So schön hatten sie sich den Zeitplan zurechtgelegt bei Hertha BSC. Den geschäftlichen Dingen sollte Rechnung getragen werden am Tag eins nach der Beurlaubung von Markus Babbel als Cheftrainer des Berliner Bundesligisten . Also trafen morgens um 9.30 Uhr Michael Preetz und Co-Trainer Rainer Widmayer zur weiteren Besprechung der Dinge im Büro des Managers zusammen. Anschließend sprachen sie gemeinsam vor der Mannschaft über die Geschehnisse des vorangegangenen Sonntages und wie es in der Vorbereitung auf das Achtelfinale des DFB-Pokals am Mittwoch (19 Uhr, Olympiastadion und im Live-Ticker von Morgenpost Online ) nun weitergehen soll.
Team wartet, Babbel bleibt weg
Aber es sollte auch ein kleines Zeitfenster geöffnet bleiben, damit die menschliche Komponente im oft so kalten Geschäft Profifußball nicht zu kurz kommt. Und so wurde Babbel ein letztes Mal ein roter Teppich ausgerollt. Ehe es für seine nun ehemaligen Spieler um 11 Uhr auf den Trainingsplatz ging, sollte Babbel Gelegenheit haben, sich von ihnen zu verabschieden und für eineinhalb Jahre erfolgreiche Zusammenarbeit zu danken.
Alle waren sie also da, Spieler und Funktionsteam – nur einer nicht, und der kam auch nicht: Babbel. Sein Fernbleiben war die unkomische Schlusspointe von Babbels Berliner Zeit. Der Ur-Münchner und die Hauptstadt – das hat nie so recht gepasst. Seine freien Tage verbrachte er samt und sonders bei der Familie in Bayern. Und in Berlin lebte der 39-Jährige wie jemand, der langfristig auf Montage von zu Hause fort ist; nur dass sein Fremdenzimmer eben eine Suite in einem Luxushotel war.
Arbeitsrechtler am Werk
In einem undurchschaubaren Geflecht aus gegenseitigen Bezichtigungen der Lüge war am Sonntag die einst formidable Zusammenarbeit von Babbel und Hertha BSC zu Ende gegangen. Da teilte der Klub am Nachmittag die Freistellung des Trainers mit, und ob der erheblichen Vorwürfe in Richtung seiner Vorgesetzten – Manager Michael Preetz und Präsident Werner Gegenbauer – mag Preetz auch „nicht ausschließen“, dass nachträglich sogar eine fristlose Kündigung ausgesprochen wird. Einen Arbeitsrechtler hat Hertha dazu am Montag jedenfalls bereits eingeschaltet.
Der wird seine liebe Mühe haben, die Hintergründe dessen zu dechiffrieren, woran sich der ganze Zwist entzündet hat: Wer hat wem wann welche Botschaft übermittelt, und wie offiziell war der Charakter dieser Mitteilungen? Umgekehrt gefragt: Babbel oder Preetz, einer lügt – nur wer? Babbel beharrte bis zuletzt auf seiner Darstellung, schon im November mitgeteilt zu haben, dass er über das Ende der laufenden Saison nicht für eine Zusammenarbeit zur Verfügung stünde. Dieser „inoffiziellen Absage“ sei am Dienstag vergangener Woche eine offizielle gefolgt. Preetz verneint die Existenz der November-Botschaft. Weil es sie nie gab? Oder weil er sich – auch gegenüber Präsident Gegenbauer – im Sinne Herthas Zeit für die Suche nach einem geeigneten Nachfolger verschaffen wollte?
Uneinigkeit herrscht sogar darüber, wer vergangenen Dienstag absagte: Babbel persönlich, wie es der Trainer behauptet? Oder sein Berater, der Schweizer Andre Gross, in einem Telefonat mit Preetz, für das es nach Darstellung des Managers auch einen Zeugen geben soll?
Fest steht, dass die Glaubwürdigkeit aller Protagonisten Schaden genommen hat – und dass Hertha BSC mit Leichtigkeit sein zuletzt überwunden geglaubtes Image als Chaosklub zurückgewonnen hat. Babbel ist indessen auf seiner Station als Trainer in der Bundesliga zum zweiten Mal vorzeitig entlassen worden. Klubintern wurde er auf der Geschäftsstelle schon seit längerer Zeit nur noch „der Minibar-Berliner“ gerufen, weil er nur im Hotel wohnte.
Und als er sich einmal in größerem Zusammenhang über seine Wahlheimat äußerte, da charakterisierte er den Berliner an sich als großmäulig und auch eher faul. Für die Sehenswürdigkeiten der Stadt hat er sich nie begeistern können – auch nicht an seinem Geburtstag, von dem sie sich bei Hertha die Geschichte von Babbels Geschenk erzählen. Zur Bootsfahrt durch Berlins neue Mitte hatten die Klubbosse ihren Trainer da eingeladen, auch damals waren alle da, als der Kapitän ablegen wollte: Präsident Werner Gegenbauer, Babbels Frau Silke, seine Eltern und die Kinder Giulia und Sienna. Es fehlte…Babbel.
Preetz stichelt
Lange wurde bei Hertha schweigend über so viel gleichgültiges Verhalten gestaunt. Erst als auch die Enttäuschung über Babbels Hinhaltetaktik in der Frage der Verlängerung seines Vertrages immer größer wurde, sickerten immer mehr dieser Anekdoten durch.
Am Sonntag hielt Preetz sich nun nicht länger zurück mit einer spöttischen Bemerkung zu Babbels unübersehbarem Fremdeln mit Berlin und den Berlinern. „Warum das so ist, weiß ich nicht“, sagte der seit 15 Jahren in der Hauptstadt lebende Manager: „Ich finde durchaus, dass Berlin eine Stadt ist, in der man sich wohl fühlen kann.“
Rätselraten über „private Gründe“
Allerdings ranken sich eine Menge Gerüchte darum, dass auch Babbel seine Zeit in der Stadt durchaus genossen haben soll – allerdings hauptsächlich nach Einbruch der Dunkelheit. Wogegen grundsätzlich nichts einzuwenden ist.
Wenn Babbel nun aber „private Gründe“ für seinen Entschluss geltend macht, seinen Vertrag bei Hertha nicht zu verlängern, dann lautet eine unwidersprochene Vermutung, dass Ehefrau Silke sich ihren Gatten künftig wohl wieder näher bei der Familie gewünscht haben soll.
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Daniel Stolpe und Uwe Bremer




