Mehr als ein müdes Lächeln bringt Pierre-Michel Lasogga bei solchen Gedanken inzwischen nicht mehr zustande. Essen, Dortmund, demnächst noch Gelsenkirchen – sein Geburtsort Gladbeck liegt so nah an zahlreichen Spielstätten im Profifußball, er hat als Jugendlicher schon bei so vielen Klubs gespielt, auch in Wolfsburg, dass er sich fast im zweiwöchentlichen Rhythmus die Frage gefallen lassen muss: Und, Pierre, ist das nun ein besonderes Spiel für dich?
So geschehen natürlich auch vor der Partie gegen Bayer Leverkusen am Sonnabend (15.30 Uhr, Sky und im Live-Ticker von Morgenpost Online ) . Leverkusen war Lasoggas letzte Station, bevor er im Sommer 2010 zu Hertha BSC stieß, und so routiniert, wie der 19-Jährige inzwischen vor des Gegners Tor agiert, so fällt denn auch seine Antwort aus. „Natürlich ist es etwas Besonderes. Leverkusen ist eine Top-Mannschaft. Ich freue mich, dass sie kommen und hoffentlich die drei Punkte hier lassen“, sagt er.
Heynckes rät zu Wechsel in zweite Liga
Selbst Trainer Markus Babbel schmunzelt nur noch bei der ewigen Fragerei nach Lasogga. „Er hat in der Jugend mehr Stationen gehabt als ich in meiner ganzen Karriere“, scherzte er am Donnerstag, „aber Leverkusen war natürlich ganz wichtig für ihn.“ In der Tat. Denn in Leverkusen wurde ihm, dem damals A-Jugendlichen auf dem Sprung zu den Profis, schlicht gesagt: Junge, für dich geht es hier nicht weiter. Lasogga erinnert sich an den bitteren Moment der Wahrheit: „Ich habe damals meinen ganzen Mut zusammengenommen und bin zu Jupp Heynckes gegangen.
Er sagte mir: Pierre, du kannst gerne bleiben und weiter mittrainieren, aber zu mehr wird es nicht reichen.“ Er habe ihm dann auch empfohlen, den Schritt in die Zweite Liga zu gehen. „Ein guter Rat“, wie Lasogga im Nachhinein findet. Heynckes habe ihm zu einem Verein geraten, zu dem viele Zuschauer kommen und eine erstligaähnliche Atmosphäre herrscht, „das hat bei Hertha zu 100 Prozent gepasst“.
Fulminante erste Saison
Und bei Hertha drehte er gleich dermaßen auf, dass sie in Leverkusen wohl feuchte Augen bekommen haben werden: 13 Tore und fünf Vorlagen gelangen ihm in 25 Partien, auch in der aktuellen Spielzeit liegt der 19-Jährige für seinen Entwicklungsstand im Soll: Vier Tore stehen bislang zu Buche. Allerdings wäre es nun unfair zu behaupten, waren die Leverkusener um Sportdirektor Rudi Völler nicht vollends blind, als sie Lasogga nach Berlin zunächst ausliehen.
Der Klub verfährt seit Jahren so, sich Talente zu sichern und dann auszuleihen, der Verein beschäftigt gar einen eigenen Scout für die Talente in der Fremde. Die eigene U 23 allerdings, in der Lasogga alternativ hätte spielen müssen, kickt nur in der vierten Liga. So war der Wechsel nach Berlin logisch und, wie Lasogga selbst sagt, „eine überragende Entscheidung, es war ein Riesensprung. Ich muss dem Klub wirklich danken, dass er mir die Möglichkeiten gegeben hat, mich so zu entwickeln.“
Bei Bayer wäre das, selbst bei Einsätzen in der ersten Elf, wohl nur schwer möglich gewesen. Nationalspieler wie Stefan Kießling oder Eren Derdiyok versperrten den Weg. „Dann musst du hoffen, dass sie gleich alle ausfallen, das will man ja auch nicht“, sagt Lasogga. So gelangte er zu Hertha, und Manager Michael Preetz war so klug, den Vertrag, aus dem ihn Bayer theoretisch hätten zurückkaufen können, vorzeitig bis 2015 zu verlängern. Obwohl er, auch das sagen alle Beteiligten, noch einen Weg zu gehen hat bis zu einem echten Bundesligastürmer.
Zuletzt ein kleines Tief
So avanciert das Wiedersehen mit dem Klub, der ihn ziehen ließ, auch ein bisschen zu einer Erinnerung für ihn, wie weit der Weg ist. Denn in den letzten Partien lief es gerade nicht so rund, es sind wohl die normalen Tiefs, die ein junger Stürmer durchschreiten muss. Lasogga ist einer, der immer ein Highlight-Spiel hat, wie gegen Köln, als er mit zwei Vorlagen glänzte. Oder wie in Wolfsburg, als er ebenfalls zweimal auflegte und ein Tor sogar selbst erzielte. Dazwischen und danach allerdings müht er sich oft recht wirkungslos zwischen den Verteidigern ab. Er selbst sieht das naturgemäß nicht so. „In Freiburg war ich an vielen Angriffen beteiligt. Darum mache ich mir jetzt keinen Kopf, sondern spiele so weiter.“
Ganz falsch liegt er damit ja auch nicht, immerhin brachte ihm seine Spielweise bislang sieben Einsätze bei der U 21-Nationalmannschaft ein. Trainer Babbel sagt: „Er muss noch ein bisschen an sich arbeiten, aber für seine 19 Jahre ist er unheimlich weit.“ So gesehen ist es nur konsequent, wenn Lasogga mit Blick auf das Leverkusen-Spiel sagt: „Ich muss niemandem mehr etwas beweisen, ich möchte mein Spiel spielen, der Rest ist mir egal.“ Aber wie gesagt, diese Fragen kennt er ja schon – die dazugehörigen Antworten auch. Tief in ihm aber dürfte es ein wenig anders aussehen.



