Achtes Spiel ohne Sieg

Bei Hertha BSC kommt die Abstiegsangst

Der Abwärtstrend bei Hertha BSC setzt sich fort. Gegen den Hamburger SV fehlte der Mannschaft von Trainer Skibbe vor allem Kreativität. Dazu verschärfen die Gelbsperren von Mijatovic und Lell sowie Christoph Jankers Verletzung die Probleme in der Abwehr.

Mit Wucht trat Thomas Kraft gegen die Glastür in den Katakomben. Und brüllte: „Leck mich am A…!“ Dann stapfte der Torwart in seinem gelben Trikot wütend, aber wortlos an den Medienvertretern vorbei Richtung Kabine. Hertha BSC geht schweren Zeiten entgegen. Der Aufsteiger verlor am Sonnabend gegen den Hamburger SV mit 1:2 (0:2). Und fiel nach einer über weite Strecken enttäuschenden Leistung auf Rang 14 der Fußball-Bundesliga zurück.

Somit steht der Mann im Mittelpunkt, der schon vor dem Anpfiff im Blitzlichtgewitter stand. Die Fotografen hielten den ersten Auftritt von Michael Skibbe als Hertha-Trainer im Olympiastadion fest. Doch wie schon in Nürnberg (0:2) gingen die Berliner als Verlierer vom Platz. Damit setzt sich der Abschwung fort, der unter dem im Dezember entlassenen Markus Babbel eingesetzt hatte. Seit acht Partien wartet Hertha auf einen Sieg und steckt nun im Abstiegskampf. Skibbe sagte: „Ich bin sehr enttäuscht. Was die Mannschaft in der ersten Hälfte gespielt hat, das war unter dem Bundesligadurchschnitt.“

Der neue Trainer hatte seine Startelf auf zwei Positionen verändert. Im defensiven Mittelfeld spielte Fabian Lustenberger für Peter Niemeyer, im offensiven Mittelfeld ersetzte Tunay Torun Ronny. Die Hausherren hatten in der ersten Hälfte Pech in zwei Szenen. So wurde ein Tor von Roman Hubnik nicht anerkannt, der Linienrichter zeigte Abseits an (10.). Im doppelten Sinne weh tat die Aktion von Jaroslav Drobny acht Minuten später. Der HSV-Torwart streckte Herthas Christoph Janker beim Herauslaufen mit der Faust nieder. Der frühere Hertha-Keeper erwischte den Ball nicht, brach Janker dabei das Jochbein, wie sich im Virchow-Krankenhaus herausstellte. Die Verletzung wurde noch gestern Abend operativ gerichtet. Und Elfmeter wäre es zudem gewesen. Doch Schiedsrichter Guido Winkmann ließ weiterspielen. Nach fünf Wochen Pause und nur zwei Trainingseinheiten kehrte Andre Mijatovic zurück. Gleich in der ersten kritischen Situation wirkte der Kapitän, als sei er noch nicht fit. Als Hamburgs Denis Diekmeier an Levan Kobiashvili vorbeizog, stellte sich ihm Mijatovic entgegen. Und rutschte einfach ins Leere. Der HSVer flankte, Marcell Jansen vollendete in der Mitte, 0:1 (25.). Fortan kippte die Partie.

Ohne den gesperrten Raffael fehlte Hertha jegliche Kreativität, die Gäste dominierten nach Belieben. Als der Hamburger Sala aus 17 Metern nur knapp über das Berliner Tor schoss, skandierte die enttäuschte Ostkurve: „Wir wollen euch kämpfen sehen!“ Der Wille indessen war nicht das Problem bei Hertha. Aber der Hauptstadt-Klub erlaubte sich hanebüchene Fehler. Vor der Pause ließ Kobiashvili erneut Diekmeier entwischen. Lell ging nicht entschlossen in den Zweikampf, Petric brachte den Ball aus sechs Metern im Hertha-Tor unter, 0:2 (45.+1).

Im zweiten Durchgang spielte Hertha immer noch mit hoher Fehlerquote, aber leidenschaftlicher. Trainer Skibbe erstaunte mit der Entscheidung, den offensiven Torun gegen den defensiven Niemeyer auszutauschen. Fortan verzichteten beide Teams auf Mittelfeld-Geplänkel, nun gab es diverse Torszenen zu sehen. Hertha-Torwart Thomas Kraft glänzte gegen Petric und Sala. Außerdem strich ein Schlenzer von Aogo nur knapp über das Berliner Tor (57.).

Als niemand mehr an die Hausherren glaubte, drehten die plötzlich auf. Empörte Pfiffe gab es, als ein Niemeyer-Schuss dem Hamburger Jeffry Bruma klar an die Hand sprang – erneut gab es keinen Elfmeter (69.). Dann köpfte Pierre-Michael Lasogga mustergültig eine Kobiashvili-Flanke ins Hamburger Tor, 1:2 (81.), der siebte Saisontreffer des Torjägers.

Nun gerieten die Gäste ins Schwimmen. Mehrfach bot sich Hertha die Chance zum Ausgleich. Etwa als der eingewechselte Ronny und Adrian Ramos in einem feinen Konter Lasogga freispielten. Just in dem Moment, als der schießen wollte, zündeten die HSV-Fans einen Kanonenschlag. Lasogga vollendete nur halbherzig, Drobny wehrte den Ball mit einer Fußparade ab (84.). Turbulent wurde es in der dritten Minute der Nachspielzeit. Hertha drängte, Ronny flankte, aus spitzem Winkel zog Ramos ab – Außennetz, Abpfiff.

Die Mannschaft von Hertha BSC weiß, dass sie im Abstiegskampf steckt. Christian Lell sagte: „Wir sind jetzt in der Realität angekommen. Die Wohlfühl-Zeit der Hinrunde ist vorbei. Wir müssen jetzt unseren Mann stehen.“ Manager Michael Preetz meinte: „Wenn man so auftritt, wie wir in der ersten Hälfte, holt man in der Bundesliga keine Punkte. Die zweite Halbzeit hat gezeigt, dass es anders geht.“ Kapitän Mijatovic sagte: „Wir stehen jetzt unter Druck. Aber wir haben in der Vergangenheit in solchen Situationen immer Moral gezeigt. Ich bin überzeugt, dass wir die Klasse halten.“

Es bleibt auch unter Skibbe dabei: Hertha tut sich bei Heimspielen richtig schwer. Und die Vorzeichen für die nächste Partie im Olympiastadion in einer Woche gegen Hannover stehen nicht gut: Allein in der Verteidigung fallen Janker (Jochbein-Bruch) und Franz (Kreuzbandriss) ebenso aus wie die nach fünf Gelben Karten gesperrten Andre Mijatovic und Christian Lell. Ob Roman Hubnik auflaufen kann, ist ungewiss. Der Tscheche zog sich gegen den HSV eine schwere Knieprellung zu.

Immer Hertha: Hintergründe finden Sie auch im Hertha BSC Blog von Morgenpost Online unter www.immerhertha.de