Da stand nun also Christian Lell in den Katakomben des Stadions zu Freiburg, Hertha hatte gerade in einer turbulenten Partie nur 2:2 gespielt, und wurde nach seiner Sicht auf die Leistung des Schiedsrichters Markus Wingenbach gefragt. Im Hintergrund, gut in Lells Blickfeld angebracht, wurde auf den Monitoren gerade die Pressekonferenz mit DFB-Präsident Theo Zwanziger übertragen, der zu erklären versuchte, was sich im Fall Babak Rafati zugetragen hatte. Der Bundesliga-Referee hatte am Sonnabend versucht, sich das Leben zu nehmen. Lell hörte Zwanzigers Worte nicht, und doch wirkte es, als hätten sie sich abgesprochen. „Es kotzt mich an, dass wir jetzt schon wieder über den Schiedsrichter diskutieren müssen“, stieß er hervor, „ich habe ihm ins Gesicht gesehen. Als er den Platz verließ, hatte er Tränen in den Augen, das darf doch nicht sein.“ Wingenbach hatte ein Tor der Freiburger nicht anerkannt und war unter anderem mit Bierbechern beworfen worden.

Und dann formulierte Lell eine altbekannte Forderung: Die nach dem Videobeweis. „Ich weiß einfach nicht, welche Argumente es dagegen gibt“, sagte er. Dann schaute er auf die Monitore, wo noch immer Zwanziger sprach. „Da sitzt er jetzt wieder und redet“, sagte Lell und zeigte energisch auf den Bildschirm, „aber es ändert sich doch wieder nichts.“

Spürbare Verunsicherung

Nein, die Einführung des Videobeweises ist wohl tatsächlich nicht in Sicht, zumal dafür wohl eher der Weltverband zuständig wäre. Und doch meinte es Lell ernst. Am Sonntagmorgen, nach dem gemeinsamen Auslaufen mit der Mannschaft, erneuerte er seine Forderungen. Wenn auch etwas weniger emotional. „Wiegenbach tat mir am Ende fast schon leid, ich konnte sehen, wie verunsichert er in den letzten Minuten war.“ Und dieses Gefühl hatte er nicht etwa, weil er um den Fall Rafati wusste – die Mannschaft hatte erst direkt nach dem Spiel von dem Unglück erfahren. Nun ist es schon ein wenig bemerkenswert, dass ausgerechnet Lell mit diesen Forderungen auftrat. Schließlich war er es gewesen, der am heftigsten bei Schiedsrichter Wiegenbach protestiert hatte. Ein sachliches Gespräch sei das gewesen, betont er selbst, und überhaupt ging es ihm weniger darum, jegliche Emotionen aus dem Fußball zu nehmen. Jeder Spieler habe das Recht, sich zu ärgern. Vielmehr wolle er sich in Zukunft „aktiv dafür einsetzen“, dass in strittigen Situationen die Emotionen eben nicht überkochen. „So ein Videobeweis kann doch ganz viel Druck aus so einer Szene nehmen. Ich brauche nur eine halbe Sekunde, dann kann ich entscheiden“, sagt er. So aber hatte es in Freiburg mehrere Minuten gedauert, bis Schiedsrichter Wingenbach sich entschied, das zweite Tor von Stefan Reisinger nicht anzuerkennen, weil er den Eckball zuvor nicht angepfiffen hatte.

Zu viele Chancen vergeben

Allerdings enden Lells Bemühungen da schon recht schnell bei den eigenen Mitspielern. So kritisierte am Sonntag etwa Kapitän André Mijatovic: „Mir wäre es lieber gewesen, der Schiri hätte das Tor gegeben. Danach hatte ich den Eindruck, er will das kompensieren, er hat gar nichts mehr für uns gepfiffen.“

Daran allerdings hatte es nun wirklich nicht gelegen, dass sich Hertha eine 2:0-Führung noch aus der Hand nehmen ließ – das sah auch Mijatovic so. „Freiburg hat Harakiri gespielt. Das war doch unsere große Chance. Wenn wir das 3:0 machen, ist das Spiel vorbei.“ Auch Trainer Markus Babbel sah die Ursache vor allem darin, dass Adrian Ramos nicht eine seiner zahlreichen Torchancen nutzte. „Vielleicht hatte er einfach zu viel Zeit zum überlegen: Gehe ich an ihm vorbei? Soll ich den Ball vorbeischieben oder lupfen?“, mutmaßte Babbel. Aber, das immerhin lobte der Trainer dann doch, es sei wichtig, sich diese Chancen überhaupt erarbeitet zu haben. Nur, wenn sie vergeben werden sollte wenigstens die Defensive stehen. „Wir können nicht in jedem Spiel drei Tore schießen, weil wir hinten zwei kassieren“, kritisierte Babbel, der auch seinen als ängstlich bemängelten Wechsel (Verteidiger Lustenberger für Stürmer Lasogga) begründete. Die Ordnung sei in der Defensive immer mehr verloren gegangen, deshalb habe er es logisch gefunden, einen weiteren Defensivmann zu bringen. „Hinterher weiß man es besser.“

So kam Freiburgs Stefan Reisinger dann doch noch zu seinem zweiten Tor. Und zeigte sich am Tag danach einsichtig, obwohl er dem ersten Hattrick seiner Karriere schon noch ein wenig nachtrauerte: „Der Schiedsrichter hat korrekt nach den Regeln gehandelt. Seine Entscheidung war nachvollziehbar“, sagte er. Vielleicht ist Lells Wunsch nach ein bisschen mehr gegenseitigem Respekt also gar nicht so abwegig. Allerdings kann Reisinger auch besonders gut nachvollziehen, wie es sich so anfühlt als Unparteiischer: Mit 17 Jahren absolvierte er selbst eine Ausbildung zum Schiedsrichter und leitete bereits zahlreiche Partien in der Verbandsliga.