Warum, bitteschön, sollte der Sonnabend für Hertha BSC nicht in doppelter Hinsicht ein Feiertag werden? So etwa könnte daraus etwas werden: Zuerst ein Auswärtssieg beim VfB Stuttgart, was zugleich der erste Erfolg des Berliner Bundesligisten unter dem neuen Trainer Michael Skibbe wäre. Dann am Abend ein genehmes Los im Halbfinale des DFB-Pokals. Entweder in der spektakulären Form eines Heimspiels gegen den FC Bayern. Oder eher aussichtsreich Hoffenheim oder Zweitligist Fürth als Gegner – was dann nicht zuletzt ein Finale im Olympiastadion am 12. Mai unter Beteiligung der „Heim“-Mannschaft, das ganz große blau-weiße Ziel dieser Saison also, in greifbare Nähe rücken ließe.

Ja, das wäre ein Sonnabend so ganz nach dem Geschmack all jener, die es mit Hertha halten. Wenn der Glaube an einen blau-weißen Feiertag am Sonnabend derzeit aber selbst hartgesottenen Fans schwer fallen mag, dann deshalb, weil der Klub seit Jahresbeginn in einem Meer der Tränen versunken scheint. Drei Spiele zum Rückrundenstart haben drei Niederlagen gebracht – schlechter als Hertha war in diesem Zeitraum kein anderer Bundesligist.

Wie eine Insel der Sehnsucht ragt da ein DFB-Pokal-Viertelfinale heraus, in dem Hertha erst die Grundlage dafür schaffen kann (und muss), am Sonnabend bei der Auslosung im ZDF-Sportstudio überhaupt noch Berücksichtigung zu finden. Dazu ist an diesem wieder einmal eiskalten Mittwochabend (19 Uhr, Olympiastadion) Bundesliga-Konkurrent Borussia Mönchengladbach mit Berlins Ex-Trainer Lucien Favre aus dem Weg zu räumen.

Millioneneinnahme winkt

Gewiss, es gibt leichtere Begegnungen als eine solche mit dem in diesem Kalenderjahr noch ungeschlagenen Altmeister vom Niederrhein, der in der laufenden Punktrunde obendrein die Mannschaft mit den wenigsten Gegentoren (zwölf nach 20 Spielen) darstellt. Doch Manager Michael Preetz formuliert kämpferisch seinen Wunsch nach Herthas Vorstoß ins Pokal-Halbfinale: „Berlin wartet lange auf ein solches Ereignis, und wir werden alles dafür tun, diese Chance zu nutzen.“ Das ist die richtige Einstellung! Denn genauso wie das andauernde Gejammere über die außergewöhnliche Kälte nichts hilft, weil die nun mal existent und auch durch irdisches Flehen nicht zu vertreiben ist, verändert auch alles Klagen über einen vielleicht zu starken Gegner nichts: Den Widrigkeiten muss sich entgegengestemmt werden und ein Sieg her, irgendwie.

Denn was der alles auslösen könnte: Da sind zunächst einmal die Finanzen, die bei Hertha ein chronisches Problem darstellen. Ein mögliches Halbfinale brächte dem Klub eine garantierte Mehreinnahme von 2,3 Millionen Euro plus Einnahmen aus dem Verkauf von Eintrittskarten und Bandenwerbung, die sich Heim- und Gastmannschaft nach Abzug der Kosten jeweils zur Hälfte teilen. Doch was wäre der monetäre Zugewinn schon im Vergleich zu dem Schub, den ein Sieg sportlich auslösen könnte. „Eine große Chance für uns“, sieht Mittelfeldspieler Fabian Lustenberger in dem Pokalspiel: „Ich hoffe, dass wir es nutzen werden, um Schwung für die Liga zu holen.“

Skibbe hofft auf offensive Gladbacher

Mindestens 90 und womöglich auch 120 Minuten (plus Elfmeterschießen) unter Flutlicht gegen Mönchengladbach als Chance – „als Spieler oder Trainer darf man nie vor einer großen Aufgabe zurückschrecken, sondern man muss sie annehmen“, sagt Skibbe und hofft, dass der Gegner den Seinen einen Gefallen tun möge: „Wenn wir durch Gladbachs offensive Spielweise mehr Räume bekommen, kann das unserem Spiel entgegen kommen.“

Und niemandem käme ein Sieg mehr entgegen als Skibbe selbst. Der kann nach drei Niederlagen zum Start seiner Amtszeit in Berlin gehörig auf den Resetknopf drücken. Und sei es zunächst nur auf den emotionalen, denn freilich würde ein Halbfinaleinzug im Pokal nicht auch faktisch die Existenzsorgen in der Liga fortwischen. Dort bleibt das Programm der kommenden Wochen schwer: mit Spielen in Stuttgart und Augsburg sowie zu Hause gegen Meister Dortmund und Bremen.

Doch wenngleich auch ein wenig ungelenk, so gibt Manager Preetz die Ausgangslage so doch korrekt wider: Die zurzeit eher negative Stimmung „kann man mit jedem positiven Ereignis kippen“. Das nicht ausschließlich, nun aber sehr gerne mittels eines Positiverlebnisses im Pokal. Auf die Bewerkstelligung eines solchen geloben sie einen Abend lang alle gepolt zu sein. „Im Pokal hat die Mannschaft dreimal hintereinander gewonnen. Also müssen wir uns vor diesem Spiel jetzt nicht darüber unterhalten, dass wir in der Bundesliga dreimal verloren haben.“ Anderer Wettbewerb, anderes Denken – neues Glück? Zwar gesteht Kapitän Andre Mijatovic: „Wir nehmen nach den Niederlagen keine positive Stimmung aus der Bundesliga mit.“ Also müssten sie sich gedanklich „von der Liga entfernen und alles in die Schale werfen, um gegen einen starken Gegner die Chance zu nutzen. Denn wer weiß, wann eine solche Gelegenheit wiederkommt.“

Interessant ist, wie unterschiedlich die blau-weiße Anhängerschaft kurz- und langfristig denkt. Wo bei zwei getrennten Umfragen im Morgenpost-Blog „Immerhertha“ eine knappe Mehrheit der Abstimmungsteilnehmer einen Sieg im Pokal einem solchen in der Liga in Stuttgart vorziehen würde, hielte nicht einmal jeder Zehnte den Gewinn des DFB-Pokals für bevorzugenswerter als den Klassenerhalt. Nach dem Motto: Lieber ganz bescheiden auch kommende Saison in der Bundesliga spielen, als dann als Zweitligist in der Europa League antreten dürfen.

3:0-Sieg im Oktober 2005

Der Königsweg wäre unzweifelhaft, als Bundesligist nach dann zweijähriger Abwesenheit auf die internationale Bühne zurückkehren zu dürfen. Dazu muss heute gelingen, was zuletzt ein arges Problem war: Hertha muss ein Heimspiel gewinnen. In der Bundesliga ist das seit August 2009 nur in drei der vergangenen 27 Versuche gelungen, was natürlich eine ganz und gar grauenvolle Bilanz ist. „Aber im Pokal hat die Mannschaft ihr letztes Heimspiel 3:1 gewonnen“, verweist Skibbe nonchalant auf den letzten Sieg vor Beginn seiner Amtszeit.

Angesichts von Herthas wechselhafter, in den zurückliegenden Jahrzehnten aber mehrheitlich miserabler Historie ist es wohl sogar statthaft auf einen seltenen lichten Moment hinzuweisen – den 26. Oktober 2005 und die damalige Partie der zweiten Runde im Olympiastadion gegen: Borussia Mönchengladbach. Mit 3:0 siegten da die Fiedler, Friedrich und Dardai, Marcelinho und Pantelic und das nach Toren von Fathi, Cairo und Marx sogar recht problemlos.

Für die landesweite Ahnengalerie der magischen Pokalmomente mag das Spiel lange nicht taugen. Wie diese insgesamt eher selten mit Hertha in Verbindung gebracht werden. Ein 4:3 nach 0:3, wie Zweitligist Dresden es diese Saison in Runde eins gegen Champions-League-Teilnehmer Bayer Leverkusen gezeitigt hat, ist vom selbsternannten Hauptstadtklub nicht erinnerlich. Und heute? Nun ist Hertha (noch) kein Zweitligist und Mönchengladbach (noch) kein Champions-League-Teilnehmer.

Es steht demnach ein Pokalabend weitgehend auf Augenhöhe zu erwarten. Doch, bitteschön, das bedeutet ja nicht, dass für Hertha BSC nicht schon der Mittwochabend ein blau-weißer Feiertag werden kann.