher Aufstellung? Rehhagel amüsierte sich: „Ich sage Ihnen das jetzt mal: Wenn Sie am Freitag meinen, Sie hätten eine Aufstellung rausbekommen: Die stimmt wahrscheinlich nicht. Meine Aufstellung kennt niemand, nicht mal die Spieler. Ich gebe die Aufstellung grundsätzlich erst am Samstag raus.“

Zu einigen allgemeinen Äußerungen ließ Rehhagel sich verleiten. Er schätze Raffael von dessen Können als „Spiritus rector“ der Mannschaft ein. Aber wie Messi beim FC Barcelona müsse er sich vorrangig in den Dienst der Mannschaft stellen. Er „plane keine großartigen Umstellungen“. Nach fünf Niederlagen und nur einem Tor im Jahr 2012 müsse Hertha in Augsburg endlich treffen. Wie will er helfen? Rehhagel: „Wir müssen unsere Chancen nutzen. Aber ich habe keine Allheilmittel.“ Die Zusammenarbeit mit den Cotrainer Rene Tretschok und Ante Covic sei „ausgezeichnet. Zwei sympathische Jungs mit Fußball-Blut in den Adern.“

Die Lage bei Hertha ist ernst. Nach fünf Niederlagen in Folge erwartet den neuen Chef gleich zum Anfang ein Abstiegskrimi. Mit einem Sieg kann Augsburg, derzeit Vorletzter mit 18 Punkten, Hertha (20 Zähler) überholen. Doch von immensem Druck war nichts zu spüren. „Ich bin in der günstigen Position: Ich habe nichts zu verlieren im Leben“, sagte Rehhagel. Die Botschaft, die der Hoffnungsträger für die Medienvertreter bereithielt: Ich mache mit euch etwas Sparring, zeige aber nicht im Ansatz, was ich drauf habe.

Einer, der ihn gut kennt, warnt davor, Rehhagel zu unterschätzen. Von wegen, der Trainer-Routinier setze auf einen Libero, alte, große Spieler und lasse Steinzeit-Fußball spielen. „Die Klischees stimmen einfach nicht. Ich muss mal eine Lanze für Otto brechen“, sagte Wolfgang Sidka (56) Morgenpost Online. Der einstige Hertha-Profi hatte von 1982 bis 1987 bei Werder Bremen unter Rehhagel trainiert. „Wir waren eine der ersten deutschen Mannschaften, die Raumdeckung gespielt haben. Da hat sich Otto von Ernst Happel inspirieren lassen, der das in Belgien praktiziert hat. Wir hatten eine tolle Truppe mit Meier, Möhlmann, Otten, Reinders, Neubarth, Schaaf oder Völler. Otto hat uns brutal offensiv eingestellt.“

Rehhagel hat Starter-Qualitäten

In den 102 Länderspielen mit Griechenland dagegen war Rehhagels Team eher defensiv ausgerichtet. „Otto hat sich immer weitergebildet“, sagte Sidka. „Er setzt die Spieler nach ihren Stärken ein. Sein größter Trumpf ist die Begeisterung, die er rüberbringen kann.“

In einem Nebensatz ließ Rehhagel anklingen, dass er auf der Höhe der taktischen Diskussion ist. „Ich weiß noch nicht, ob ich mit einem oder zwei Stürmern spielen lasse.“ Hertha hat, wie die meisten Konkurrenten, in dieser Saison im 4-2-3-1-System gespielt. In der Taktik 4-4-2 bewegen sich Werder Bremen, Hannover und zuletzt auch Mönchengladbach, der HSV und Kaiserslautern. Was ihm indessen wichtig ist: „Das wird ein schwere Aufgabe. Ich will eine Mannschaft sehen, die Begeisterung und Leidenschaft lebt.“

Die Statistik spricht für die Starter-Qualitäten von Rehhagel. Seit 1979 hat er bei vier verschiedenen Vereinen jeweils seine ersten beiden Spiele gewonnnen.