Mit Scherzen in diese Richtung ist im größenwahnsinnigen Berlin bekanntlich vorsichtig umzugehen. Peter Niemeyer wagte am Sonnabend im Inneren des Dortmunder Stadions aber doch eine kleine Spitzzüngigkeit. Sichtbar klebte das blau-weiße Trikot schweißnass auf der Haut, als er nach dem 2:1 über den Deutschen Meister nach den Titelambitionen des Aufsteigers Hertha BSC gefragt wurde. „Das Meister-Shirt“, sagte er, „trage ich schon drunter.“

Nur Fantasten reihen den Hauptstadtklub jetzt ernsthaft in den Kreis der Kandidaten für die Nachfolge des BVB im Mai 2012 ein. Immerhin aber reklamiert Kapitän Andre Mijatovic für sich und die Seinen: „Mit uns ist zu rechnen.“ Acht Punkte aus fünf Spielen und nur fünf Gegentore haben selbstbewusst gemacht: „Wir sind jetzt in der Bundesliga angekommen.“

Lell: Mehr Flanken als Lahm

Mit dieser Defensive! Sah doch etwa der unfehlbare Fußballexperte Mario Basler schon „Krampfadern“ über den Platz grätschen. Links „der alte Kobiashvili“ . Biblische 34 Jahre ist der georgische Rekord-Internationale alt, hat in dieser seiner zwölften Bundesliga-Saison bis jetzt aber 65 Prozent seiner Zweikämpfe gewonnen. Rechts sah Basler in seiner durch die Wirklichkeit ad absurdum geführten Zeitungskolumne „den rumpeligen Lell“ zu Werke gehen. Dieser 27-Jährige hat auch dank seiner Laufstärke schon zwölf Flanken in den Strafraum des Gegners hineinregnen lassen – fünf mehr etwa als der für seine Flankenläufe gerühmte Bayer Philipp Lahm. In Summe biete „jede Lichterkette mehr Schutz vor dem Robben und dem Ribery“ als Herthas innen von Mijatovic (31) und Hubnik (27) komplettierte Viererkette.

Der tatsächlich von vielen als Prototyp des ewigen Zweitligaprofis eingestufte Mijatovic hat bis jetzt weniger als zwei Foulspiele pro Partie begangen. Dafür hat er 60 Prozent seiner Zweikämpfe gewonnen und auch schon ein Tor erzielt und ein weiteres vorbereitet – jeweils per Kopf. Alles nicht die schlechtesten Argumente für eine Verlängerung seines zum Saisonende auslaufenden Vertrages bei Hertha; als Anführer in der Kabine genießt der Kroate ohnehin höchstes Ansehen. Über die sportlichen Zweifel hat er am Sonntag kurz gelächelt und sich dann zu sagen getraut, dass er sich von der anhaltenden Diskussion um speziell seine Bundesligatauglichkeit nicht irritieren lasse: „In Barcelona gibt es auch Diskussionen, ob Puyol noch gut genug ist.“ Der ist 33 und fußballerisch ebenso wenig mit Mijatovic vergleichbar, wie sich zwingend Parallelen von Hertha und Barcelona auftun. Aber für den Moment bleibt festzuhalten: Das zum Spiel gegen Stuttgart (1:0) wiedervereinte Berliner Abwehrquartett der Zweitligasaison war bis zu Robert Lewandowskis Anschluss zum 2:1-Endstand 178 Minuten lang ohne Gegentor geblieben. So gern Hajnal und Großkreutz und Kagawa Berlins vermeintlich alte Männer auch einfach überdribbelt hätten – sie durften nicht, und das liegt am immer besseren Zusammenspiel der einzelnen Defensivkomponenten.

Wenn Trainer Markus Babbel die formidable Entwicklung begründen soll, so tut er dies damit: „Wir arbeiten jetzt alle ein Jahr zusammen, hatten nicht so viele Neue, und die wenigen haben sich relativ schnell akklimatisiert.“

Ottl verdrängt Lustenberger

Auch Adrian Ramos und Raffael sind als vorderste Ballklauer an die Prozesse gewöhnt. Der Hauptteil der Defensivarbeit findet freilich hinter ihnen statt. „Grandios“, lobt Babbel, hätten die Innenverteidiger und die zentralen Mittelfeldspieler Niemeyer und Andreas Ottl gewirkt. Zu Letztgenannten lautete die externe Kritik, sie wären von den Reservebänken der Liga – präzise: denen von Werder Bremen und FC Bayern – zusammengekauft. War das Auswärtsspiel gegen Dortmund auch das erste, in dem Zugang Ottl eine herausragende Leistung zeigte, so hat er sich für den Moment doch klar vor dem vergangene Saison noch gesetzten Schweizer Nationalspieler Fabian Lustenberger etabliert.

Wie automatisiert klappte in Dortmund zwischen Hubnik/Mijatovic und Niemeyer/Ottl das Übergeben und Übernehmen von Gegenspielern, eng standen die vier beisammen, um den wieselflinken Dortmundern so wenig Raum wie möglich zu lassen. „Defensiv war es perfekt“, schwärmt Mijatovic vom Vortrag gegen den BVB. Denn auch durch Flanken waren er und Hubnik nur einmal entscheidend zu bezwingen.

Dortmund habe sich wohl „aus dem Spiel heraus selten so wenig Chancen erspielt“ wie gegen Hertha, so Niemeyers Urteil. Im steten Streben nach Verbesserung nahm er das späte Gegentor (88. Minute) aber zum Anlass, auch davon zu sprechen, dass sie alle in solchen (oftmals hitzigen Schluss-)Phasen „noch erfahrener, noch erwachsener“ werden könnten.