Wolfgang Sidka und Darius Wosz

Ex-Herthaner fordern mehr Raffael-Optionen

Herthas Niederlage in Nürnberg offenbarte vor allem eines: Die Berliner schwächeln immer dann, wenn Spielmacher Raffael fehlt. Die Ex-Herthaner Wolfgang Sidka und Darius Wosz fordern deshalb mehr kreative Alternativen zum Brasilianer.

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Der ehemalige Fußballprofi Wolfgang Sidka wäre heutzutage am ehesten wohl ein sogenannter Zwischenspieler. Kein rein defensiver Mittelfeldspieler, kein „Sechser“ also wäre er; aber auch kein „Zehner“, kein Spielmacher im klassischen Sinne. Sondern ein Wanderer zwischen beiden Welten, wie Toni Kroos, der Nationalspieler in Münchner Diensten, für den Bundestrainer Joachim Löw eigens den Terminus „Zwischenspieler“ geprägt hat.

Sidka kann sich aufgrund seiner eigenen Vergangenheit als Allrounder also recht gut hineindenken in die zwei grundsätzlichen Problemfelder, die seinem früheren Verein Hertha BSC dieser Tage eine große Sorge bereiten. Es fehlt dem Hauptstadtklub an Kreativität. Diese Realität besitzt über das 0:2 zum Start der Rückrunde beim 1.FC Nürnberg hinaus Gültigkeit, hatte in diesen 90 schmachvollen Minuten aber insbesondere mit dem Fehlen von Raffael zu tun. Der Spielmacher ist insgesamt drei Spiele Rot-gesperrt und muss auch im anstehenden Heimspiel-Doppelpack gegen Hamburger SV sowie gegen Hannover 96 ersetzt werden. Angesichts der generellen Heimspielschwäche der Berliner, die nur drei der letzten 25 Bundesliga-Partien im Olympiastadion gewonnen haben, lautet die bange Frage umso mehr: Wie?

Beim verpatzten Start der Rückrunde war weder Ronny ein geeigneter Regisseur, noch der zur Halbzeit für ihn eingewechselte Änis Ben-Hatira. Tunay Torun und Patrick Ebert sind in dieser Hinsicht erst recht noch nicht auffällig geworden. „Raffael ist viel, viel wichtiger, als vielfach angenommen werden mag“, sagt Sidka, und mit einiger Sicherheit ist Raffael in modernen Zeiten für Hertha sogar ebenso unverzichtbar, wie Marcelinho es in den Jahren von 2001 bis 2006 gewesen ist. Damals, als es den klassischen Spielmacher noch gegeben hat.

In 155 Bundesliga-Spielen für Hertha erzielte Marcelinho 65 Tore, bereitete 49 vor. Raffael kommt in bislang 96 Bundesligaspielen für Hertha nur auf 22 Tore und 20 Vorlagen. Seit Marcelinhos Glanztagen hat sich das Spiel jedoch dahingehend verändert, dass es diese eine Schlüsselfigur nicht mehr gibt, weil es sie nicht mehr geben darf. Den Idealtypus verkörpert auch in dieser Hinsicht Meister Dortmund. Dort erfährt Zentralspieler Shinji Kagawa mannigfaltige Unterstützung von Mario Götze, Kevin Großkreutz oder Jakub Blaszczykowski. Und als bester Spieler nicht nur der Meistermannschaft, sondern der gesamten vergangenen Saison, trieb Nuri Sahin das Dortmunder Spiel aus dem defensiven Mittelfeld heraus an.

Das Berliner Spiel krankt an beiden Faktoren. Weder von seinen Nebenleuten und erst recht nicht von seinen Hintermännern erfährt Raffael ausreichend Unterstützung. „Viel zu oft ist Raffael einfach überfordert, weil er zu sehr auf sich allein gestellt ist“, sagt Sidka. Nur Köln (70) und Augsburg (71) haben sich im bisherigen Saisonverlauf noch weniger Torchancen erarbeitet als Hertha mit deren 75; und auch was deren Verwertung betrifft, formuliert Sidka mit einigem Recht die ketzerische Frage, auf wie viele Scorerpunkte es pro Saison denn die übrigen Mittelfeldspieler so brächten. Zwei Tore (von Torun) sowie vier Vorlagen (je zwei von Ebert und Ben-Hatira) sind da in der laufenden Spielzeit eine bis jetzt die dürftige Bilanz.

Sahin als Vorbild für Ottl und Co.

Besonders gravierend wird das Problem, wenn Raffael wie in diesen Wochen fehlt – und mit ihm ein verlässliches Maß an offensiver Spielintelligenz. Er gilt als unumstritten bester Fußballer seiner Mannschaft. Als einer, der auch mal drei, vier Gegenspieler ausspielen könne oder sie zumindest so an sich bindet, dass Räume für andere entstehen, wie Torwart Thomas Kraft es schwärmerisch beschreibt. „Wenn Raffael ausfällt, müssen eben die anderen den Arsch in der Hose haben und sich auch mal selbst etwas zuzutrauen“, drückt Ex-Regisseur Dariusz Wosz es recht drastisch aus.

Doch auch die Männer hinter den Offensiven stünden in der Verantwortung. „Im modernen Fußball fängt ein Angriff schon in der Abwehr an“, doziert Wosz. „Torwart und Innenverteidiger müssen schnell rausspielen, auch die Sechser müssen daran schon beteiligt sein.“ Damit angesprochen sind Andreas Ottl und Peter Niemeyer oder auch Fabian Lustenberger. Keiner von ihnen verfügt über Sahins Qualitäten. Doch wo der Türke im Dortmunder Meisterjahr allein sechs Tore erzielte und zu deren acht assistierte, kommen Herthas Strategen im Verbund auf zwei Tore und gewaltige null Vorlagen.

Alles nicht die besten Voraussetzungen für die „Wahrsager“, die Sidka auf Hertha zukommen sieht. Inklusive des DFB-Pokal-Viertelfinales gegen Borussia Mönchengladbach (8.Februar) bestreitet Hertha sogar die nächsten drei Spiele allesamt zu Hause. Entweder gelingt in der Liga wie in der Hinrunde nach einem furchtbar schlechten Spiel zu Beginn auf Anhieb die Trendwende. Oder der seit nunmehr sieben Punktspielen sieglose Aufsteiger gerät erstmals in dieser Saison so richtig in Existenzängste. „Und im Pokal“, sagt der Ex-Herthaner Sidka flehentlich, „wollen wir doch auch alle ins Endspiel.“ Mitarbeit: Martin Kleinemas

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