Hertha BSC

3:3 gegen Bayer spiegelt bisherige Saison wider

Hertha BSCs 3:3 gegen Bayer Leverkusen war ein echtes Fußball-Spektakel. Außerdem war die Partie ein Abbild der bisherigen Saison der Berliner – weil sie die Stärken vorführte, aber die Schwächen nicht verbarg.

Wieder waren sie ins Olympiastadion gekommen. Natürlich längst keine 45.000 wie beim 3:3 gegen Bayer Leverkusen. Aber immerhin doch 800 Berliner versammelten sich am Sonntag zur Mittagszeit in der Ostkurve – zum nach Meinung von Hertha BSC größten Weihnachtsfoto der Stadt. Und wie sie sich da auf Kommando von Manager Michael Preetz in Form eines Weihnachtsbaumes aufstellten mit ihren blau-weißen Weihnachtsmannmützen bei Glühwein und Weihnachtsmusik in die Adventszeit hineinschunkelten, da lebte beim ein oder anderen die Erinnerung wieder auf an die schöne Bescherung vom Vortag. An ein Spiel, das pures Spektakel war und mit all seinen Höhen und Tiefen ein Kondensat der bisherigen Saison des Aufsteigers – weil es dessen Stärken vorführte, aber auch die Schwächen nicht verbarg.

Da ist zum einen die Moral der Mannschaft, sich auch von noch so vielen Rückschlägen nicht unterkriegen zu lassen. Wie eine Woche zuvor in Freiburg wurde gegen Leverkusen erneut ein Zwei-Tore-Vorsprung verspielt, 2:3 hieß es diesmal sogar nach 79 Minuten. Aber mit Erfolg hat Babbel die Seinen gelehrt, dass die Minuten unmittelbar nach einem Tor auch für die erfolgreiche Seite nicht leicht sind, weil die Emotionen da zu Lasten der Konzentration gehen. Wodurch es sich für den Gegner leicht(er) zuschlagen lässt.

Den Beweis führte Pierre-Michel Lasogga. Drei Minuten nach dem Rückstand egalisierte er das Ergebnis. Jenes 3:3 zeige „den Charakter der Mannschaft“, befand Babbel: „Sie hat eine tolle Moral. Das ist eine Mannschaft, die einfach Spaß macht.“

Späte Tore zeugen von Moral

Schon zum fünften Mal im 14. Saisonspiel erkämpften sich die Berliner mit einem Tor nach der 80. Minute wenigstens noch einen Punkt. Auch in Hamburg (2:2) und Hannover (1:1) wurde spät zumindest noch das Remis gesichert. Gegen Stuttgart (1:0) gelang sogar noch der Sieg, so war es Ende Oktober auch in Wolfsburg. Da verging sogar nur eine Minute, ehe ebenfalls Lasogga dem 2:2 des VfL den 3:2-Siegtreffer entgegensetzte.

imageDrei Tore in Wolfsburg, drei auch gegen Leverkusen – auch das ist erstaunlich, weil für einen Aufsteiger nicht die Regel: An einem guten Tag, so scheint es, kann Herthas Offensive beinahe beliebig viele Treffer produzieren. Und der in dieser Hinsicht derzeit Beste in dieser Disziplin ist Lasogga: 19 Jahre alt, aber mit sechs Saisontoren Herthas erfolgreichster Schütze.

Lasogga bleibt bescheiden

Doch obwohl er, wie sein Trainer Babbel sagt, „jetzt der Hero ist“, bleibt Lasogga angenehm bescheiden. Mit regelrecht kindlicher Begeisterung erzählt er, wie er sich „nach wie vor auf jedes Wochenende freue, an dem ich Bundesliga-Luft schnuppern darf“. Seit seinem Startelfdebüt vor ziemlich genau einem Jahr hat Lasogga 43 Spiele für Hertha und die deutsche U21-Nationalmannschaft bestritten.

Just als viele Beobachter nun den Eindruck hatten, sein Akku sei dem roten Bereich gefährlich nahe, erzielte Lasogga den zweiten Doppelpack seiner Bundesliga-Karriere. Was das Kraftpaket auch für noch so renommierte Abwehrspieler so schwer zu verteidigen macht: „Ich versuche immer in Bewegung zu sein“, erklärt Lasogga. „Es gibt Momente, da ist es für Verteidiger schwer, den Ball und den Stürmer im Auge zu behalten.“

Verlust der Stabilität

Probleme mit dem Verteidigen hat in diesen Wochen aber auch Hertha. Aus diesem Grund reichte es gegen Champions-League-Achtelfinalist Leverkusen trotz dreier eigener Treffer nicht zum Sieg. „Uns ist die Stabilität verloren gegangen, die wir in den ersten fünf, sechs Spielen hatten“, klagt Manager Preetz. „Am Anfang der Saison war es schwer, sich Chancen gegen uns zu erarbeiten“, sekundiert Kapitän Andre Mijatovic.

Seine Forderung lautet: „Die Balance muss wieder besser werden.“ Beim zweiten Leverkusener Treffer sah Mijatovic sich im Strafraum allein mit zwei Gegenspielern konfrontiert. Und das 2:3 wäre nie entstanden, sagte er, „wenn vorher einer an der Mittellinie ein taktisches Foul begeht“. Schönen Gruß an die Herren im defensiven Mittelfeld.

Anhaltende Defensivschwäche

Die anhaltende Defensivschwäche – in den vergangenen vier Ligaspielen kassierte Hertha neun Gegentore – nervt den früheren Abwehrspieler Babbel. Die Fehler in jüngerer Vergangenheit waren mannigfaltig. Führungen ließen die Mannschaft passiv werden, der Verlust der eigenen Ordnung schuf Räume für die Gegnerschaft. Dazu hat Babbel eine gewisse Sorglosigkeit festgestellt. „Im Moment verlässt sich jeder auf seinen Nebenmann. Jeder Einzelne muss defensiv mehr Verantwortung übernehmen“, fordert der Trainer – und liefert einen interessanten Ansatz für den in dieser Hinsicht rückläufigen Trend: „Am Anfang waren wir gieriger.

Die Bundesliga war neu, jeder wollte sich beweisen. Jetzt ist so ein bisschen Alltag reingekommen. Wir sind wieder in der Bundesliga und stehen auch ganz ordentlich da.“ Aber gerade dieser Gedanke kann trügerisch sein. Mag Tabellenplatz zehn auch vergleichsweise kuschelig sein, so verweist Babbel mit einigem Recht doch auch darauf, dass „mit 18 Punkten noch niemand die Klasse gehalten hat“.

So ähnlich wird Babbel das heute Abend erneut mitteilen – wenn die Hertha-Gemeinde sich schon wieder versammelt. Diesmal nur nicht im Olympiastadion, sondern im ICC und zur traditionellen Mitgliederversammlung. Ein Weihnachtsgeschenk wird der Trainer dann allerdings nicht parat haben. Ob er den Fans zum Fest denn einen unterschriebenen Vertrag zu präsentieren gedenke, wurde Babbel auch Sonntag wieder gefragt. Seine Antwort, kurz und knapp: „Nö.“