Hertha BSC

Skibbe bittet bei Minusgraden zum Sondertraining

Statt den schönen Wintertag zu genießen, bat Hertha-Coach Michael Skibbe seine Spieler zum Sondertraining - bei minus fünf Grad. Damit die Berliner aus dem Tabellenkeller herauskommen, zieht der Trainer die Zügel jetzt an.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Nach einer guten halben Stunde war es vorbei mit den Frühlingsgefühlen auf dem Schenckendorffplatz. Hatten die letzten Wärmestrahlen des Tages zumindest zuerst noch für einen angenehmen Nachmittag gesorgt, wurde es nun von Minute zu Minute kälter. Die Sonne verschwand irgendwo zwischen dem Olympiastadion und dem Glockenturm hinter den Bäumen, und der bis dahin so gnädige Wind legte noch um ein paar Stundenkilometer zu. Als sich dann noch wie von Geisterhand eine Wolke aus Eiskristallen vom Dach des Gebäudes am Kricketplatz in den blauen Himmel erhob, raunte einer der wenigen Besucher des Trainings von Hertha BSC in sein Handy: „Herzliche Grüße aus Sibirien.“ Er hätte auch sagen können: Herzlich Willkommen in der Eiszeit bei Hertha BSC.

Was hätten die Profis mit diesem Nachmittag alles anfangen können, der doch eigentlich frei sein sollte, der einzige in der Woche. Nach einem langen Frühstück vielleicht einen kleinen Spaziergang am Ufer des gefrorenen Wannsees unternehmen, danach zum Aufwärmen eine heiße Tasse Tee und zum Abschluss in die Badewanne. Oder einfach mal ein paar Stunden an der Playstation daddeln, ganz nach Belieben. Stattdessen hieß es am Montag: Elf gegen elf bei minus fünf Grad. So ist es eben im Abstiegskampf. Anders als beim Auslaufen am Sonntag musste nun die ganze Mannschaft ran, neben den länger Verletzten Maik Franz und Christoph Janker fehlten Pierre-Michel Lasogga (Pferdekuss), Patrick Ebert (Probleme am Innenband), Christian Lell (Oberschenkelprobleme) und Roman Hubnik (Knie).

Sondertraining am Montag

So standen Michael Skibbe insgesamt 23 Profis zur Verfügung zu seiner außerplanmäßigen Einheit – das Wort „Straftraining“, wie es nach der 1:2-Niederlage schon in der einen oder anderen Zeitung zu lesen war, wollte Herthas Trainer aber nicht in den Mund nehmen. „Nein, nein“, wehrte er ab, „mit Strafe hat das alles nichts zu tun. Es ist einfach notwendig“, sagte er. Aber, das gab er unumwunden zu, natürlich seien seine Profis „nicht unbedingt heiß darauf gewesen“.

Verdenken konnte man es ihnen nicht. Zwar hatten Rasenheizung und, wie zu hören war, ein Räumkommando aus Nachwuchsspielern ganze Arbeit geleistet und den Platz wieder in ein sattes Grün getaucht. Trotzdem zog es so kalt über die Anlage, dass einzig Tunay Torun in kurzen Hosen ohne zusätzlichen Schutz für die Oberschenkel auflief. Und als sich Torwart Thomas Kraft ein wenig Luft in der Nase verschaffen und mal kräftig durchpusten wollte, entlud sich eine Wolke aus Dampf. Die schlechte Nachricht: Es wird noch kälter, für Ende der Woche sind bis zu minus zwölf Grad angesagt. Am Tag.

Für Hertha stehen dennoch heiße Tage an nach den beiden Niederlagen zum Auftakt der Rückrunde gegen Nürnberg und Hamburg. Skibbe hat die Zügel im Training deutlich angezogen, nicht nur wegen der Sonderschicht. Die Einheit am Montag als hart zu bezeichnen, ginge zwar zu weit. Der Trainer aber verfolgte das Treiben seiner Spieler mit deutlich mehr Engagement als zuletzt. Immer wieder unterbrach er, forderte mehr Präzision ein – um gute Aktionen lautstark zu loben. Zuckerbrot und Peitsche, so scheint es.

Hoffnung auf Hubnik-Rückkehr

Die Stimmung sei schon wieder besser, zumindest gelöster als direkt nach der Niederlage, so Skibbe. Aber, bemerkte der Trainer noch mit deutlich erhobener Stimme, „für eine zu lockere Einstellung gibt es momentan wahrlich keinen Grund. Dafür ist die Situation einfach zu angespannt.“

Das gilt natürlich in besonderem Maße für die Problemzone Abwehr. Zwar zeichnet sich ab, dass Leistungsträger Roman Hubnik rechtzeitig für das Spiel gegen Hannover fit wird. „Ich hoffe, dass er spätestens am Donnerstag wieder dabei ist, vielleicht ja sogar schon früher“, sagt Skibbe. Aber selbst für diesen Fall muss er ja noch immer auf zwei weitere Stammverteidiger verzichten, weil Christian Lell und Andre Mijatovic gelbgesperrt ausfallen.

Einen weiteren Zugang schloss jetzt aber auch der Trainer aus, nachdem es über die Ambitionen des Klubs am Sonntag ein wenig Verwirrung gegeben hatte. Da hatte Skibbe erklärt, man werde sich auf dem Transfermarkt umschauen. Nur wenig später dementierte Manager Michael Preetz: Nein, nur wenn weitere Verletzte hinzukämen. Diese Version übernahm nun auch Skibbe. Das Transferfenster schließt um 0 Uhr, da müsste es also wahrlich schon mit dem Teufel zugehen, sollte ausgerechnet am letzten Tag noch ein weiterer Spieler ausfallen.

Am Montag hielt Skibbe zwar noch nicht das angekündigte „spezielle Taktiktraining für die neue Abwehr“ ab. Dies folgt erst am Dienstagnachmittag unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Tendenzen ließen sich dennoch schon ablesen: So ließ der Trainer im internen Spiel Sebastian Neumann in der Innenverteidigung neben Levan Kobiashvili antreten. Dies ist zugleich die wahrscheinlichste Formation. Von einer frühen Festlegung wollte er trotzdem nichts wissen: „Wir werden das auch noch andersherum, also mit Felix Bastians spielen lassen“, kündigte er an.

Auf der rechten Seite ist die Wahl dagegen bereits auf Alfredo Morales gefallen. „Sieht so aus, als würde er spielen“, bestätigte Skibbe, der zum Schluss ganz bewusst ein Spielchen für das Gemeinschaftsgefühl einstreute: In zwei Teams traten die Profis zum Flanken-Wettbewerb gegeneinander an, nur Direktabnahmen zählten auch als Tore. Da wurde geflucht, angefeuert und gelacht. Für einen Moment, so schien es, hatten die Berliner die prekäre Tabellensituation vergessen. Zumindest zwischen den Spielern und dem Trainerteam ist von einer Eiszeit noch nichts zu spüren. Auch wenn es in Berlin immer kälter wird.

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