Schlechte Statistik

Hertha kämpft gegen Heimbilanz des Grauens

Wirft man einen Blick auf die aktuelle Heimtabelle der Bundesliga, steht Hertha BSC auf einem Abstiegsplatz. Das muss sich ändern: In den kommenden zwei Wochen treten die Berliner dreimal hintereinander im Olympiastadion an.

Foto: AFP

Auf den ersten Blick könnte die Lage besser kaum sein. Die Leute sind heiß auf Hertha BSC. Der Hauptstadtklub boomt mehr denn je. Von Sonnabend an gerechnet werden binnen 22 Tagen in etwa 230.000 Zuschauer ins Olympiastadion strömen, wenn das Team von Trainer Michael Skibbe in diesem Zeitraum vier Heimspiele austrägt. Rund 50.000 Karten sind bis jetzt verkauft für die Begegnung am Sonnabend gegen den HamburgerSV.

Der Spielplan will es, dass exakt eine Woche darauf Hannover 96 zu Gast ist; auch hierfür sind schon rund 45.000 Tickets abgesetzt. Weitere drei Tage später, am 8. Februar, bestreitet Hertha das Viertelfinale im DFB-Pokal zu Hause gegen Borussia Mönchengladbach. Obwohl es sich dabei um einen gerade für auswärtige Fans eher unattraktiven Dienstagabendtermin (19 Uhr) handelt, sind schon 60.000 Eintrittskarten verkauft. Und für das Gastspiel von Meister Dortmund, das am 18. Februar den Abschluss der Berliner Heimspielwochen (zwischendurch muss Hertha in Stuttgart antreten) bildet, rechnet der Klub sogar mit einem mit 74.244 Zuschauern ausverkauften Stadion.

Eine „schöne Ballung von wichtigen Heimspielen“ erkennt Herthas Finanz-Geschäftsführer Ingo Schiller in diesem Abschnitt des Spieljahres. Mehr noch als die sportliche Attraktivität der Gegner lässt den Mann der Zahlen jedoch die Erkenntnis frohlocken, „dass sich die hohe Unterstützung durch unsere Fans in der Hinrunde auch in der Rückrunde fortsetzt“. In harten Zahlen ausgedrückt, rückt ein Zuschauerrekord näher. Am Saisonende werden durchschnittlich rund 55.000 Fans die Heimspiele der Blau-Weißen besucht haben. Kalkuliert worden war für das Jahr der Bundesliga-Rückkehr mit 43.000, die Übererfüllung dieses Planziels beschert Hertha eine Mehreinnahme im siebenstelligen Bereich. Geld, das der Klub angesichts über 30 Millionen Euro Schulden bestens gebrauchen kann.

Fragt sich nur, warum die Massen derart strömen. Ja, die vergangene Zweitligasaison war überwiegend das pure Vergnügen. Mit zwölf Siegen, zwei Remis und nur drei Niederlagen legte Hertha im Olympiastadion die Basis für die Rückkehr in die Bundesliga. Doch in der höchsten Spielklasse brachten Heimauftritte der Blau-Weißen eher Frust als Lust. Seit August 2009 hat Hertha im Olympiastadion in der Bundesliga nur drei von 25 Partien gewinnen können, es gab aber neun Unentschieden und sogar 13 Niederlagen – im entsprechenden Zeitraum von Spielen ist eine solche Bilanz die zweitschlechteste der Bundesliga-Geschichte. Mieser war nur…Hertha.

Vier Heimspiele in 22 Tagen

Auf die laufende Saison reduziert, belegt Hertha im Heim-Ranking der Bundesliga einen Abstiegsplatz, hat gegenwärtig genauso viele Punkte gesammelt wie der Letzte Augsburg und weist nur eine hauchzart bessere Tordifferenz auf. Entsprechend bedeutet die anstehende Häufung an Heimauftritten für Hertha wohl in erster Linie Risiko.

In der Gesamttabelle, die noch immer allein entscheidend ist für Wohl oder Wehe einer Mannschaft, ist Hertha momentan auf Platz 13 notiert. Bei entsprechendem Verlauf kann der Hauptstadtklub sich in den kommenden Wochen also gewaltig Luft verschaffen zu den Abstiegsrängen, den Abstand konstant halten oder richtig tief in den Abstiegssumpf geraten. Und im Pokal geht es um den prestigeträchtigen Einzug ins Halbfinale.

Doch wie schwer es – statistisch belegbar übrigens – ist, zwei Heimspiele hintereinander zu gewinnen, darauf haben nicht zuletzt Herthas Ex-Trainer Hans Meyer und Lucien Favre unisono gern und regelmäßig verwiesen. Davon aber will der aktuelle Trainer Skibbe nichts hören. Seit Anfang Januar befehligt er Hertha, folglich hat die Mannschaft unter ihm noch kein Spiel im Olympiastadion verloren. Und was vorher war, „ist mir zu weit weg“, sagt er: „So weit kann ich nicht ausholen, irgendeine Heimschwäche der Hinrunde oder der letzten oder der vorvorletzten Saison zu beschreiben.“

Doch waren die Probleme, die Hertha zuletzt regelmäßig mit der Gestaltung von Heimspielen hatte, beim besten Willen unübersehbar. Skibbe mag deshalb auch gar nicht dementieren, er negiere bewusst das Thema Heimschwäche, um stattdessen Zuversicht zu demonstrieren. „Wir wollen“, sagte er, „uns zu Hause stark präsentieren – und das letzte Heimspiel hat Hertha gewonnen.“ Im Pokal-Achtelfinale war das, beim recht souveränen 3:1 Ende Dezember gegen Kaiserslautern, „von daher ist die Heimschwäche zuletzt ja schon mal ad acta gelegt worden.“

An dieses Erfolgserlebnis sollen die Seinen in den kommenden Wochen anknüpfen. Über die vor ihnen liegende Strecke doziert Skibbe: „Ich habe lieber drei Heim- als drei Auswärtsspiele in Folge. Heimspiele lassen sich dann erfolgreich bestreiten, wenn wir sehr engagiert und sehr mutig spielen und mit möglichst schnellen Passagen, in denen wir gut kombinieren, den Gegner in Verlegenheiten bringen.“ Denn kein rein Hertha-spezifisches Phänomen sei es ja, dass Heimteams zunehmend dadurch in Probleme geraten, dass der Gegner recht humorlos auf eine kompakte Defensive setzt. Dagegen so anhaltend sicher zu kombinieren, bis Lücken in die fremden Reihen gerissen sind, „fällt Mannschaften manchmal schwer – unserer auch“, gesteht Skibbe dann immerhin doch.

Abschlusstraining im Stadion?

Auch die Fans machen sich so ihre Gedanken, was Hertha im eigenen Stadion solche Probleme bereitet. „Eine Melange aus Verkrampftheit gegen direkte Konkurrenten und umgebender Erwartungshaltung, die sich hier in Berlin nicht so ohne weiteres aus den Köpfen bekommen lässt“, vermutet der User „Traumtänzer“ im Morgenpost-Blog Immerhertha. An selber Stelle regt „pax.klm“ an, „das Abschlusstraining im Olympiastadion durchzuführen“, damit die Spieler vielleicht nicht an die zu erwartende Atmosphäre, immerhin aber doch an die Umgebung des Spieltags gewöhnt würden. Den gewöhnlichen Berliner Fatalismus in Bezug auf Hertha drückte „Fechibaby“ bei Immerhertha so aus: „Wenn es normal läuft, wird es wohl in diesen vier Heimspielen keinen Heimsieg geben. Hoffentlich kommt es anders, als ich es befürchte.“

Damit es tatsächlich anders kommen möge, hat Skibbe seine Mannschaft in dieser Woche keineswegs zufällig auf kleinem Feld Kombinationsspiel üben lassen, „damit die Spieler eine gute Passgeschwindigkeit und -präzision zu entwickeln“. Damit das Olympiastadion auch in der Bundesliga für die Fans wieder zum Ort der Freude werden kann.

Immer Hertha: Hintergründe finden Sie auch im Hertha BSC Blog von Morgenpost Online unter www.immerhertha.de