Bundesliga

Herthas Torun träumt von türkischer Nationalelf

Berlin im Herzen, Istanbul im Blick: Beim HSV konnte sich Herthas Linksaußen Tunay Torun nicht durchsetzen, in Berlin mutiert der Deutsch-Türke zum Torjäger und hat einen großen Plan.

Foto: pa

Manchmal ist ein wenig Abstand ganz gut, um die Wahrheit zu erkennen. Da lehnten rund 20 Polizisten aus ganz Deutschland entspannt am Zaun des Schenckendorffplatzes, eigentlich waren sie gekommen, um den Besuch des Papstes im Olympiastadion zu sichern. Weil die Kollegen aber schon am Vortag einen Großteil der Arbeit wie das Verschweißen von Gullydeckeln übernommen hatten, konnten die volluniformierten und bewaffneten Gesetzeshüter in Ruhe das morgendliche Training von Hertha BSC verfolgen. „Wenn das jetzt schon ohne Gegner nicht klappt, wie soll es dann erst in der Bundesliga hinhauen?“, fragte einer von ihnen nach einigen erfolglosen Versuche der Profis, Angriffe in Überzahl abzuschließen. Wie wahr.

Am Ende waren aber alle begeistert von der Show, die der Fußball-Bundesligist ihnen bot. Vor allem, weil die Mannschaft zum Schluss zu einem gemeinsamen Gruppenbild lud – der gesamte Kader mit etwa 60 Polizisten auf einem Bild, das hat schon seltenheitswert. „Ich habe mich hier noch nie so sicher gefühlt“, scherzte Trainer Markus Babbel. Einzig: Die Leistungsträger Christian Lell (Rückenblockade) und Adrian Ramos (Nachwehen einer Operation am Gesäß) fehlten im Training und somit auch auf dem Foto, immerhin war Stürmer Pierre-Michel Lasogga wieder mit von der Partie. Laut Babbel werden aber auch Lell und Ramos rechtzeitig fit für die Partie am Sonntag in Bremen – sodass die Frage nach einem möglichen Not-Angriff schnell ad acta gelegt werden konnte. Einer, der ein Kandidat für die Sturmspitze gewesen wäre, hatte sich derweil auf dem Bild ganz besonders prominent in Szene gesetzt: Tunay Torun. Ihm oblag die Ehre, sich mit dem Ball vor die gesamte Meute zu legen, ein spitzbübisches Lächeln umspielte dabei seine Lippen. Und wenn es noch eines Beweises bedurfte, dass der Deutsch-Türke wahrlich angekommen ist bei Hertha: Bitteschön, da war er.

Zwei Tore hat der Zugang vom Hamburger SV in dieser Saison bereits geschossen, da kann bislang nur Raffael mithalten. „Ich habe mich aber auch schon während der Vorbereitung super wohl hier gefühlt, die Tore haben dabei jetzt keine Rolle gespielt“, betont er. Seinen ersten Treffer erzielte er ausgerechnet beim Hamburger SV, jenem Klub, dem derzeit das Wasser bis zum Hals steht. Auch Torun lässt das nicht kalt. „Ich hoffe doch sehr, dass der HSV bald wieder aus diesem Chaos rauskommt“, sagt er, und fügt an: „Mir tut es weh, das zu sehen. Ich hatte doch eine gute Zeit dort.“

Verhängnisvoller Kreuzbandriss

Dabei war dem flinken Linksaußen dort der ganz große Durchbruch, wie er ihn derzeit bei Hertha zu erleben scheint, nie vergönnt. 2009/10 sah es erst so aus, als könne er sich durchsetzen. 19 Spiele bestritt er in der Saison, zwei Tore und zwei Vorlagen gelangen ihm – bis ihn ein Kreuzbandriss ausbremste. Den Anschluss schaffte er danach nicht mehr so recht.

Mit seinem Wechsel nach Berlin ging er dennoch ein großes Wagnis ein, verfügte Hertha schon vor seiner Verpflichtung nicht gerade über einen Mangel an Offensiv-Allroundern. Hinzu kam seine persönliche Bindung an seine Geburtsstadt Hamburg. Der erst 21 Jahre alte, familienverbundene Torun kam in eine fremde Stadt, musste sich erstmals eine eigene Wohnung suchen – in Hamburg hatte er noch bei seinen Eltern gelebt, ganz in der Nähe der Reeperbahn. Sein neues Domizil schlug er in Berlin postwendend ganz in der Nähe des Kurfürstendammes auf, weil „mein Besuch etwas erleben soll“, wie er sagte. Dabei war er es zunächst, der wie zu Besuch war – denn seine neuen Mitspieler, vor allem die jüngeren Ur-Berliner – nahmen ihn sofort unter ihre Fittiche und zeigten ihm die Hauptstadt. Wohl auch deshalb spricht Torun sehr häufig von einem Zusammenhalt, den er beim HSV so nicht kennengelernt habe.

Sein zweites Tor nun im letzten Heimspiel gegen Augsburg, als er den Ball eiskalt freistehend versenkte, feierte er vollkommen ausgelassen vor der Südtribüne, wo seine Mutter und sein kleiner Bruder saßen. Immer wieder zeigte er ins Publikum, dann haute er mit der Faust auf die Werbebande, dass einem angst und bange wurde. Später sagte er: „Dass meine Familie im Stadion war, hat mich natürlich noch stolzer gemacht, als ich ohnehin schon war.“ Bodenständig ist er, das merken Beobachter in jedem Gespräch, dazu bescheiden – und doch auf eine ehrliche Art ziemlich selbstbewusst.

Dabei, und das ist interessant an seinem Spiel, scheiden sich an Torun ein wenig die Geister. Der Trainer setzt derzeit bedingungslos auf ihn, auch die Statistik ist auf seiner Seite. Viele Fans aber halten seine wuselige Art zu spielen für uneffektiv. Zu viel Aufwand für zu wenig Ertrag, lautet die Kritik. Und tatsächlich teilte Torun im Trainingslager nicht nur ein Zimmer mit Patrick Ebert, wo er seinem Spielpartner auf der anderen Außenbahn türkischen Rap beibrachte. Nein, er teilt auch dessen Angewohnheit, einem guten Spiel häufig mal ein schwächeres folgen zu lassen – oder umgekehrt. Beide präsentieren sich in dieser Spielzeit bislang mit ganz viel Licht, aber auch jeder Menge Schatten, teils beides in einem Spiel.

Kontakt zu Hiddink

Und doch hat Toruns schnelles, direktes Spiel Begehrlichkeiten geweckt. Den ersten Einsatz für die türkische Nationalmannschaft hat er bereits hinter sich, mit der U21 nahm er sogar schon an der Qualifikation zur Europameisterschaft teil. Dass er in der A-Elf zuletzt nicht zum Zuge kam, findet Torun nicht sonderlich schlimm. „Wir haben so viele gute Fußballer, da ist es eine Riesenehre, überhaupt zum 24er-Kader zu gehören“, sagt er. Nach dem Sieg in Dortmund, bei dem er in der ersten Hälfte einer der besten Hertha-Spieler war, habe er einen Anruf von Nationaltrainer Guus Hiddink bekommen. „Er hat mir versichert, dass er langfristig mit mir plant“, sagt Torun. Für die ganz große Karriere, das weiß er selbst, muss er noch ein bisschen zulegen.

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