Zweites Training

Mit der Windmühle macht Rehhagel Hertha fit

Bei seiner zweiten Trainingseinheit setzt Hertha-Coach Otto Rehhagel vor allem auf die Verbesserung der Fitness. Er selbst präsentiert sich in bester körperlicher Verfassung. Sogar Bundestrainer Joachim Löw ist begeistert.

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Ein lockerer Trab zur rechten Seite. Umdrehen. Trippelschritte nach links. Anhalten, und ein vorsichtiger Ausfallschritt. Erst die Oberschenkel-Muskulatur rechts dehnen, dann links. Nun kommt der Oberkörper an die Reihe. Den Schultergürtel drehen, immer ein kleines Stück weiter zurück. Dann die ausgestreckten Armen ins Kreuz drücken, ehe mit ein paar Windmühlen-Drehungen der ausgestreckten Armen der zügige Schritt in einen lockeren Trab übergeht. Nun ist der Ball am Fuß dabei.

Keine Frage, Otto Rehhagel verkörpert das Sprichwort, demnach ein gesunder Körper einem gesunden Geist durchaus zuträglich ist. Am zweiten Tag, an dem der neue Cheftrainer von Hertha BSC zum Training gebeten hatte, säumten rund 300 Fans den Schenkendorff-Platz, für die Verhältnisse des Bundesliga-Aufsteigers eine stattliche Zahl. Sie konnten sich einen Eindruck davon machen, dass Rehhagel im Alter von 73 Jahren nicht nur seine Mannschaft an der Fitness arbeiten lässt. Sondern, dass er selbst eine körperliche Verfassung hat, die sich nur mit regelmäßigem Sport und gesunder Lebensweise erzielen lässt.

„Ich bin fit und gesund, ich will Spannung im Leben haben“, hatte Rehhagel begründet, warum er, ungeachtet seiner Vita als einer der erfolgreichsten Trainer in Lande, sich die „Mission Klassenerhalt“ in Berlin aufhalst. Für Aufsteiger Hertha geht es nur darum, nach dem letzten Spieltag am 5. Mai die Bundesliga zu halten.

Nicht nur die Trainings-Kiebitze im Neu-Westend waren zuversichtlich. Lediglich acht Kilometer Luftlinie entfernt von Herthas Trainingsgelände meldete sich zeitgleich zum Hertha-Training der oberste Fußball-Sachverständige in Deutschland zu Wort. „Ich habe Otto Rehhagel in den letzten Jahren immer wieder getroffen und stets gespürt, dass er enorm viel Energie und Lust hat, weiter was zu machen“, sagte Bundestrainer Joachim Löw, der am Salzufer in Tiergarten sein Aufgebot für das Freundschaftsspiel gegen Frankreich bekanntgab. „Otto Rehhagel ist ein absolute Autorität und wird Berlin gut tun. Mit ihm kann Hertha den Klassenerhalt schaffen.“

Hochkarätige Aufmunterung kann Hertha vertragen. Ungeachtet des öffentlichen Hypes um den neuen Chef ist die Lage ernst. Der Hauptstadt-Klub hat seit elf Bundesliga-Spielen nicht mehr gewonnen. Nach fünf Niederlagen in Folge sind die Berliner der einzige Erstligist ohne Punktgewinn im neuen Jahr. Rehhagel ist der fünfte Trainer, der in dieser Saison Platz auf der Hertha-Bank nimmt (nach Markus Babbel, Rainer Widmayer, Michael Skibbe und Rene Tretschok).

Auch Oliver Bierhoff, Teammanager der Nationalmannschaft, begrüßt die Entscheidung für den Trainer-Routinier, der über die Erfahrung von 820 Bundesliga-Partien verfügt. „Rehhagel strahlt Freude und Kraft aus. In der kurzen Zeit bis zum Sommer geht es bei Hertha nicht mehr darum, konzeptionell etwas aufzubauen. Bei der Verpflichtung geht es nur darum, psychologische Aspekte einzubringen. Wir drücken die Daumen.“

Seinen ersten Job als Bundesliga-Trainer hat Rehhagel im März 1974 bei Kickers Offenbach übernommen. Mittlerweile trennen ihn rund 50 Jahre Lebenserfahrung von seinen Spielern. Pierre-Michel Lasogga ist mit 20 Jahren der jüngste Stammspieler im Kader. Der Stürmer hat aber mit Stiefvater Oliver Reck jemanden in der Familie, der von 1985 bis 1995 tagtäglich mit dem Vorgesetzten Rehhagel zu tun hatte, damals bei Werder Bremen. Bei der Frage, was er über seinen neuen Trainer weiß, zögert Lasogga kurz. Nein, sagt er dann, es sei nicht so, dass er daheim angerufen habe, um sich bei seinem Stiefvater zu erkundigen. Stattdessen beschrieb Lasogga, wie er Rehhagel in dessen wenigen Tagen bei Hertha erlebt. „Er bringt unglaublich viel Erfahrung mit. Er führt uns mit einer Mischung aus Spaß und Disziplin. Wir vertrauen ihm zu 100 Prozent.“

Beim Training am Mittwoch wurde aus dem „Otto Schneehagel“ vom winterlichen Montag ein „Sonnenkönig“, der mit viel Licht und milden zehn Grad aufwartete. Er ging auf Tuchfühlung, klopfte Manndecker Sebastian Neumann aufmunternd auf die Schulter und schubste ihn scherzhaft zur nächsten Übung. Rehhagel setzt bei Hertha auf positive Emotionen. „Negative hatte wir lange genug“, sagte Verteidiger Levan Kobiashvili.

Rehhagel beaufsichtigte ein Programm, bei dem an den Grundlagen gearbeitet wurde: Sicheres Passspiel auf fünf Meter Entfernung mit dem rechten Fuß. Und mit dem linken. Den Ball per Kopf ablegen.

„Halt, halt, halt.“ Die Ausführung dieser Übung gefiel Rehhagel nicht. Er unterbrach und holte die gesamte Mannschaft kurz zusammen. Das müsse man doch als Kind lernen, erklärte er. „So geht's“, Rene Tretschok warf ihm den Ball zu, fünf Mal köpfte Rehhagel zielsicher zurück in die Arme des Cotrainers. „Schwung holen aus dem Kreuz. Kopfballspielen gehört zum Fußball. Mit einem Kopfball können Sie ganze Spiele entscheiden.“ Wie kommen solche Anweisungen bei den Jungen an? Lasogga grinste. „Ich habe das nicht als Kind gelernt. Ich habe am liebsten immer draufgebolzt.“

Mitarbeit: Lars Wallrodt