Am Tag nach der ersten Dienstreise im neuen Jahr hat Thomas Kraft zumindest einmal kräftig lachen können. Den Rückrundenstart hatten er und die Kollegen von Hertha BSC beim 0:2 (0:1) in Nürnberg ja nun leidlich verpatzt, als einziges Mitglied der Reisegruppe mochte Kraft anderntags zu den Medien sprechen. Beim Betreten der dafür vorgesehenen Zone auf dem Vereinsgelände erschloss sich dem Torhüter sofort die Schlagzeile zu dem sich ihm bietenden Bild. Der Medienraum wird gerade umgebaut, alles ist eine einzige – genau: Baustelle. Aber dass Hertha nach 90 Minuten Fußball im neuen Jahr schon wieder nichts als eine einzige Baustelle ist, „bekommt ihr so von mir jetzt nicht zu hören“, sagte Kraft amüsiert.

Aber des ehrgeizigen Fußballers Miene verfinsterte sich alsbald. Sie alle hätten doch noch das erste Saisonspiel gegen denselben Gegner im Kopf gehabt, als Hertha beim 0:1 „unser bis jetzt schrecklichstes Spiel“ (Mittelfeldspieler Andreas Ottl) ablieferte. „Wir alle haben uns als Mannschaft vorgenommen, dass das nicht noch mal passiert“, sagte Kraft nun, da die Realität eine andere war: „Wir haben ganz verdient verloren. Unsere Leistung war enttäuschend, wie im Hinspiel phasenweise wieder sehr, sehr schwach – und das gegen einen Gegner, der nicht über unsere Qualität verfügt, es aber besser gemacht hat als wir.“

Den Neustart nach der Winterpause haben sie sich anders vorgestellt. Die Ernüchterung durch den FCN, einen direkten Konkurrenten im Kampf um den Klassenerhalt also, hat bei Hertha verärgerte und zu Teilen ratlose Protagonisten hinterlassen. Und wütende Fans obendrein. Teile der Anhängerschaft hatten noch am Sonnabend unmittelbar nach Schlusspfiff Redebedarf. Pierre-Michel Lasogga und Änis Ben-Hatira stellten sich, auch Kraft marschierte in die Kurve. Verständnis hatte er für den Unmut der Massen, „die Enttäuschung wäre bei mir als Fan auch groß gewesen“, sagte er. Und doch dürfe eben niemand vergessen: „Wir sind Aufsteiger und haben von ein, zwei Ausnahmen abgesehen eine sehr konstante Hinrunde gespielt. Diese Ausnahmen wird es auch weiter geben – auch wenn uns und den Fans das schwer zu akzeptieren fällt.“

Kraft sah "zu viele dumme Fouls"

Vielleicht schien im Vorfeld auch einfach nur alles ein wenig zu schön. Das einwöchige Trainingslager in der Türkei war von allen Beteiligten als großer Erfolg verbucht worden, der neue Trainer Michael Skibbe lobte alles und jeden und niemand so sehr wie den als Spielmacher-Vertreter des gesperrten Raffael vorgesehenen Ronny. Dass der Brasilianer auf matschigem Geläuf und bei Schneeregen die Eindrücke der Probephase nicht bestätigen konnte, war nur ein Erklärungsversuch bei der allgemeinen Frage nach dem Warum.

Warum nur kann Hertha offenbar alles, aber partout keinen Saisonstart? Warum nur war die Mannschaft in Nürnberg in ähnlichem Maße wie ein halbes Jahr zuvor so auffällig gehemmt? Es falle ihm schwer, darauf zu antworten, sagte Kraft und führte dann jene „Unkonzentriertheiten“ an, die auch Trainer Skibbe als eine Ursache für den Niedergang ausgemacht hatte. Dass Freistöße und Ecken des Gegners größte Stärke wären – „das haben wir am längsten analysiert, darauf haben wir uns am meisten konzentriert“, sagte Skibbe. Doch was dann geschah, legte Kraft offen: „Wir haben zu viele dumme Fouls begangen, die uns so nicht passieren dürfen. So haben wir den Gegner frecher und mutiger gemacht. Daraus müssen wir lernen.“

Sie sollten es rasch tun. Deutlich weniger Standardsituationen zuzulassen, hat Skibbe prompt als Arbeitsauftrag für die anstehenden Heimspiele gegen Hamburg (28.Januar) und Hannover (5.Februar) formuliert. Nicht zu ändern gedenkt der Trainer hingegen vorerst seine Methode des Positivredens. Ja, der große Hoffnungsträger Ronny habe unerwartet lethargisch gespielt und die Erwartungen in keinster Weise erfüllt – darüber werde in dieser Woche auch noch in kleiner Runde zu reden sein.

Einzelgespräch mit Ronny

Den Tenor dieser Unterhaltung gab Interimskapitän Christian Lell vor. Es möge ja undankbar gewesen sein, als Brasilianer bei solchen klimatischen Rahmenbedingungen die lange ersehnte Chance zu erhalten. Aber es definiere sich der Fußball hierzulande nun mal in erster Linie über Physis, „das muss Ronny annehmen, dann kann er auch seine spielerischen Qualitäten zur Geltung bringen“.

Über dieses bedauerliche Einzelschicksal hinaus sei das Spiel insgesamt aber „nicht so schlecht gewesen, dass ich jetzt alles verdammen muss“, sagte Skibbe. Im Gegenteil, sie hätten besser Fußball gespielt als Nürnberg und sich im Lauf des Spiels nur immer schwerer getan gegen den nach Führung kompakt verteidigenden Gegner. Aus diesem Grund könne auch keine Rede sein von einem Mangel an Struktur, „wir haben uns bemüht“.

Hatte Hertha das Spiel von einer breiten Öffentlichkeit unbemerkt vielleicht also doch gewonnen? Haben sie natürlich nicht; auch wenn Skibbes mildes Urteil etwas anderes annehmen ließ, ist die Niederlage doch aktenkundig. Und wo 40 Punkte das Ziel des Aufsteigers bleiben, damit ein erneuter Abstieg verhindert werden kann, sei die Lage in dieser Hinsicht „prozentual nur ein ganz klein wenig schlechter geworden, indem Nürnberg und einige andere Punkte geholt haben und wir nicht“, sagte Skibbe.

Neue Chance für Torun

Teamintern bedeute so ein verpatzter Auftakt aber doch auch dies: „Erst recht nach einem schlechten Ergebnis ist die Chance für andere, wieder ins Team zu rutschen, natürlich ganz groß.“ In Nürnberg hatte der Babbel-Nachfolger praktisch das identische Personal ins Rennen geschickt, das auch in der Hinrunde zu weiten Teilen die Stammformation gebildet hat. Ausnahmen bildeten erzwungermaßen nur Christoph Janker, der den am Sprunggelenk verletzten Kapitän Andre Mijatovic vertrat, sowie Ronny. „Mal schauen, wie die Aufstellung kommende Woche aussieht, es kann zur ein oder anderen Umstellung kommen“, regte Skibbe am Sonntag einen verschärften Kampf um die Plätze an. Explizit könne der Ex-Hamburger Tunay Torun nach guter Vorbereitung „vielleicht eine Alternative“ sein.