Fußball-Europameisterschaft 2012

Bei der EM gucken die Herthaner nur zu

Erstmals seit 1998 könnte kein Akteur des Bundesligaklubs bei einem Top-Turnier dabei sein. Weder Fabian Lustenberger für die Schweiz noch Levan Kobiashvili für Georgien ist bei der Europameisterschaft noch im Rennen. Für die EM 2012 bleiben daher nur noch Hintertüren.

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Begonnen hat es mit einem Paukenschlag. Der Name Hertha BSC ging an jenem Nachmittag im Juni 1998 um die Welt. Weil Kjetil Rekdal, Profi des Hauptstadt-Klubs, bei der Weltmeisterschaft in Frankreich in Marseille für eine Sensation sorgte. Mit einem cool verwandelten Foulelfmeter in der letzten Spielminute sicherte Rekdal Norwegen den Einzug ins WM-Achtelfinale. Die Aufmerksamkeit rührte daher, dass der Außenseiter aus Skandinavien durch den Herthaner den Rekordweltmeister Brasilien mit 2:1 bezwang.

Wenn am Mittwochabend die Gruppenphase der Qualifikation für die Europameisterschaft 2012 endet, sieht es so aus, als ob eine lange Serie zu Ende geht. Gut möglich, dass beim wichtigsten Fußball-Turnier des Jahres erstmals seit 1998 kein einziger Profi von Hertha BSC dabei ist.

Überraschung durch Friedrich

Beginnend mit Rekdal hat der Bundesligist über anderthalb Jahrzehnte seinen Stellenwert im internationalen Fußball demonstriert. Zugegeben, es hat nie einen Hertha-Block gegeben, wie es aktuell in der deutschen Mannschaft mit den Nationalspielern des FC Bayern der Fall ist. Aber ob Europameisterschaften oder Weltmeisterschaften – bei sieben Großereignissen in Folge waren seit 1998 jeweils Berliner im Einsatz. Es gab erstaunliche Leistungen wie die von Arne Friedrich bei der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika. Wo der Innenverteidiger, der in der Abstiegssaison von Hertha so viele rätselhaft schwache Spiele abgeliefert hatte, gegen die weltbesten Stürmer der Kategorie Wayne Rooney, Carlos Tevez oder Diego Forlan überzeugte. Es gab undankbare Reisen wie die von Dariusz Wosz. Der Mittelfeld-Dribbler von Hertha war bei der EM 2000 von der Vorbereitung bis zum letzten Turnierspiel dabei. Aber obwohl die DFB-Elf in Holland und Belgien ein desaströses Turnier spielte und bereits in der Vorrunde scheiterte, stand Wosz nicht eine Minute auf dem Platz. Lohn des Aufwandes: Wosz war der Spott als „EM-Tourist“ sicher.

Josip Simunic brachte es bei der WM 2006 in Deutschland ins Kuriositäten-Kabinett der Fußball-Historie. Als erster WM-Spieler überhaupt schaffte der Hertha-Verteidiger es, in einem Weltmeisterschaftsspiel drei Gelbe Karten zu kassieren. In einer dramatischen Partie scheiterte Kroatien, als Geheimfavorit gehandelt, bereits in der Vorrunde durch ein 2:2 gegen Australien. In der chaotischen Schlussphase dieser Begegnung kassierte Simunic in der 90. Minute seine zweite Gelbe Karte. Der englische Schiedsrichter Graham Poll hatte aber mittlerweile den Überblick verloren und beließ den Berliner auf dem Platz. Simunic, der nicht gut verlieren kann, trat erneut zu, nach seiner dritten Gelben Karte holte er sich doch noch seinen, nun wirklich verdienten, Platzverweis ab (90.+3).

Vorbei. Bei der EM 2012 wird Hertha der Abstiegssaison 2009/10 Tribut zollen. Der internationale Stellenwert ist gesunken. Das, was am meisten prestigeträchtig ist, kann der Verein derzeit nicht bieten: einen deutschen A-Nationalspieler. Der Hauptstadt-Klub hat sich in der vergangenen Zweiten Liga-Saison neu aufgestellt. Die einstigen Turnierfahrer wie Friedrich, Simunic oder Steve von Bergen sind längst weitergezogen. Jene Herthaner, die aktuell für ihre Nationen im Einsatz sind, hatten Pech. Die Schweiz, wo Fabian Lustenberger künftig eine Rolle spielen wird, hat die EM verpasst. Levan Kobiashvili darf sich zwar als erster Spieler seines Landes über das 100. Länderspiel freuen. Doch Georgien ist längst aus dem Rennen, egal wie die ausstehende Partie gegen Griechenland endet.

Für die EM 2012 bleiben nur Hintertüren: Manndecker Roman Hubnik hofft in Gruppe I mit der tschechischen Nationalmannschaft (10 Punkte), Schottland (11) überholen zu können, um wenigstens die Play-off-Runde zu erreichen. Tunay Torun hofft, dass die Türkei sich vielleicht doch noch qualifizieren kann – und der Angreifer aus Berlin mal tatsächlich ins türkische Aufgebot berufen wird.

Heiße Eisen im Feuer

Selbst wenn kein Herthaner bei der anstehenden Europameisterschaft in Polen und der Ukraine dabei ist, die Perspektiven sehen besser aus: Mit Blick auf die Titelkämpfe 2014, die in Brasilien ausgetragen werden, können nicht nur Adrian Ramos (Kolumbien) oder Nikita Rukavytsya (Australien) dabei sein. Mit Pierre-Michel Lasogga, Sebastian Neumann, Fanol Perdedaj, Abu Bakarr Kargbo, Niko Schulz (alle für Deutschland), Marco Djuricin (Österreich) und John Brooks sowie Jerome Kiesewetter (beide USA) hat Hertha bei diversen Junioren-Nationalmannschaften einige Eisen im Feuer.