Viel Skepsis schlug Michael Skibbe von Seiten der Öffentlichkeit entgegen, als er als Nachfolger des beliebten Markus Babbel die Mannschaft von Hertha BSC übernahm. Noch immer haftet dem Trainer ein zweifelhafter Ruf an: Er arbeite zu wenig nachhaltig und sei ein „Fehlerflüsterer“. Wie sieht Skibbe sich selbst, wie arbeitet er wirklich, welche Pläne hat er mit Hertha trotz 35 Millionen Euro Verbindlichkeiten?

Morgenpost Online: Herr Skibbe, Sie arbeiten seit eineinhalb Wochen mit der Mannschaft von Hertha BSC. Was hat Sie am meisten überrascht?

Michael Skibbe: Positiv überrascht hat mich die Spielschnelligkeit der Mannschaft. Sie hat ein gutes Passspiel. Viele Spieler können sich aus engen Situationen befreien.

Morgenpost Online: Wo muss Hertha noch zulegen?

Michael Skibbe: Steigerungspotenzial haben wir beim Herausspielen von Torchancen und beim Abschluss. Was beim Training auffällt, ist, dass entscheidende Situationen immer über Raffael oder Ronny entstehen. Da wünsche ich mir, dass auch andere Mittelfeldspieler versuchen, mehr Pässe in die Spitze zu spielen.

Morgenpost Online: Da trifft es sich schlecht, dass Raffael für die ersten vier Spiele gesperrt ist.

Michael Skibbe: Wir hoffen, dass wir eine Sperre von drei Spielen hinbekommen. Das wäre eine Hilfe, weil wir Raffael als einen unserer spielstärksten Spieler brauchen. Sein Ausfall wird spürbar sein. Aber so stark, wie Ronny sich präsentiert, komme ich nicht drumherum, ihn in Nürnberg in der Startelf zu bringen.

Morgenpost Online: Auch für den verletzten Manndecker Maik Franz suchen Sie ausschließlich intern Ersatz. Warum sehen Sie in der Winterpause keinen Bedarf für neue Spieler?

Michael Skibbe: Wenn alle gesund bleiben, haben wir nicht vor, noch jemanden zu verpflichten. Als neuer Trainer als erstes zu verlangen: Um die Klasse zu halten, brauche ich vier Neue – da sagen sich die Spieler: Der kennt uns nicht mal richtig, weiß aber schon, dass wir zu schlecht sind. Ich bin zufrieden mit dem, was wir haben.

Morgenpost Online: Gab es eine Amtsübergabe mit Ihrem Vorgänger Markus Babbel?

Michael Skibbe: Nein, noch nicht. Es liegt an mir, den Kontakt zu meinem Vorgänger aufzunehmen. Das will ich auch gern machen, will mir aber zunächst viele Eindrücke von der Mannschaft verschaffen. Markus wird mir Tipps und Hinweise aus seinen anderthalb Jahren in Berlin geben können, ich freue mich auf das Gespräch.

Morgenpost Online: Als Nachfolger werden Sie, ob Sie wollen oder nicht, immer mit dem Vorgänger verglichen. Von Ihnen wird erwartet, dass Sie der Anti-Babbel sind.

Michael Skibbe: Falls das so sein sollte, kann ich nur jeden enttäuschen. Ich bin seit fast 25 Jahren Trainer. Ich orientiere mich nicht daran, was der Vorgänger gemacht hat. Man kann als Trainer nur dann erfolgreich arbeiten, wenn man sich so präsentiert, wie man ist. In der täglichen Arbeit merkt eine Mannschaft ganz schnell, ob man authentisch ist oder nur eine Rolle spielen will.

Morgenpost Online: Sie werden nicht zum Minibar-Berliner, der nur im Hotel lebt.

Michael Skibbe: Das stimmt. Längere Zeit in einem Hotel, das ist nichts für mich. Jeder muss wissen, wie er das macht. Mir ist das zu unpersönlich. Ich werde spätestens Mitte Februar in Berlin eine eigene Wohnung beziehen. Die Unordnung dort wird meine eigene sein. Ich habe Familie mit vier Kindern, kleine und große. Die werden alle mal kommen und mich besuchen.

Morgenpost Online: In der heutigen Medien-Welt ist der Ruf schon da, der Ihnen vorauseilt. Der Ruf besagt, dass Sie modernen Fußball spielen lassen, dass Sie Ihre Mannschaft an der langen Leine führen und gerne Serien haben: positive wie negative. Was ist da dran?

Michael Skibbe: Eigentlich nichts. Außer, dass ich mich bemühe, fußballerisch gute Mannschaften aufzustellen und in der Liga konkurrenzfähig zu sein. Ja, man hat mal Phasen mit mehr Erfolg und mal mit weniger. Ich bin aus den schlechten Phasen meist gut rausgekommen. Mit Ausnahme von Eintracht Frankfurt. Da waren wir gerade wieder in eine erfolgreichere Phase gekommen. Wir lagen sieben Runden vor Ende mit 31 Punkten sieben Zähler vor Gladbach.

Morgenpost Online: Eigentlich eine gute Ausgangsposition.

Michael Skibbe: Der Zeitpunkt zum Wechsel war meines Erachtens völlig falsch gewählt. Drei Wochen zuvor hätte ich das verstanden, da hatten wir sechs Mal in Folge verloren. Grundsätzlich habe ich die meisten Mannschaften in einer besseren Position übergeben als in der, in der ich sie übernommen hatte. Mit Ausnahme von Galatasaray Istanbul. Die habe ich als Meister übernommen. Bei meiner Entlassung lagen wir auf Rang drei, vier Punkte hinter der Spitze. Ich lese manchmal über mich, dass es mit mir nur am Anfang gut geht. Aber nicht auf Dauer, da fehle es an Nachhaltigkeit. Ich bin gespannt, ob man in Berlin irgendwann wird sagen können, dass ich auch nachhaltig arbeiten kann.

Morgenpost Online: Für einen Trainer ist es wichtig, Autorität zu haben. Welches Bild wollen Sie den Spielern vermitteln?

Michael Skibbe: Das regelt sich durch die Art der Mannschaftsführung. Durch die Trainingsgestaltung und wie persönliche Gespräche ablaufen. Ich habe eine Liste hier für Belek, auf der alle Spieler draufstehen. Mit den Älteren rede ich 20, 25 Minuten, mit den Jüngeren zwölf, 15 Minuten.

Morgenpost Online: Im Moment ist es für Sie noch einfach, Sie loben sehr viel. Aber spätestens zum Rückrunden-Start gegen Nürnberg wissen aus Ihrem 27er-Kader 16 Spieler: Mist, wir stehen doch nicht in der Startelf.

Michael Skibbe: Klar muss ich glaubwürdig sein. Das heißt, jetzt schon so offen zu den Spielern zu sein, ihnen zu sagen, wo ich sie sehe. Beispiel Fanol Perdedaj, ich habe ihm viele positive Dinge gesagt: Seine Balleroberung gefällt mir, seine Einstellung. Aber ich sage ihm auch: Fanol, du hast auf deiner Position mit Ottl, Lustenberger und Niemeyer drei echte Bundesliga-Kaliber vor dir. Du wirst wohl nicht viele Einsatzmöglichkeiten bekommen. So viel Fairness muss sein. Ich muss ja nicht nur sechs, sieben Spielern sagen, sie sitzen gegen Nürnberg auf der Bank. Darüber hinaus muss ich einigen sagen: Ihr seid nicht im Kader. Das muss vorbereitet sein.

Morgenpost Online: Wird Perdedaj ausgeliehen?

Michael Skibbe: Wir schauen jetzt noch mal zehn Tage, dann treffen wir eine Entscheidung. Ich lege mich auch relativ früh fest. Bei Thomas Kraft habe ich, noch ehe die Frage gestellt wurde, gesagt: Er bleibt unsere Nummer eins. Dinge, die gut waren bei Hertha, sollen gut bleiben. Lell, Kobiashvili oder Ottl haben alle 17 Spiele in der Hinrunde gemacht und ordentliche Leistungen abgeliefert – da fange ich doch jetzt zur Rückrunde keine Experimente an.

Morgenpost Online: Was ist in dieser Rückrunde realistisch, schauen Sie mit Hertha in der Bundesliga nach unten Richtung Abstieg?

Michael Skibbe: Ich schaue auf die 40-Punkte-Marke, habe der Mannschaft gesagt, dass ich wie mein Vorgänger in der Hinrunde auch in der Rückrunde 20 Punkte holen möchte. Und wie in der Hinrunde dreimal im Pokal gewinnen will.

Morgenpost Online: Damit würden Sie sich in Berlin unsterblich machen, Herr Skibbe. Das würde den Gewinn des DFB-Pokals bedeuten. Herthas letzter Titel datiert aus dem Jahre 1931.

Michael Skibbe: Ich werde alles dazu beitragen, was ich tun kann.

Morgenpost Online: Wie sehen Sie mittelfristig die Perspektiven von Hertha BSC?

Michael Skibbe: Berlin ist eine Weltstadt – wie in Europa sonst nur Paris, London, Rom, Madrid. Eine große Stadt mit einem großen, fußballinteressierten Umfeld.

Morgenpost Online: Weltstadt bedeutet aber nicht automatisch auch Weltklub.

Michael Skibbe: Stimmt, aber viele Voraussetzungen stimmen. Angefangen mit dem großen, gewaltigen Stadion. Wenn Hertha die Finanzen weiter in den Griff bekommt wie in den letzten Jahren, wenn der eine oder andere Transfer glückt, der die Qualität in der Mannschaft weiter verbessert, kann das sehr schnell sehr gut funktionieren. Perspektivisch will ich Hertha auf einem besseren Rang übergeben als dem elften Platz, auf dem wir im Moment stehen.

Morgenpost Online: 35 Millionen Euro Verbindlichkeiten sind für den Trainer aber eine Belastung.

Michael Skibbe: Dortmund hat weit höhere Verbindlichkeiten, aber macht der Liga vor, dass man Schulden abbauen und gleichzeitig Erfolg haben kann. Mittlerweile kann Dortmund sich Reus für 17 Millionen leisten oder zuvor Barrios. Aber die Borussia hat auch eigene Spieler entwickelt wie Mario Götze. Und unbekannte Spieler für wenig Geld gefunden wie Kagawa oder Großkreutz.