Bundesliga

Herthas Nachwuchs wartet auf den Durchbruch

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Uwe Bremer

Foto: City-Press GbR

Die Berliner fördern gezielt Spieler aus den eigenen Reihen. Die "Eigengewächse" werden bei Hertha BSC zwar dringend benötigt, in der Startelf haben aber ältere Spieler die Nase vorn.

Kurz bevor das letzte Testspiel der Vorbereitung auf die Rückrunde angepfiffen wurde, gab es eine nette Überraschung für Alfredo Morales, Sebastian Neumann und Nico Schulz. Hatte sich Herthas hoffnungsvolles Nachwuchstrio im Stillen schon auf einen Nachmittag auf der Bank vorbereitet, kam es im Spiel gegen den FC Thun nun doch zum Zuge. Am Tag zuvor hatte Neu-Trainer Michael Skibbe noch angekündigt, er wolle nicht mehr so viel experimentieren. Auf keinen Fall werde er wieder mit zwei verschiedenen Mannschaften antreten. Er entschied sich am Morgen um, und so entfiel auch die erwartete Präsentation seiner Startelf. Zu der, dafür bedarf es keiner hellseherischen Fähigkeiten, Morales, Neumann und Schulz eben nicht gehört hätten. Ihr Einsatz gegen Thun war wohl nur der Tatsache geschuldet, dass sich in Belek auch die Scouts einiger Gegner aufhalten – ein Bluff also.

Seit neun Tagen ist der neue Trainer nun da, und das Trio hatte sich in Berlin und im Trainingslager in der Türkei schon mächtig ins Zeug gelegt. Der große Durchbruch aber, so sieht es aus, wird ihnen weiter nicht gelingen. Im Falle von Neumann wäre der unverhoffte Einsatz um ein Haar gar zum Rückschlag geworden: Der Innenverteidiger musste mit einer Ellbogenverletzung ausgewechselt und ins Krankenhaus gebracht werden, die Ärzte diagnostizierten aber nur eine Prellung.

Glück auch für Hertha, dürstet der Anhang in Berlin nach Talenten aus dem eigenen Nachwuchs. Fußball-Deutschland schwärmt von Mario Götze (19), Andre Schürrle oder Lewis Holtby (beide 21). Auch die Herthaner passen in das Raster. Alle haben seit Jahren eine erstklassige Klub-Ausbildung durchlaufen. Neumann (21) ist U21-Nationalspieler, Schulz (18) U19-Nationalspieler. Morales (21) verfügt zwar erst über die Erfahrung von fünf Einsätzen bei den Hertha-Profis, wurde aber von US-Nationaltrainer Jürgen Klinsmann bereits für die amerikanische A-Nationalmannschaft eingeladen, als die im vergangenen November gegen Frankreich spielte. Morales: „Ich war überrascht. Das war eine Supererfahrung mit Spielern zu trainieren, die in der Premier League sind und schon 100 Länderspiele gemacht haben.“ Sein neuer Trainer meint: „Ich habe keine Bedenken, ihn in der Bundesliga zu bringen. Er ist hochtalentiert.“

Nachwuchs statt Millionen

Bei Hertha ist seit Längerem klar, dass die Zukunft vor allem aus dem eigenen Nachwuchs zu bestreiten ist. Aus finanziellen Gründen, weil sich der mit 35 Millionen Euro verschuldete Klub auf Jahre hinaus sich keine überteuerten Stars leisten kann. Der Hauptstadt-Klub lässt sich seine Jugendarbeit viel kosten. So investiert Hertha in dieser Saison knapp vier Millionen Euro in die Förderung seiner Talente. Motto: Wir bilden unsere Stars selbst aus. Selbst entwickelte Spieler sind gut für die Identifikation der Fans mit dem Verein. Abgesehen davon können sie auch lukrativ verkauft werden. Allein, vor dem Star-Status muss erst einmal der Sprung in die Bundesliga geschafft werden. Doch außer Patrick Ebert spielt in dieser Saison kein Hertha-Eigengewächs eine herausgehobene Rolle. Obwohl von selbigen gleich ein ganzer Schwung im Aufgebot steht.

Neben dem oben genannten Trio sind Jerome Kiesewetter und John Brooks (beide 18) dabei, Marco Djuricin und Abu Bakarr-Kargbo (beide 19) sowie Fanol Perdedaj (20). Doch Ex-Trainer Markus Babbel hatte kurz vor seinem Abgang die Jungen unisono kritisiert: Es würde sich niemand anbieten, ihm komme zu wenig.

„Das hat sich mit dem Trainerwechsel zu Michael Skibbe geändert“, sagt Manager Michael Preetz. „Auch für die Jungen beginnt es bei Null. Sie können sich zeigen.“ Nur scheint der Ausgang ähnlich zu sein wie unter dem Vorgänger: dass die erfahrenen Kollegen den Vorzug erhalten. „Das ist es, was ein Junger lernen muss: Zu akzeptieren, was der Trainer vorgibt. Und immer wieder Gas zu geben, auch wenn es mal Rückschläge gibt“, sagt Neumann. Dabei gibt es in der Mannschaft ein leuchtendes Beispiel, dass es anders geht: Pierre-Michael Lasogga (20).

Angreifer im Vorteil

Nico Schulz sitzt im abgesperrten Pressebereich des Mannschaftshotels in Belek und lächelt: „Ich sage nur ein Wort: Offensivspieler.“ Ihm geht es als linker Außenverteidiger ähnlich wie Innverteidiger Neumann und Morales: Für Defensivspieler ist es schwieriger. „Es gibt in der Bundesliga so gut wie keine Verteidiger, die mit 19, 20 Jahren Stammspieler sind“, sagt Schulz. „In der Offensive ist das einfacher. Da bekommst du am Ende des Spiels deine Einsätze. Wenn du es gut machst, bist du nächste Woche wieder dabei. Das Risiko vorn ist nicht so groß. Verlierst du den Ball, sind genügend Kollegen da, um das auszubügeln.“

Morales hat eine Sonderstellung. Bei Hertha wird er zwar meist als rechter Außenverteidiger gesehen, sagt aber: „Ich habe Stürmer gespielt, Zehner, Sechser, Innenverteidiger, Außen – ich kann alles spielen.“ Es ist ein Vorrecht der Jugend ungeduldig und stürmisch zu sein. Morales sagt: „Wir sind alle supertalentierte Jungs. Wir arbeiten seit Jahren dafür, den Sprung bei den Profis zu schaffen.“ Doch als Jung-Profi müssen sie sogleich sehr erwachsene Eigenschaften zeigen. „Ich musste lernen, Geduld zu haben“, sagt Schulz, der die vergangene Halbserie wegen eines Drüsenfiebers fast komplett verpasst hat.

Neumann wurde, immer wenn er den Sprung zu den Profis geschafft hatte, durch kleinere Verletzungen zurückgeworfen – wie jetzt auch wieder. Morales legte eine starke halbe Stunde gegen den FC Bayern hin, bekam viel Lob vom damaligen Trainer – und saß in der Folgewoche auf der Tribüne. „Natürlich war ich enttäuscht. Aber ich muss auch realistisch sein.“ Von Jung-Profis wird neben fußballerischen Qualitäten auch mentale Robustheit verlangt, sich nicht entmutigen zu lassen. Schulz drückt es so aus: „Ein Trainer hat meist die ersten 13, 14 Spieler im Kopf. Und da ist kein 17,- 18-Jähriger dabei, auf den er seine Saisonplanung aufbaut. Wir kommen dahinter und müssen uns im Training anbieten.“

Babbel hat in der Zweitliga-Saison erst auf die Jungen wie Lasogga, Schulz oder Neumann gesetzt. Doch als es in die entscheidende Saisonphase ging sowie nach dem Bundesliga-Aufstieg, hatten meist die etablierten Kollegen die Nase vorn. Nachfolger Skibbe weiß, dass der Verein von ihm erwartet, Talente einzubauen und zu entwickeln – bei gleichzeitigem Erreichen des sportlichen Zieles, das für diese Saison ‚Klassenerhalt' heißt. Für die Jungen gilt, dass sie sich bei aller Einordnung in die Gruppe ein gesundes Selbstbewusstsein erhalten müssen. Neumann sagt: „Meine Motivation ist der Traum, bei Hertha Stammspieler zu werden. Und ich weiß, wenn ich die Chance bekomme, werde ich sie nutzen.“

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