Vor kurzem hat Tunay Torun mal wieder erfahren, wie schön es ist, in die alte Heimat zu reisen. Da war der Außenspieler von Hertha BSC zu Besuch in Hamburg und wollte sich eigentlich nur mit seinem ehemaligen Mitspieler und Freund Robert Tesche treffen. Dann aber, so erzählt es Torun mit einem Lächeln, wurde aus der Zusammenkunft fast schon so etwas wie ein Mannschaftsabend mit alten Bekannten vom HSV – der Deutsch-Türke ist noch immer sehr beliebt bei seinem Ex-Verein. Wirklich überraschend ist das nun nicht, erst im Sommer verließ der 21-Jährige seine Geburtsstadt, um sein Glück bei Hertha BSC zu suchen. Gleiches gilt für Änis Ben-Hatira, den der Klub kurz nach dem Saisonstart verpflichtete – das Duo steht in der Partie gegen die Hamburger am Sonnabend (15.30 Uhr, Sky live) unweigerlich im Mittelpunkt. Wie das immer so ist, wenn Spieler auf ihre ehemaligen Arbeitgeber treffen.
Trainer Michael Skibbe jedenfalls setzt stark auf einen Motivationsschub: „Unsere Hamburger Jungs werden sicher in besonderer Weise engagiert sein, weil der HSV für sie eine ganze Weile sportliche Heimat gewesen ist“, hofft er. Torun selbst sagt: „Ich hatte eine schöne Zeit in Hamburg.“ Das ist aus sportlicher Sicht schon etwas überraschend, konnte sich das Duo an der Elbe doch nicht so recht durchsetzen – was derzeit die einzige Gemeinsamkeit ist. Denn in der Hauptstadt gehen die Beiden recht unterschiedliche Wege.
Torun nimmt Ronny in Schutz
Tunay Torun hat in Berlin ganz eindeutig den nächsten Schritt gegenüber der Hamburger Zeit gemacht. Zwölf Liga-Partien durfte er bisher bestreiten, immerhin sieben Mal stand er in der Startelf. Einem vielversprechenden Saisonauftakt mit seinem ersten Treffer für Berlin ausgerechnet gegen den HSV und einem bärenstarken Auftritt beim Sieg gegen Meister Borussia Dortmund folgten aber Partien, in denen er keine Impulse setzen konnte. Der Trainer lobt ihn dennoch: „Er ist ein sehr wendiger Spieler, ein sehr guter Techniker, der auf dem Weg nach vorn oft das Eins-gegen-eins sucht, um Spieler zu überdribbeln und Torchancen vorzubereiten.“
Klingt ganz danach, als würde Michael Skibbe mit ihm auf der vakanten Position des Spielmachers planen, denn Raffael ist noch für zwei weitere Partien gesperrt. Sein Bruder Ronny, der ihn in Nürnberg mit allerhand Vorschusslorbeer vertreten durfte, wurde von Skibbe schon zur Halbzeit ausgewechselt . Ein Vertrauensbeweis sieht anders aus.
Interessanterweise nutzt Torun diese Gelegenheit nicht für sich aus, im Gegenteil. Anstatt sich aktiv zu bewerben, setzt er zu einer Verteidigungsrede auf seinen Kollegen an. Nein, er finde es überhaupt nicht gut, einen Spieler nach nur einer Partie gleich wieder zu kritisieren. Und überhaupt, „auch Ronny hat versucht, das Beste draus zu machen“. Punkt.
Und doch: Torun will in der Rückrunde angreifen, daran lässt er keinen Zweifel. So legte er in der Winterpause freiwillig Sonderschichten ein, „weil ich mir vorgenommen habe, etwas frischer aufzutreten“. Privat ist er längst in Berlin angekommen, was auch das Verdienst zahlreicher junger Spieler um Patrick Ebert ist, die ihn gleich nach dem Umzug in die Hauptstadt mit den besten Locations vertraut machten. Wichtig für Torun, der bis dato noch in seinem Kinderzimmer gewohnt hatte und jetzt mit einem Lachen erzählt, dass er in Berlin seine Wäsche selbst waschen muss. „Das habe ich aber sehr gut im Griff inzwischen“, sagt er. Sollte Torun in der Zentrale auflaufen, könnte er erstmals direkt neben seinem Kumpel Ben-Hatira spielen. Wobei sich die Geschichte des Deutsch-Tunesiers bislang nicht so erfolgreich liest.
Nach seinem tollen Einstand mit zwei Vorlagen gegen Köln wurde es ruhig um ihn, was auch private Gründe hatte: Im November wurde seine Zwillingsschwester Ines brutal überfallen und ausgeraubt. Der Fall ist stadtbekannt, Ben-Hatira redet aus Selbstschutz nicht darüber.
Ben-Hatiras Blockade löst sich
Torun, der ihn unterstützt, meint: „Wir wollen uns nicht zu sehr mit diesen negativen Dingen befassen.“ Er wolle ihn auf andere Gedanken bringen. Die Rückendeckung des Klubs genießt Ben-Hatira auch so. „Ich wünsche mir für ihn und für uns, dass er wieder freier wird in seinem Spiel. In den Trainingswochen hat er es gut gemacht, in Nürnberg in der zweiten Halbzeit wie viele andere aber nicht die richtigen Lösungen gefunden“, sagt Skibbe.
Ein gelungenes Spiel des Duos gegen den gemeinsamen Ex-Verein würde sicher helfen, den Blick ein wenig zu weiten. Das Training am Dienstag machte in dieser Hinsicht Mut: Beide Profis trafen in internen Testspielen für ihre Teams, beide erzielten entscheidende Treffer. Nach der Einheit verließen Torun und Ben-Hatira den Platz gemeinsam – als letzte, ins Gespräch vertieft. Vielleicht bastelten die beiden schon an einer Strategie, wie sie die Reihen aus ihren alten Freunden schwindelig spielen. Mitarbeit: sto





