Bundesliga

Wie Skibbe Herthas Klassenerhalt sichern will

Seit acht Spielen ist Hertha BSC ohne Sieg, die Berliner stecken wieder mitten im Überlebenskampf. Trainer Michael Skibbe zieht deshalb im Team die Zügel an.

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Seine Wollmütze hatte er tief in die Stirn geschoben, die Stirn lag in Falten. Zum Rasieren war Michael Skibbe am Morgen nicht gekommen. Der Trainer von Hertha BSC sah aus wie jemand, der sich Sorgen macht. Skibbe war am Sonntag zeitig auf dem Trainingsgelände vorgefahren, um sein Krisenmanagement vorzubereiten. Ganze zwei Spiele hat es gebraucht, und dahin ist der Vorsprung, den der Aufsteiger auf die Abstiegszone hatte. Nach den ernüchternden Niederlagen in Nürnberg und gegen den HSV stecken die Berliner mitten im Überlebenskampf. Die Erinnerung an Platz acht (im vergangenen September nach dem 2:1 bei Meister Dortmund) und die Schlagzeilen, ob Hertha sein Saisonziel nach oben korrigieren muss, wirken wie eine Fata Morgana aus vergangenen Zeiten.

Die Gegenwart besagt: Die Talfahrt, die bereits unter Vorgänger Markus Babbel begonnen hatte, setzt sich unter Skibbe fort. Er hat Hertha am 3. Januar als Tabellen-Elfter übernommen. Skibbes Zwischenbilanz: Zwei Spiele, zwei Niederlagen. Hertha ist auf Rang 15 abgerutscht, die Abstiegsplätze sind nur noch zwei Zähler entfernt. Und der Neue zieht die Zügel an. Die Sofort-Maßnahmen, die Skibbe dem Team am Sonntag vor dem Auslaufen mitteilte: Der trainingsfreie Montag ist gestrichen. Am Montag ab 15 Uhr wird an der Verbesserung der Form gearbeitet. Am Dienstag gibt es zusätzlich eine zweite Trainingseinheit. „Um das taktische Verhalten zu verbessern“, so Skibbe.

Außerdem teilte er der Mannschaft mit, was ihm vor allem in der ersten Hälfte gegen den HSV nicht gefallen habe: „Ich habe mich über die Lethargie auf dem Platz geärgert. Über den fehlenden Mut, Fußball spielen zu wollen. Über die fehlende Aggressivität in den Zweikämpfen. Wir haben viel vermissen lassen von dem, was im Abstiegskampf wichtig ist.“ Skibbe redet Klartext – und lässt zusätzlich arbeiten. Damit tritt er entschieden dem Bild entgegen, das ihm vorausgeeilt war: Er führe seine Mannschaften an der langen Leine und sei eher großzügig im Umgang.

Immerhin hielt der Trainer den Hertha-Profis eine verbesserte zweite Hälfte zugute. „Man kann solche Spiele auch 0:5 oder 0:6 verlieren. Die Reaktion der Mannschaft nach der Pause war gut. Am Ende hatten wir sogar noch Chancen zum Ausgleich.“ Dies soll die Perspektive zum Besseren zeigen.

Auf den Spuren von Funkel

Doch zunächst erinnert der Start der Skibbe-Ära auf fatale Weise an die von Friedhelm Funkel. Beide Trainer hatten eine Hertha übernommen, die im Abschwung begriffen war. Beide begannen ihre Amtszeit gegen die gleichen Gegner. Hertha verlor im Herbst 2009 zum Funkel-Start gegen den HSV 1:3 und in Nürnberg 0:3. Die Bilanz im Januar 2012 unter Skibbe weist ein 0:2 in Nürnberg aus sowie ein 1:2 gegen den HSV. Im Sommer 2010 erfolgte das, was lange als undenkbar in der Hauptstadt galt: Hertha stieg ab.

Die Auswirkungen dieses Traumas spürt Mittelfeldspieler Peter Niemeyer bis heute: „Die Situation ist brenzlig. Man merkt im Verein und in der ganzen Stadt, dass niemand Bock hat auf ein Déjà-vu von vor zwei Jahren.“ Zugegeben, wie immer bei Vergleichen, so hinkt auch dieser. Vor zwei Jahren waren die Blau-Weißen nach 19 Spieltagen abgeschlagen Liga-Letzter mit zehn Punkten. Aktuell steht Hertha mit 20 Zählern einen Platz vor der Abstiegszone. Mit dem 1. FC Kaiserslautern (18 Punkte), dem FC Augsburg und dem FC Freiburg (beide 16) liegen drei Konkurrenten dahinter.

Dennoch muss Skibbe Antworten für diverse Probleme finden. So fällt im nächsten Heimspiel am Sonnabend gegen Hannover 96 fast die gesamte Abwehrreihe aus: Christoph Janker nach einem Jochbein-Bruch samt Operation, Andre Mijatovic und Christian Lell nach der jeweils fünften Gelben Karte. Die Defensive muss neu formiert werden. Und sollte dringend besser unterwegs sein als gegen den Hamburger SV. „So, wie wir in der ersten Hälfte gespielt haben, darf man in der Bundesliga nicht auftreten“, sagte Niemeyer. Die Berliner warten nicht nur seit acht Spielen auf einen Sieg. Ein Trumpf der Vorsaison – die defensive Stabilität – ist verloren gegangen. Hertha hat seit neun Partien nicht mehr zu Null gespielt.

Keine Einkäufe mehr im Winter

Weiter gilt es für Skibbe, eine Lösung zu finden für die Sperre von Raffael. Der kreative Brasilianer ist nach seiner Roten Karte in Hoffenheim (vom 17. Dezember) am Wochenende zum letzten Mal gesperrt. Vier Halbzeiten hat Hertha mit Skibbe seither gespielt. Vier Spieler hat der Trainer ausprobiert: Ronny, Ramos, Ebert und Lustenberger – die Bilanz von null Punkten zeigt: Keine Lösung hatte Erfolg. Selbst Niemeyer ist überrascht: „Sicher hat Raffael eine brutale Qualität. Aber wir sind Profis und verdienen gutes Geld. Wir müssen in der Lage sein, das im Kollektiv zu kompensieren.“

Dazu vermittelte Adrian Ramos den Eindruck, als habe ihn seine alljährliche Winter-Allergie befallen. Der kolumbianische Nationalspieler spielte in beiden Januar-Partien deutlich unter Niveau. Die Probleme etwa, die Levan Kobiashvili auf seiner Abwehrseite am Sonnabend gegen den Hamburger Dennis Diekmeier hatte, resultierten auch daraus, dass Ramos nur unzureichend verteidigte.

Deshalb beschäftigten sich die Verantwortlichen mit der Frage: Wird Hertha auf dem Transfermarkt noch mal aktiv? Die Winter-Liste ist bekanntlich bis Dienstag geöffnet. „Wir machen uns Gedanken, wir haben ja noch etwas Zeit“, sagte Trainer Skibbe am Sonntagmittag. Doch nach der Sondierung der Marktlage und nach Prüfung der Finanzlage bei Hertha sagte Manager Michael Preetz der Morgenpost am späten Sonntagnachmittag: „Stand heute, wenn sich niemand mehr verletzt, werden wir nicht mehr aktiv und verpflichten niemanden mehr.“

Immer Hertha: Hintergründe finden Sie auch im Hertha BSC Blog von Morgenpost Online unter www.immerhertha.de