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Hertha-Trainer Skibbe bleibt bei seinem Kader

Hertha BSC verzichtet trotz vieler Ausfälle auf Transfers. Derweil sorgte eine mögliche Verletzung von Christian Lell für Verwirrung. Dafür steht Christoph Janker vor einer Blitzheilung.

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Um kurz vor zwölf Uhr rollte plötzlich der Mannschaftsbus des VfL Wolfsburg durch die Schranke vor dem Trainingsgelände von Hertha BSC. Wer sich da hinter den dunklen Scheiben im Gefährt befand, war nicht auszumachen, und so kursierte unter den Beobachtern schnell eine nicht ganz ernst gemeinte Vermutung: Vielleicht, so der Gedankengang, säße in dem Bus ja die halbe Mannschaft des VfL, schließlich hatte deren Trainer Felix Magath in der Winterpause so viele Spieler verpflichtet, dass er den Rest noch schnell irgendwo verklappen müsste. Warum also nicht auf den letzten Drücker, wenige Stunden vor Ende der winterlichen Transferperiode, einfach mal bei Hertha vorbeischauen? Und überhaupt: Hatte Hertha nicht Interesse am Wolfsburger Verteidiger Patrick Ochs?

Am Ende kam alles natürlich ganz anders, der VfL hatte lediglich seine U17 zum Spiel gegen Herthas Jugend entsandt. Wenige Minuten später erschien dann Manager Michael Preetz bei den wartenden Reportern und verkündete: „Die Transferliste brauchen Sie sich nicht weiter anzuschauen.“ Womit bestätigt wurde, was Morgenpost Online schon seit dem Wochenende berichtet hatte: Berlins einziger Fußball-Bundesligist wird die Rückrunde mit dem bestehenden Personal in Angriff nehmen. Während andere Klubs wie Freiburg (Ivan Santini), Hoffenheim (Srdan Lakic) oder Mainz (Mohamed Zidan) noch einmal personell nachlegten, blieben die Verantwortlichen bei Hertha einfach cool und begnügten sich mit Zugang Felix Bastians . Auch Abgänge gibt es keine mehr. Eine weise Entscheidung einerseits, denn der Markt gab tatsächlich nicht viel her. Andererseits gehen Trainer Michael Skibbe und Manager Preetz ein enormes Risiko ein. Denn vor dem Klub liegt eine wahrlich wegweisende Woche. Erst gastiert am Sonnabend Hannover 96 im Olympiastadion, bevor am Mittwoch das Viertelfinale im DFB-Pokal gegen Borussia Mönchengladbach steigt. Um die selbst gesteckten Ziele des Klubs – Klassenerhalt und Pokalsieg – zu realisieren, sollten beide Partien gewonnen werden.

Lells Reise nach München

So gesehen wandeln Skibbe und Preetz auf einem schmalen Grat. „Wir haben einen guten Kader. Jetzt muss jeder zeigen, dass er Bundesliganiveau hat“, sagt der Trainer. Auch Manager Preetz war bemüht, seinen jungen Spielern, die nun in die Bresche springen, das Vertrauen auszusprechen: „Sie bekommen jetzt die Chance, sich zu zeigen“, sagte er. „Ich bin sicher, sie werden sie auch nutzen.“

Herthas Vertrauen in die eigenen Leute schien zumindest zu diesem Zeitpunkt noch ein wenig gewagt. Denn am Vormittag sah es noch so aus, als sei eine weitere Hiobsbotschaft programmiert. Christian Lell, so war zu lesen, laboriere an einem bislang unentdeckten Muskelbündelriss und falle bis zu sechs Wochen aus. Eine Untersuchung beim Teamarzt des FC Bayern München, Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrth, habe das ergeben. Nach München war Lell in Absprache mit Hertha tatsächlich gereist. Einzig: Sowohl die Diagnose Muskelbündelriss als auch die Ausfallzeit bewahrheiteten sich nicht. Herthas Mannschaftsarzt Gerd Schleicher stellte „nur“ einen leichten Muskelfaserriss fest. „Wir werden ihn jetzt rund um die Uhr behandeln und betreuen, so dass er in spätestens 14 Tagen wieder auf dem Platz stehen wird“, so Schleicher. Intern, so war zu hören, gab es deutliches Missfallen an der Tatsache, dass nach einer ärztlichen Untersuchung ein recht dramatisierter Befund in den Zeitungen zu lesen war. Auch darum soll es in einem Gespräch gegangen sein, dass Lell am Dienstag mit Preetz führte – und in dem er ihm versicherte, nun alles dafür zu tun, so schnell wie möglich wieder auf den Platz zurückzukehren. Richtig so, Lell sollte nicht vergessen: Der ihm zugesicherte, neue Vertrag bis 2016 ist noch nicht unterschrieben.

Hoffen auf schnelle Genesung

Trotz dieser Verwirrung herrschte Erleichterung bei Hertha. Auch, weil Christoph Janker nach seinem Jochbeinbruch am Sonnabend vor einer Blitzheilung steht – und schon im Pokalspiel gegen Gladbach zurückerwartet wird. Er soll eine Spezialmaske tragen. „Christoph brennt auf seine Rückkehr, wir müssen ihn eher noch bremsen, um den Heilungsprozess nicht zu gefährden“, sagte Manager Preetz. Zudem signalisierte Felix Bastians seine Bereitschaft, zur Not auch auf der rechten Seite zu verteidigen. Und: Roman Hubnik konnte am Dienstag wieder trainieren. Das vielzitierte Abwehrchaos scheint sich also aufzulösen. So klangen Preetz' Begründungen für einen Transferverzicht durchaus logisch. Im Winter, so der Manager, sei die Chance auf einen guten Transfer sowieso nicht optimal, weil kaum ein Klub einen Stammspieler gehen ließe. „Nach hinten raus macht ein Transfer nur Sinn, wenn er absolut passt“, so Preetz, „alles andere ist Aktionismus.“ Es wird also die Stunde der Jungen schlagen. Alfredo Morales und Sebastian Neumann stehen an vorderster Front. Preetz redete die beiden zu Recht stark. Morales habe sich hervorragend entwickelt. Und Neumann „ist immerhin Nationalspieler der U21. Und das ist nun nicht irgendeine Nachwuchsmannschaft“, sagte Preetz. Bleibt allen Beteiligten zu wünschen, dass dieser Poker aufgeht – und Skibbe und Preetz nicht schon bald um die Ohren fliegt.