Die Mitgliederversammlung von Hertha BSC ist am Montagabend exakt 54 Minuten alt, da spricht Präsident Werner Gegenbauer einen Satz, dessen Tragweite erst niemand so recht erfasst. Gerade hat der als aktueller deutscher U21-Nationalspieler hervorgehobene Pierre-Michel Lasogga von ganz vorne links im Saal 1 des ICC einmal freundlich ins Auditorium gewinkt, da sagt Gegenbauer in den Applaus der Basis hinein: „Und jetzt lassen wir die Jungs auch nach Hause gehen.“
Die Jungs, das sind die Spieler und das Trainerteam des Tabellenzehnten der Fußball-Bundesliga. Der Jubel hielt noch für Momente an – aber rasch rückte sprachloses Staunen an diese Stelle. Nach und nach setzte bei den meisten der anwesenden 1302 Mitglieder des Berliner Bundesligisten der Gedanke ein: Moment mal, hallo – fehlte da jetzt nicht was? Ein sonst traditionelles Element aller Zusammenkünfte der blau-weißen Gemeinde unterm Funkturm nämlich: die Vorstellung der Profi-Mannschaft auf der Bühne und wenigstens ein paar freundliche Worte wechselweise des Kapitäns, des besten Torschützen – und immer auch des Trainers, jedenfalls so lange, wie dieser bei Hertha seit Mai 2010 Markus Babbel heißt.
Kein Wort zu den Fans
Das Dauerthema dieser Tage lautet nun: Bleibt Babbel auch Trainer von Hertha BSC? Doch der 39-Jährige sprach kein einziges Wort zu den Fans. Er verließ die Versammlung durch einen Nebenausgang, ehe die Frage nach seinem Verbleib beim Hauptstadtklub überhaupt hätte gestellt werden können. Das ist nun nicht verboten. Aber klug war es nicht, den Mitgliedern ihr Recht auf Auskunft vorzuenthalten. Denn wo sonst keine wegweisenden Wahlen oder Entscheidungen anstanden, waren die meisten von ihnen wohl mit dem Wunsch erschienen, ein paar aussagekräftige Worte von Babbel zu vernehmen. So nährte der Schweigende mit seinem Verhalten nur die Gerüchte, wonach er seine Zukunft spätestens über das Saisonende hinaus nicht in Berlin sieht.
Andere sprachen. Bernd Schiphorst, der Vorsitzende des Aufsichtsrates, erneuerte seine umjubelte Sehnsucht nach einer Rückholaktion des „Hertha“ benannten Gründungsschiffs. Und auch der Traum von einem eigenen Hertha-Museum lebt. Allein: Das Geld dafür ist nicht vorhanden. Finanz-Geschäftsführer Ingo Schiller stellte die wirtschaftlichen Kennzahlen vor. Für das Jahr in der Zweiten Liga war ein einmaliger Kraftakt nötig. Um den sofortigen Wiederaufstieg zu erlangen, wurden 61,8 Millionen Euro ausgegeben. Der größte Posten ist mit 22,7 Millionen in das kickende Personal geflossen. Dem standen Einnahmen von nur 55,1 Millionen gegenüber. Sponsoren, Ausrüster und Logen-Besucher steuerten 21,6 Millionen bei. Die Zuschauer zahlten 6,8 Millionen an Eintrittsgeldern, aus Fernseh- und Radio-Rechten wurden acht Millionen Euro erlöst. Die acht Millionen Euro Transfereinnahmen vereinigten Gojko Kacar (5,5 zum HSV) und Arne Friedrich (zwei Mio. nach Wolfsburg) zu weiten Teilen auf sich.
„Für ein Jahr konnten wir die Strukturen im Verein, auf der Geschäftsstelle und beim Nachwuchs halten“, sagte Schiller. Gleichwohl war der hohe Etat nur möglich, weil ein unbekannter Investor im Rahmen eines Spielerbeteiligungsmodells acht Millionen Euro in den Klub pumpte. Weil ein Teil dieses Betrages für die Schuldentilgung verwendet wurde, sind die Verbindlichkeiten von 37,4 Millionen (30. Juni 2010) auf 34,7 Millionen zum 30. Juni 2011 gesunken. In der laufenden Bundesliga-Saison, so Schiller, „ist es das Ziel, ein wirtschaftlich ausgeglichenes Ergebnis zu erzielen“. Das wäre ein Novum: Hertha hat seit vielen Jahren im laufenden Geschäft mehr Geld ausgegeben als eingenommen.
Sportliche Bilanz ist gut
Zur sportlichen Situation stellte Manager Preetz zufrieden fest: „Wir sind wieder mittendrin in der höchsten deutschen Spielklasse.“ Die Zwischenbilanz nach einem Drittel der Saison, nach 14 Liga- und zwei DFB-Pokalspielen, sei „absolut in Ordnung, wir spielen bis jetzt eine ordentliche Runde und stehen genau da, wo wir gern stehen: im gesicherten Mittelfeld“. Als Preetz diese Worte sprach, als er die Moral der Mannschaft lobte und auch ihre Fitness, war der Mann, dem der alles überragende Auftrag des Saisonziels Klassenerhalt übertragen wurde, längst nach Hause gefahren: Trainer Babbel.
„Leider“, sagte Preetz, könne er „zum mit Spannung erwarteten Thema nichts Neues sagen“, und nicht zu wiederholen brauche er den Wunsch nach Kontinuität auf dieser so wichtigen Position. Mehr Werben des Managers fand öffentlich nicht (mehr) statt. Aber Preetz verschaffte Babbel ein weiteres Zeitfenster. In der Winterpause, „fernab des Tagesgeschäfts“, werde genug Zeit bleiben, die Causa „in Ruhe und mit der gebotenen Sorgfalt zu besprechen“. Aber auch dieses Fenster wird sich rascher schließen, als Babbel sich das dieser Tage vielleicht vorstellen mag. „Seien Sie versichert“, rief Preetz den Mitgliedern zu, „dass bis zum Rückrundenauftakt in Nürnberg eine Entscheidung gefallen sein wird.“



