Änis Ben-Hatira hob die Hand in Richtung Kollegen. Das schlechte Gewissen stand ihm ins Gesicht geschrieben, die Geste sollte sagen: „Sorry!“ Zum wiederholten Male beim 2:0 im Testspiel gegen den 1. FC Heidenheim hatte der schnelle Flügelspieler den Ball verloren, zum wiederholten Male waren die Mitspieler vergebens gelaufen. Ein andermal später zog Ben-Hatira wenige Augenblicke mit dem Ball am Fuß von außen in die Mitte, er spurtete und spurtete – und schwupp, weg war der Ball. „Ey, Alter, Laufwege“, pflaumte Ben-Hatira Stürmer Marco Djuricin an. Der fauchte zurück. Und Djuricin hatte Recht – er hatte seine Position gehalten.

Michael Skibbe, Herthas neuer Trainer, sagt über das sportliche Problem von Ben-Hatira: „Die Problematik, die Änis hat, haben viele Tempodribbler. Er versucht immer, Richtung Tor zu kommen. Weicht dann aber von seinem rechten Flügel ab, nach schräg in die Mitte und endet manchmal in der Linksaußen-Position. Wenn der Ball aber verloren wird, ist die Abwehrseite offen, wo er seine Position verlassen hat. Im Moment spielt Änis mir zu wenig aus seiner Position heraus.“

Wie bei Tunay Torun, der ein ähnlicher Typ ist, ist Ben-Hatiras Spielweise rasant und riskant zugleich. Bald nach seiner Rückkehr zu Hertha zeigte der frühere Profi des Hamburger SV, dass er an guten Tagen Spiele fast allein entscheiden kann. Am 1. Oktober staunten 60.000 Zuschauer im Olympiastadion über den gebürtigen Berliner, der gegen den 1. FC Köln mit spektakulären Läufen die ersten beiden, jeweils von Pierre-Michel Lasogga vollendeten Tore unwiderstehlich vorbereitete. Am Ende stand der souveränste Hertha-Sieg der Hinrunde, ein 3:0.

Schock an der Haustür

Seither jedoch war nicht mehr viel zu sehen von Ben-Hatira. Und wer ihn im Trainingslager in der Türkei beobachtet, dem fällt es schwer, den Offensivspieler auszumachen, der etwa 2009 mit der deutschen U21 Europameister geworden ist. Ben-Hatira müht sich, er läuft viel, aber kaum etwas will gelingen. „Man hat den Eindruck, in seinem Kopf fahren die Gedanken Karussell“, sagt Manager Michael Preetz – und seine Beurteilung ist durchaus wörtlich zu verstehen. Ben-Hatira hängt durch, weil ihn das Geschehen seiner Zwillingsschwester Ines verfolgt.

Die war im November 2011 von zwei Räubern am U-Bahnhof Hermannplatz brutal überfallen worden . Die junge Frau wurde ins Gesicht geschlagen, Bargeld und Handy geraubt. Ihr Bruder war es, der ihr die Tür öffnete, als sie nach Hause gewankt war. In „Bild“ beschrieb Ben-Hatira die Szene so: „Es klingelte. Ich wusste sofort, dass etwas passiert war. Ihre Schritte auf der Treppe klangen so schwer. Dann sah ich nur noch ihr Gesicht, ihren schrecklichen Zustand. Es war, als würde ich sterben. Ich bin fast durchgedreht, wusste nicht, was ich machen sollte. Meine Schwester kippte halb bewusstlos in den Flur. Ich versuchte, ihr mit etwas Wasser das Blut aus dem Gesicht zu wischen.“

Kontakt zu einem Psychologen

Die schweren Prellungen sind mittlerweile abgeklungen, Täter wurden bisher nicht gefasst. Geblieben ist der Schock. Ben-Hatira ist ein ausgeprägter Familienmensch („Die bedeutet mir alles“), die Beziehung zu seiner Zwillingsschwester ist ohnehin ein besondere.

Der Überfall wirkt bis heute nach. Es bleibt ein Gefühl der Unsicherheit, der Zerbrechlichkeit. Und der Wut. Hertha BSC hat hinter den Kulissen geholfen, stellte den Kontakt zu einem Psychologen her. Den besuchten sowohl Ines Ben-Hatira wie auch ihr Bruder. Dem Vernehmen nach haben die Gespräche bei der Verarbeitung geholfen. Ben-Hatira hat sich mehrfach bei seinem Arbeitgeber für die Unterstützung bedankt.

Doch die Behandlung von Traumata kann langwierig sein. Derzeit ist offen, ob die bisherige Unterstützung nachhaltig hilft. Oder ob es weiterer professioneller Hilfe bedarf – für Ines ebenso wie für ihren Zwillingsbruder Änis Ben-Hatira. Über die Angelegenheit will er öffentlich nicht reden. Er hat Hertha gebeten, im Trainingslager am Mittelmeer alle Medien-Anfragen für ihn abzulehnen.

Bei der Ausübung seines Berufes ist zu beobachten, dass der Fußball-Profi kämpft. Verbissen und mit Macht. Aber er erinnert derzeit an einen Formel-1-Wagen, der seine PS nicht auf die Straße zu bringen vermag. Die Mannschaft hat Ben-Hatira in die Mitte genommen. Sie hat hautnah miterlebt, wie am Boden zerstört Ben-Hatira war. Kritik an ihm ist tabu. Bei jeder gelungenen Aktion loben die Kumpels lautstark: „Super, Änis.“

Natürlich ist auch Skibbe, der neue Vorgesetzte, im Bilde. Er lobt: „Änis macht sich im Training gut.“ Und schwärmt vom Potenzial des Deutsch-Tunesiers. Eines jedoch weiß derzeit niemand: Wie lange benötigt Ben-Hatira, um wieder in die Topform zu kommen, die er etwa vor drei Monaten gegen Köln gezeigt hat? Der für seine kommunikative Art bekannte Skibbe sagt: „Die Sache mit seiner Schwester, das war heftig. Jeder verarbeitet so etwas anders. Dass so eine Geschichte einen aus der Spur werfen kann, ist menschlich. Ich möchte das gern mit Änis besprechen, und helfen, soweit ich kann.