Abschwung

Schönredner gegen Herthas Abstiegsangst

Drei Spiele, drei Pleiten. Obwohl die Lage des Klubs brenzlig ist, sind Hertha-Trainer Michael Skibbe und Manager Michael Preetz als Optimisten unterwegs.

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Alarmstimmung bei Hertha BSC. Die Spieler des Aufsteigers hatten gerade den Trainingsplatz betreten, da jaulte die Diebstahl-Sicherung im einzigen Auto, das unmittelbar am Feld geparkt war los. Es war der Übertragungswagen des Bezahlsenders Sky, der aufgeregt Gefahr signalisierte. Anderthalb Stunden später, die Profis rollten in ihren Pkws gerade vom eiskalten Gelände, ging die Alarmanlage erneut los. „Wiu, wiu, wiu“ heulte der TV-Wagen über den Platz.

Auch bei Hertha BSC schrillen die Alarmglocken. Unter Michael Skibbe, dem neuen Trainer, hat sich der Abschwung beschleunigt, der bereits unter Vorgänger Markus Babbel begonnen hatte. Seit dem 29. Oktober vergangenen Jahres, einem 3:2 in Wolfsburg, hat Hertha nicht mehr gewonnen. In den neun Spielen seither gab es gerade vier Punkte. Noch bedenklicher: Seit der Amtsübernahme von Skibbe zum Jahresbeginn hat Hertha drei Begegnungen bestritten – und alle verloren (Torverhältnis 1:5). Die Befürchtungen in der Hauptstadt hat die „BZ“ auf der Titelseite formuliert: „Ist Skibbe schon am Ende?“

Die Nervosität, die beim Thema Abstiegskampf in Berlin herrscht, hat nur zum Teil mit der aktuellen Bedrohung zu tun. Der Resonanzboden für die Befürchtungen liegt in der Vergangenheit. Die Fans erinnern sich sehr wohl an die als traumatisch erlebte Abstiegssaison 2009/10. Auch da hatte Hertha einen neuen Trainer geholt, damals war es Friedhelm Funkel gewesen, der die trudelnde Mannschaft nicht in den Griff bekam. Am Ende stiegen die Berliner, die im Jahr zuvor noch um die Meisterschaft gespielt hatten, mit acht Punkten Rückstand als Tabellenletzter ab.

Mit Skibbe ist ein anderer Trainer da, aber die Klubführung mit Manager Michael Preetz und Präsident Werner Gegenbauer ist die gleiche wie vor zwei Jahren. Das Führungstrio setzt dem Ernst der Lage demonstrative Gelassenheit entgegen. Preetz schaute ausnahmsweise am Tag nach dem Spiel in der Kabine vorbei und redete sein Team stark. Er verwies darauf, dass die Bundesliga eng beisammen liegt. Elf Mannschaften kämpfen um den Klassenerhalt. Rang acht ist gerade vier Zähler entfernt. „Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass die Mannschaft die Klasse halten wird“, lautet das Mantra von Preetz.

Um auf die Bundesliga-Bühne zurückzukehren, hatte Skibbe zum Jahresende von einer Ausstiegsklausel bei seinem türkischen Verein Eskiehirspor Gebrauch gemacht. Er wusste, dass mit Raffael der beste Herthaner in den ersten drei Rückrunden-Partien wegen einer Rot-Sperre fehlen würde. Was er nicht ahnte: Dass die Mannschaft alle drei Partien verlieren würde, 0:2 beim 1. FC Nürnberg, 1:2 gegen den Hamburger SV, 0:1 gegen Hannover 96. Hertha im freien Fall, willkommen im Abstiegskampf.

Mittelfeldspieler Fabian Lustenberger, einer der wenigen Spieler aus dem aktuellen Kader, der bereits beim Drama vor zwei Jahren dabei war, findet, dass die Situationen nicht vergleichbar seien. „Wir haben jetzt fast doppelt so viele Punkte wie damals zum gleichen Zeitpunkt. Wir stehen auch nicht als Letzter mit dem Rücken zur Wand, sondern liegen noch vor den Abstiegsplätzen.“

Seine Arbeitsweise in der Krise beschreibt Skibbe so: „Man muss die Übersicht behalten, ruhig bleiben und zielgerichtet arbeiten. Man darf nicht in Panik verfallen.“ Hertha verweigert sich den Mechanismen, mit denen man billig nach außen Aktivität zeigen könnte. So wurde trotz diverser Verletzungsprobleme in der Abwehr in den letzten Tagen der Transferperiode kein Neuer mehr geholt. „Weil niemand auf dem Markt war, der bezahlbar ist und uns sofort geholfen hätte“, sagte Preetz.

Skibbe lobt die Ruhe im Umfeld

Trainer Skibbe antwortete auf die Frage, ob Hertha nach neun Spielen ohne Sieg mit einem Mentaltrainer arbeiten werde: „Einen Mentaltrainer holen wir nicht. Das halte ich nicht für angebracht. Weil die Leistung der Mannschaft nicht so ist, dass man da etwas besser reden muss. Im Gegenteil, die Mannschaft hat gegen Hannover ein couragiertes Spiel gemacht.“

Vom Umfeld fühlt sich der Trainer unterstützt. „Ich habe gestern nach dem Spiel ein längeres Gespräch mit dem Präsidenten gehabt und sowohl gestern als auch heute mit Manager Michael Preetz gesprochen. Von den Verantwortlichen ist keinerlei Hektik zu spüren oder Aufgeregtheit. Das wird alles mit großer Souveränität durchgestanden.“

Ungeachtet aller Unterstützung fehlt Skibbe bislang jedwede Fortune mit Hertha. In jedem der drei Spiele unter seiner Leitung bot die Mannschaft mit stark schwankende Leistungen: Die erste Hälfte in Nürnberg war mittelprächtig, die zweite schwach. Gegen den HSV war Herthas erste Stunde beängstigend, der Schlussspurt dagegen stark. Gegen Hannover folgte einer guten ersten Halbzeit eine mäßige zweite. Es fehlt an Konstanz. Die Heimschwäche, ein Erbe das Skibbe übernommen hat, dauert weiter an. Dazu schwächte eine gezielt lancierte Interna über eine Auseinandersetzung zwischen Skibbe und Ersatzkapitän Lell die Autorität des Trainers.

Zweifel, ob Preetz sich mit der Wahl für Skibbe vertan hat, lässt der Manager nicht gelten. Zum einen sei es unsinnig, nach drei Spielen eine Bilanz ziehen zu wollen. Und Hertha wollte „einen Trainer, der erfahren ist im Umgang mit jungen Spielern. Gerade jetzt, wo mit Alfredo Morales und Sebastian Neumann zwei Spieler aus der eigenen Akademie zum Einsatz kommen, glauben wir, dass Skibbe der richtige Mann ist.“

Doch bei aller zur Schau gestellten Ruhe, die Beteiligten wissen um die Schatten ihrer Vergangenheit. Skibbe war bei Eintracht Frankfurt, seiner letzten Station in Deutschland, trotz der oben geschilderten Arbeitsweise im Überlebenskampf vorzeitig entlassen worden.

Hertha wurde 2009/10 von Manager und Präsidenten mit einer ‚Politik der ruhigen Hand' geführt. Resultat: Sowohl Frankfurt als auch Hertha stiegen jeweils ab.

Damit sich das nicht wiederholt, braucht der Hauptstadt-Klub dringend ein Erfolgserlebnis. Die nächste Gelegenheit dazu bietet sich am kommenden Mittwoch. Dann empfängt Hertha im Viertelfinale des DFB-Pokals im Olympiastadion Borussia Mönchengladbach (19 Uhr).

Immer Hertha: Hintergründe finden Sie auch im Hertha BSC Blog von Morgenpost Online unter www.immerhertha.de